Als Jurist beim Auswärtigen Amt

Alle drei Jahre ein neues Leben

von Claudia KornmeierLesedauer: 6 Minuten
Paris, London, Washington D.C. – das sind wohl die Traumstationen in der Karriere eines Diplomaten. Irgendwer muss aber auch nach Bagdad, Kabul oder Islamabad. Zwischendurch werden die Mitarbeiter des Auswärtigen Amts in der Zentrale in Berlin eingesetzt, für einige kann dies auch eine Versetzung ins  Bundeskanzleramt bedeuten. Dort arbeitet derzeit Tania von Uslar-Gleichen. Gelangweilt hat sie sich noch keinen einzigen Tag.
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Heute schaut sie von ihrem Büro aus auf den Berliner Hauptbahnhof und die Schweizer Botschaft. In einem Jahr schon könnte ihr Blick auf die Kulisse einer Stadt im Krisengebiet fallen. Tania von Uslar-Gleichen arbeitet beim Auswärtigen Amt im höheren Dienst. Derzeit ist sie für drei Jahre an das Bundeskanzleramt abgeordnet. Was die Zukunft bringt, weiß sie noch nicht. Die Arbeit im Kanzleramt macht ihr Spaß. Das Team ist klein, die Verantwortung groß. Zur Tagespolitik steht sie in engem Kontakt. Die Juristin ist Leiterin des Referats für europapolitische Beziehungen zu den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU). Derzeit beherrscht die Euroschuldenkrise ihre Arbeit. Das zweite Standbein ihres Referats  tritt dabei fast in den Hintergrund: die EU-Erweiterung. Aktuell steht der Beitritt Kroatiens auf der Agenda. Der Job im Kanzleramt ist keiner, auf den man sich einfach bewerben kann. Man muss vorgeschlagen werden. Das Kanzleramt rekrutiert seine Mitarbeiter aus den übrigen Ministerien, wobei die Abteilungen und Referate die Ressorts widerspiegeln. Alle Mitarbeiter des höheren Dienstes sind auf Zeit entsandt.

"Erst wollte ich Wirtschaftsanwältin werden"

Von Uslar-Gleichen studierte in München Jura. Nach dem Referendariat begann sie zunächst mit ihrer Dissertation, die sie eigentlich während der Attaché-Ausbildung fortführen wollte. "Das war eine Illusion, der ich mich damals hingegeben und die ich mittlerweile begraben habe." Manche wenige Lichtgestalten könnten die Tätigkeit  beim Auswärtigen Amt mit dem Abschluss ihrer Dissertation vereinbaren. Sie habe nicht dazu gehört. "Das Ausbildungsjahr ist eine sehr intensive Zeit." Es führt einen in Bereiche, mit denen man als Jurist bisher wenig zu tun hatte. Plötzlich stehen Wirtschaft, Geschichte und Sprachen auf dem Lehrplan. Das Ziel der Ausbildung: Der Generalist. Jeder soll nicht nur geographisch überall eingesetzt werden können, sondern auch inhaltlich. Schon als Teenager hat von Uslar-Gleichen das erste Mal überlegt, Diplomatin zu werden. Damals lebte sie mit ihren Eltern für ein paar Jahre in Washington, D.C. Ihr Vater  war als Heeresattaché an der Deutschen Botschaft tätig. Die Tochter besuchte die deutsche Schule und lernte das Botschaftsleben kennen. "Da habe ich gedacht, das ist vielleicht was für dich." Dann kam das Jurastudium und die Diplomatie verlor sie aus den Augen. Wirtschaftsanwältin, das war der neue Berufswunsch. Nach dem Referendariat bewarb sie sich dennoch beim Auswärtigen Amt. Und als sich ihr tatsächlich die Chance bot, sagte sie nicht nein. Zunächst mit dem Notfallplan im Hinterkopf, aussteigen und als Anwältin arbeiten zu können, sollte die Diplomatenkarriere mit  ihren Lebensumständen nicht länger vereinbar sein. "Aber das ist realitätsfern. Den Weg zurückfinden, das geht vielleicht für eine gewisse Zeit. Irgendwann ist es zu spät. Zumindest wenn man in eine der Top-Kanzleien will."

