ClickCeaseSmall Talk: Was macht man als Migrationsrechtlerin?
Small Talk mit Migrationsrechtlerin Nizaqete Bislimi-Hošo

"Es ist wichtig, sich nicht immer auf das Nega­tive zu kon­zen­trieren"

von Pauline DietrichLesedauer: 6 Minuten

Im Small Talk fragen wir Juristinnen und Juristen, was sie denn so machen. Heute: Nizaqete Bislimi-Hošo über ihren Alltag als Migrationsrechtlerin und ihre eigenen Erfahrungen als Jurastudentin ohne gesichertes Aufenthaltsrecht.

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LTO: Frau Bislimi-Hošo, Sie sind Fachanwältin für Migrationsrecht. Was macht man denn da den ganzen Tag?

Nizaqete Bislimi-Hošo: Morgens mache ich mir immer einen Plan für den jeweiligen Tag: Wann will ich telefonieren, wann kann ich Gerichte und Behörden erreichen? Nachmittags habe ich in der Regel Mandantengespräche, ich habe dafür feste Terminsprechzeiten. Die sind sehr eng getaktet und gerade, wenn jemand zum ersten Mal zu mir kommt, hat er oder sie viel zu erzählen. Ich muss das Gespräch dann stark steuern, damit ich mehrere am Tag führen kann.  Dieser Bereich zeichnet sich nun einmal dadurch aus, dass man viel mit "echten" Menschen zu tun hat – mit "echten" Problemen, die nicht im Lehrbuch stehen. Man ist mitten im Leben.

Ähneln sich die Fälle, mit denen Sie zu tun haben?

Nein, sie sind ganz verschieden. Das ist das Besondere an meinem Job: Jeder Fall ist wirklich ein Einzelfall. Das zu erkennen, ist wiederum entscheidend für den juristischen Erfolg des Falls. Bei hochemotionalen Fällen haben die Menschen immer besondere Erwartungen an mich. Man muss einerseits empathisch sein, darf sich aber andererseits nicht so sehr mit dem Fall identifizieren, dass man hinterher den Überblick verliert. Man schadet sich nur selbst, wenn man abends nicht abschalten kann – und den Mandant:innen auch. Es hilft ihnen nicht, wenn ich nicht als Anwältin denken kann.

"Ich habe auch viel psychologische Arbeit geleistet"

Was ist einer der außergewöhnlichsten, vielleicht auch schrecklichsten Fälle, die Sie hatten?

Ich habe oft vergewaltigte Frauen, Betroffene von häuslicher Gewalt, von Krieg traumatisierte Menschen. Am meisten nehmen mich aber regelmäßig die Fälle der kranken Kinder mit. Ein Fall ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Das Kind einer jungen Familie hat infolge eines Fehlers bei der Geburt bleibende Gehirnschäden erlitten. Die Familie sollte abgeschoben werden und es ging rechtlich darum, ob die Behandlung des Kindes im Herkunftsland Serbien gewährleistet ist oder nicht. Ein Abschiebungsverbot ist jedoch nur schwer zu erreichen, da es sehr restriktiv gehandhabt wird – besonders unter der letzten Bundesregierung gab es andauernd extreme Verschärfungen des Gesetzes. Letztendlich haben wir eine Lösung über das Aufenthaltsrecht gefunden. Das war auch einer der Fälle, in denen ich über meine Pflichten als Anwältin hinaus gehandelt habe, indem ich viel psychologische Arbeit geleistet habe.

Sie müssen also selbst psychologisch ihre Mandant:innen unterstützen, aber gleichzeitig aufpassen, dass Sie die Schicksale nicht zu sehr an sich heranlassen. Wie machen Sie das?

Viel reden, vor allem mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Die Erfahrung macht auch viel aus. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit musste ich einen oder zwei Fälle abgeben, weil sie mir zu nah gegangen sind.

"Ich wollte auf Augenhöhe behandelt werden"

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, sich auf das Migrationsrecht zu spezialisieren?

Dabei haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. Ohne meine eigene Lebensgeschichte wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, Migrationsrechtlerin zu werden. Ich bin mit meiner Familie 1993 aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Ich habe jahrelang mit dem Status eines ungesicherten Aufenthaltsrechts, also einer Duldung, gelebt. Ich war die erste Person mit Duldung, die in Nordrhein-Westfalen ihr Erstes Staatsexamen in Jura gemacht hat. Auch mein Referendariat habe ich nur mit einer Duldung begonnen – was übrigens sehr skurril war, denn ich habe in meiner Zivilstation mit meinem auszubildenden Richter zusammen Recht "im Namen des deutschen Volkes" gesprochen und selbst nur eine Duldungsbescheinigung gehabt.

Jura studiert habe ich aber auch, weil ich von den Behörden auf Augenhöhe behandelt werden wollte – und dazu musste ich die behördlichen Briefe verstehen. Bei dem damaligen Rechtsanwalt meiner Familie habe ich dann im Studium zunächst ein Praktikum gemacht, als Hilfskraft gejobbt, meine Anwaltsstation absolviert und 2009 als Anwältin angefangen – seit zwei Jahren bin ich Partnerin in der Kanzlei.

Wie war das Jurastudium für Sie – hatten Sie keine Angst, dass die Duldung nicht verlängert wird?

