Luca Thönes, LL.M., Wirtschaftsjuristin und Associate bei Luther

"Ich emp­finde mich als voll­wer­tiges Mit­g­lied im Anwalts­team"

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Luca Thönes gelang ohne ein klassisches Jura-Studium der Einstieg als Associate bei Luther. Im Interview stellt sie ihren LL.B.- und LL.M.-Studiengang vor, erklärt ihre Aufgaben und gibt Wirtschaftsjurist:innen Tipps für die Karriere.

LTO: Sie haben Comparative and European Law studiert. Was ist der Unterschied zum klassischen Jura-Studium?

Luca Thönes: Comparative and European Law legt von Anfang an einen zentralen Fokus auf ein rechtsvergleichendes europarechtliches Verständnis. Neben der Vermittlung von klassischen zivil-, straf- und öffentlich-rechtlichen Kenntnissen bietet das Studium eine Vielzahl von europarechtlichen oder rechtsvergleichenden Vorlesungen, z.B. mit Bezug zum Common Law. Außerdem ist ein einjähriges Auslandstudium Pflicht, das ich in Belfast verbracht habe. 

Wieso haben Sie sich für diesen Studiengang entschieden?

Mir war von Anfang an der internationale Bezug sehr wichtig. Ich habe vor meinem juristischen Studium einige Semester lang Kultur- und Sozialanthropologie in Wien studiert, was ebenfalls sehr international ausgerichtet ist. Ich wollte diese Perspektive in meinem juristischen Studium beibehalten. Mit diesem LL.B. habe ich das ganz normale juristische Grundstudium sowie Teile des Schwerpunkts durchlaufen. Es erschien mir eine gute Mischung. 

Haben Sie ein Referendariat absolviert?

Nein, das ist bei einem Werdegang mit LL.B. und LL.M. nicht vorgesehen. Ich könnte das juristische Schwerpunktstudium zwar noch beenden und dann die beiden Staatsexamina ablegen und das Referendariat durchlaufen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe ich das aber nicht vor.

Sie sind nach dem Studium bei Luther eingestiegen. Warum haben Sie sich für eine Karriere in einer großen Anwaltskanzlei entschieden und warum für Luther?

Nach Abschluss meines LL.B. wollte ich mich weiter spezialisieren und habe den Bereich der internationalen Schiedsverfahren für mich entdeckt. Aus diesem Grund habe ich auch den entsprechenden LL.M. in Miami absolviert. Nach Abschluss des Studiums dort war für mich klar, dass ich in diesem Rechtsbereich arbeiten möchte. 

In den großen internationalen Verfahren lassen sich die Parteien meistens durch Großkanzleien vertreten. Und Luther ist eine der wenigen Großkanzleien in Deutschland, die über ein reines Arbitration-Team und nicht, wie viel andere, über ein gemischtes Litigation/Arbitration-Team verfügt. Zudem hatte ich bereits im Rahmen einer Konferenz einen meiner jetzigen Teamkollegen kennengelernt. Eine Bewerbung bei Luther war darum für mich die logische Konsequenz. 

Wie lief das Onboarding bei Luther?

Den ersten Arbeitstag bei Luther verbrachte ich im Kölner Büro beim Einsteigertag. An diesem Tag werden u.a. alle relevanten Office-Programme vorgestellt und man wird mit der jeweiligen IT ausgestattet. Mir ist positiv in Erinnerung geblieben, dass diesen Tag alle neuen Mitarbeiter – ob Rechtsanwalt, Student oder Sekretariatsmitarbeiter – gemeinsam absolvieren. Am zweiten Tag ging es dann in meinem Team im Hamburger Büro los. Nachdem ich alle Teammitglieder kennengelernt hatte, wurde ich an das erste Verfahren herangeführt, an dem ich mitarbeiten durfte.

Wie ging es nach den ersten Wochen weiter?  

Die ersten Wochen bei Luther waren vollständig durch die Einarbeitung in das Schiedsverfahren, an dem ich mitarbeiten sollte, bestimmt. Es handelte sich um ein Investitionsschiedsverfahren, in dem wir ca. 2-3 Monate später einen Schriftsatz einreichen mussten. Schriftsätze in dieser Art Verfahren umfassen leicht einige Hundert Seiten, nicht selten begleitet von langen Expertengutachten und schriftlichen Zeugenaussagen. Ich habe die nächsten Wochen also damit verbracht, sämtliche Schriftsätze zu lesen und in der Vorbereitung unserer Replik zu unterstützen.

"Es schränkt mich kaum ein, dass ich nicht rechtsberatend tätig sein darf"

Sind Sie vollwertiges Mitglied im Anwaltsteam? 

Das empfinde ich so, ja. Unser Team ist sehr divers und besteht neben Volljuristen auf allen Karrierestufen und mir auch regelmäßig aus Foreign Associates, Referendaren und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Jeder einzelne ist ein vollwertiges Mitglied unseres Teams mit eigenverantwortlichen Arbeitsbereichen.

Haben Sie aufgrund Ihrer Ausbildung andere Aufgaben als die Kolleg:innen in Ihrem Team? 

Teilweise. Aufgrund meiner fehlenden Rechtsanwaltszulassung darf ich nicht eigenständig rechtsberatend tätig sein. Das schränkt mich in meinen wesentlichen Arbeitsbereichen jedoch kaum ein. 

Neben meiner Arbeit im Arbitration-Team unterstütze ich seit inzwischen zwei Jahren auch einen Partner im Bereich maritimer Transaktionen. Hier übernehme ich sämtliche Aufgaben in der Vertragsausfertigung, der Bearbeitung aller flaggenrechtlichen Thematiken, der Vorbereitung sämtlicher Ablieferungsdokumente sowie den Closing-Prozess. All diese Aufgaben, die ansonsten auch durch Volljuristen durchgeführt werden, kann ich uneingeschränkt leisten. 

Im Bereich der internationalen Schiedsverfahren nimmt die eigentliche deutschrechtliche Beratung meistens nur einen eher kleinen Teil der Mandatsarbeit ein. Mir fallen dort regelmäßig sämtliche Aufgaben im Bereich des Case Managements zu, was mir liegt. Auch gehören die Aufarbeitung komplexer faktischer Sachverhalte und die Ausarbeitung von Schriftsätzen zu meinen Aufgaben.

Würden Sie sich noch einmal für Luther entscheiden?

Ja, das würde ich. 

"Die Arbeit in einem internationalen Schiedsverfahren ist sehr vielseitig"

Sie haben Ihr Master-Studium im Fachbereich International Arbitration gemacht. Wie kam es zu der Spezialisierung und was ist für Sie der Reiz?

Wie schon beschrieben, war mir die internationale Komponente in meinem Studium - wie auch in meiner heutigen Arbeit - sehr wichtig. Außerdem wollte ich mich in einem Rechtsbereich spezialisieren, in dem ich auch als Wirtschaftsjuristin vollumfänglich arbeiten und eingesetzt werden kann. 

Reizvoll finde ich auch, dass die Arbeit in einem internationalen Schiedsverfahren sehr vielseitig ist. Jedes Verfahren bringt andere inhaltliche Schwerpunkte mit sich. Bei Luther befassen wir uns sowohl mit Handels- als auch mit Investitionsschiedsverfahren, zumeist in Form der Parteivertretung. Da die erfahreneren Kollegen in meinem Team auch häufig Schiedsrichtermandate übernehmen, bei denen ich unterstützend tätig sein kann, lerne ich ebenso die Perspektive des Schiedsgerichts einzunehmen, prozessuale Dokumente abzufassen und führe Vorarbeiten zum Erlass eines Schiedsspruchs aus.

Wo sehen Sie bei Ihrem Studium Vorteile im Vergleich zu einem klassischen Jurastudium?

Im Rahmen meines LL.B.s haben wir einige Vorlesungen gemeinsamen mit den Studenten des klassischen Jurastudiums besucht. Dazu kamen Europarechts- und rechtsvergleichenden Vorlesungen und Seminare, durch die man eine gute internationale Perspektive erlernt hat, die einem im späteren Berufsleben hilft. Auch den verpflichtenden Auslandsaufenthalt sehe ich als klares Plus gegenüber dem klassischen Jurastudium.  

Welche Fähigkeiten, Interessen oder Talente sollte man für Ihren Fachbereich mitbringen?

Ich empfehle Ausdauer, gute Englisch- und andere Fremdsprachenkenntnisse, Interesse an anderen Rechtsgebieten, Organisationstalent, auch Interesse sich in spezielle Sachbereiche einzuarbeiten, z.B. durfte ich den Aufbau und Betrieb von Atomkraftwerken oder auch Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie kennenlernen. Außerdem Empathie und einen guten Umgang mit Menschen, da man regelmäßig mit Zeugen und Gutachtern aus ganz verschiedenen Bereichen zu tun hat. 

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Den gibt es glücklicherweise nicht. Die Gestaltung meines Arbeitsalltags ist sehr davon abhängig, ob ich mich gerade mit Aufgaben aus dem maritimen Bereich, dem Schiedsverfahrensbereich oder beidem beschäftige. Außerdem kann der Arbeitstag sich sehr unterschiedlich gestalten, je nachdem in welcher Phase der Transaktion oder des Schiedsverfahrens wir uns gerade befinden. 