Ständig. Die Angst vor einer Abschiebung hatte ihren Höhepunkt, als ich mich gerade für das erste Examen vorbereitet habe. Da haben meine Eltern die Mitteilung bekommen, dass ihre Abschiebung vorbereitet wird. Wir wissen ja alle, wie stressig die Examensvorbereitung ist – und ich hatte dann auch noch diese Last auf meinen Schultern. Es war furchtbar, ich hatte Albträume. Das Gefühl und die Probleme in dieser Zeit kann man eigentlich gar nicht erklären. Ich wurde oft gefragt: Warum machst du das? Nun ja, es ist mein Leben und die Zeit läuft. Ich will nicht nur herumsitzen und warten.

Daneben haben die Sprachprobleme das Studium sehr geprägt. In den ersten Semestern habe ich nichts verstanden. Ich dachte damals, es läge an mir – es war aber auch sehr ambitioniert von mir, nach fünf Jahren in Deutschland ein Jurastudium anzufangen. Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen würde (lacht). So durfte ich noch nicht einmal in meine Unistadt Bochum umziehen und habe auch kein BAföG bekommen.

"Meine eigene Lebensgeschichte ist nie der Maßstab"

Bestimmt können Sie nun die Situationen ihrer Mandant:innen immer gut nachvollziehen.

Ja, aber meine eigene Lebensgeschichte ist nie der Maßstab. Das, was ich getan habe, habe ich für mich gemacht. Aber wenn es darum geht, um etwas zu kämpfen und dranzubleiben, dann fordere ich meine Mandant:innen auch. Wenn ich von ihnen höre, dass etwas angeblich nicht funktioniert, dann hake ich da genau nach. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass man viel Arbeit in die Suche nach einer Beschäftigung stecken muss.

Was gefällt Ihnen in Ihrem Job am besten?

Meinen Mandanten oder meine Mandantin anrufen, wenn ich etwas gewonnen habe, um ihnen zu sagen, dass es geklappt hat. Das mache ich immer persönlich. Darf ich Ihnen auch sagen, was ich am meisten hasse?

Na klar!

Wenn mich an einem Freitagvormittag ein Anruf erreicht, dass ein Mandant in Abschiebehaft gekommen ist – und freitags hat man nur einen halben Tag, um agieren zu können. In der Regel gehen Abschiebeflüge schon um elf oder zwölf Uhr. Der effektive Rechtsschutz kann dann nur selten zum Tragen kommen. Dass ich jemanden dann noch aus dem Flieger holen konnte, ist nicht oft vorgekommen.

Es ist allerdings absurd, dass mich ein Fall, der nicht so gut gelaufen ist, länger beschäftigt als die fünf anderen, die erfolgreich waren. Es ist wichtig, sich nicht immer auf das Negative zu konzentrieren.

"In Law Clinics lernt man viel über Gesprächsführung"

Asyl- und Ausländerrecht ist kein Standard in der Jurist:innenausbildung. Was können Sie denn jungen Studierenden, die dennoch mehr darüber erfahren möchten, empfehlen?

Ich kann die Law Clinics empfehlen, die es vielerorts gibt. Ich bin inzwischen Beirätin bei der Law Clinic in Bochum und habe dort lange die Einführungsveranstaltungen für die Studierenden gemacht. Auf jeden Fall ist das eine gute Möglichkeit, in das Rechtsgebiet hineinzuschnuppern. Außerdem lernt man viel über Gesprächsführung mit Mandant:innen – das ist ja auch in anderen Rechtsgebieten sehr hilfreich, zum Beispiel im Familienrecht.

Stimmt denn das Klischee, dass man als Migrationsrechtler:in "nichts" verdient?

Es kommt darauf an (lacht). Das Migrationsrecht ist sehr komplex. Je nachdem, was man macht, verdient man unterschiedlich. Aber Fälle habe ich immer genug.

Möchten Sie im Jahr 2022 beruflich etwas Bestimmtes erreichen?

Eine bessere Vereinbarkeit zwischen meinem Beruf und meinem Familienleben. Als Selbstständige Vollzeit zu arbeiten, ist gerade in der Coronapandemie mit einem kleinen Kind schwierig. Ich habe schon damit angefangen, so gehe ich einmal die Woche bereits am frühen Nachmittag, um meine Tochter aus der Kita holen zu können.

Wir fragen seit Neuestem immer, was unsere Small Talk-Partner:innen für ein Buch empfehlen können. Hätten Sie eins für uns?

Während der Vorbereitung für das zweite Examen habe ich "Drachenläufer" von Khaled Hosseini gelesen. Ein tolles Buch! Es handelt über die Kindheit eines Jungen in Afghanistan. Aktuell lese ich allerdings nur Kindergeschichten, die ich meiner Tochter vorlese. Die Hasengeschichte "Weißt du eigentlich wie lieb ich Dich hab?" von Sam McBratney und Anita Jeram kann ich zum Beispiel empfehlen.

Herzlichen Dank für den "Small Talk"!

Die Fragen stellte Pauline Dietrich.

Nizaqete Bislimi-Hošo hat Jura an der Universität Bochum studiert. Sie ist seit 2017 Fachanwältin für Migrationsrecht. Aktuell ist sie Partnerin bei Nagler/Rothfahl/Haberkern Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB in Essen. 2015 veröffentlichte Frau Bislimi-Hošo ihre Autobiographie "Durch die Wand" beim DuMont Buchverlag.

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