Mein Tag kann damit gefüllt sein, dass ich die Übergabe oder Übernahme eines Schiffes vorbereite, die jeweiligen Anträge bei den entsprechenden Ämtern erstelle und einreiche, die Ablieferungsdokumente entwerfe und mich hierzu mit der jeweiligen Gegenseite oder dem beteiligten Broker sowie dem Management des Schiffs abstimme. Steht ein Closing an, plane ich mindestens einen halben Tag dafür ein. 

Sind wir gerade kurz vor Einreichung eines Schriftsatzes in einem Schiedsverfahren, stelle ich mich auf lange Arbeitstage ein, an denen ich Textbausteine für Schriftsätze entwerfe und überarbeite, Anlagen zusammenstelle, ggf. schriftliche Zeugenaussagen vorbereite, mich mit den Zeugen und Mandanten koordiniere sowie bei Bedarf Übersetzungsarbeiten durchführe oder mich hierzu mit Übersetzungsbüros abspreche. Je nach Länge des Schriftsatzes trage ich dafür Sorge, dass alle anderen Teamkollegen ihre jeweiligen Abschnitte ebenfalls fristgerecht finalisieren und sie im finalen Schriftsatz zusammen passen. Zudem übernehme ich oft die prozessuale Korrespondenz mit dem Schiedsgericht.

Steht eine mündliche Verhandlung in einem Schiedsverfahren an, bin ich für die Organisation der Austragung, also des Verhandlungsorts, der benötigten Technik etc. verantwortlich, wie auch an der Vorbereitung von Opening- und Closing-Statements und Kreuzverhören für Zeugen und Experten beteiligt. An ruhigeren Tagen arbeite ich die Sachverhalte der Verfahren auf und strukturiere das vorhandene Material oder recherchiere zu materiell- und prozessualen Fragestellungen.

Was macht den Bereich Arbitration bei Luther aus?

Ganz eindeutig die Vielseitigkeit. 

"Angehende Wirtschaftsjurist:innen sollten sich spezialisieren"

Was war der bisher schönste Momente in Ihrem Berufsleben?

Ich war bis Herbst letzten Jahres als Lead Associate in einem Post-M&A-Schiedsverfahren tätig. Diese Aufgabe war für mich inhaltlich und prozessual eine große Herausforderung, da es in dem Verfahren mehrere unterschiedliche Schadenskomplexe basierend auf einer sehr breiten Faktenlage gab. Diese gesamte Faktenlage aufzuarbeiten, zu verstehen, in den notwendigen rechtlichen Rahmen zu gießen und darzustellen, erforderte zum Teil fast tägliche Gespräche mit den Mandanten, zahlreichen Zeugen und Gutachtern. Es war eine sehr arbeitsintensive Phase, in der ich viel gelernt und viele neue Erfahrungen gemacht habe und an der ich sehr gewachsen bin. 

Am Ende haben wir für unsere Mandanten ein super Ergebnis erzielt. Ein besonderes schöner Moment war dann, als uns die Mandanten im Anschluss an die erste mündliche Verhandlung eine Dankesnachricht zukommen lassen haben, in der sie uns für unseren "unglaublichen Einsatz" und unsere "unglaublich gute Vorbereitung" gedankt haben. Diese Worte der Anerkennung und Wertschätzung in meinem ersten Verfahren als Lead Associate werde ich sobald nicht vergessen.

Gab es auch Momente, an die Sie sich weniger gern erinnern?

Da gibt es eigentlich keinen speziellen Moment. Ich werde aber noch immer häufig damit konfrontiert, dass das Berufsbild eines Wirtschaftsjuristen nicht bekannt ist bzw. nicht bekannt ist, wie man uns einsetzen kann. Das ist sehr schade! 

Was sind Ihre Ziele für die berufliche Zukunft?

Ich plane derzeit meine weitere Karriere mit Luther. Wenn auch die Kanzlei sich dazu entschließen könnte, ein zukunftsweisendes Karrieremodell für Wirtschaftsjuristen zu etablieren, sollte dem langfristig nichts entgegenstehen. 

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die eine Laufbahn als Wirtschaftsjurist:in anstreben? 

Spezialisiert euch. Spezialisiert euch in einem Rechtsbereich, in dem ihr trotz fehlender Rechts-anwaltszulassung breitflächig einsatzfähig seid. Davon gibt es genug. Und dann bringt Zusatzqualifikationen mit, die Volljuristen ggf. nicht im Rahmen ihrer Ausbildung erlernt haben. Dies können vertiefte Kenntnisse der Wirtschaftswissenschaften, im Bereich des internationalen oder Europarechts, anderer Sprachen, IT, etc. sein. Gerade diese besonderen Kenntnisse, die wir im Vergleich zu Volljuristen im Rahmen unseres Studiums lernen, zeichnen uns aus.

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