Als Molekularbiologe in die Diplomatie

Die Attaché-Ausbildung dauert vierzehn Monate. Gesucht wird nicht nur der Star-Jurist. Dafür sind die Aufgaben des Auswärtigen Amts zu vielfältig. In von Uslar-Gleichens Jahrgang gab es neben den üblichen Juristen, Historikern, Wirtschafts- und Sprachwissenschaftler auch Mediziner, Physiker und sogar eine Molekularbiologin. Damals waren sie über 70 Auszubildende. Das hatte mit dem Zerfall der Sowjetunion zu tun, in vielen zentralasiatischen Staaten mussten Botschaften neu aufgebaut werden. Mittlerweile bildet das Auswärtige Amt jedes Jahr 35 bis 45 Attachés aus. Wer die Hürde des Auswahlverfahrens genommen hat, hat es weitgehend geschafft. Zwar kann man noch durch die Laufbahnprüfung fallen, welche die Ausbildung abschließt. "Das passiert aber im Regelfall nicht. Diejenigen, die sich im Auswahlwettbewerb durchgesetzt haben, nehmen normalerweise auch diese Hürde ohne Problem", erklärt Uslar-Gleichen. Juristen sind für das Auswärtige Amt besonders gefragt. Bei der Bewerbung bringt ein Jurastudium Bonuspunkte. Extra zählen auch längere Auslandsaufenthalte und Sprachkenntnisse. Später während der Ausbildung kommt es dagegen ausschließlich auf die Prüfungsergebnisse an. Nur weil man Jura studiert hat, wird man allerdings noch lange nicht mit klassischen Juristenaufgaben betraut. So richtig juristisch waren von Uslar-Gleichens Tätigkeiten bisher denn auch nicht. "Eine Stelle im Rechts- und Konsularbereich habe ich bislang umschifft, das kann aber noch auf mich zukommen." Dann müsste sie sich plötzlich mit dem Visa- und dem Personenstandsrecht auseinandersetzen.

Alle drei Jahre neu

Drei Jahre – das ist der übliche Rotationsrhythmus im Auswärtigen Amt. Rotiert wird weltweit. "Das ist notwendig, damit die Kollegen, die auf den absoluten Härteposten sitzen, da auch irgendwie wieder wegkommen. Es können sich ja nicht alle in London, Paris oder Washington festkrallen." Außerdem will man so gewährleisten, dass ein Diplomat die notwendige Distanz zu seinem Gastland nicht verliert. Man muss also bereit sein, weltweit und in permanenter Rotation zu arbeiten. Das heißt auch, alle drei Jahre die Koffer zu packen und neu anzufangen. Sich alle drei Jahre wieder auf etwas ganz Neues einzulassen. Alle drei Jahre nicht nur eine neue Wohnung, sondern auch neue Freunde finden. "Das hält fit, hat seinen Reiz, ist aber auch anstrengend." Man muss sich ja nicht nur selbst immer wieder auf neue Bereiche einstellen. Die Rotation bedeutet auch: Alle drei Jahre die eigene Familie umtopfen. Alle drei Jahre den Kindern eine neue Schule zumuten. Gleichzeitig bleibt aber die Sicherheit, dass es immer derselbe Arbeitgeber ist und sein wird, der einen herumschickt. Herumgeschickt wird man im Auswärtigen Amt von den eigenen Kollegen. Die Personalabteilung ist eine Stelle, auf welche die Mitarbeiter genauso rotieren wie auf jede anderen Posten. "Das hat den Vorteil, dass die Kollegen ganz genau wissen, was sie einem antun." Auch von Uslar-Gleichen war schon dort. Als Personalreferentin war sie unter anderem zuständig für den Westbalkan. Das war während des Kosovokriegs, als das Auswärtige Amt  die deutsche Botschaft in Belgrad mehrfach evakuieren musste. Nach dem Krieg galt es dann, Kollegen in den Kosovo zu schicken. "Anrufe von mir waren gefürchtet."

"Am Herzen des außenpolitischen Geschehens"

Der Werdegang der Diplomatin ist eher ungewöhnlich. So richtig rausgekommen aus Europa ist sie noch nicht. Berufsstart in Bonn, danach Budapest, zurück nach Deutschland. Später dann nach Brüssel. Zunächst bei der ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der EU, während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft dann als Verbindungsperson zu dem damaligen hohen Beauftragten für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Javier Solana. Einmal hatte von Uslar-Gleichen die Möglichkeit, sich eine Station zu wünschen. "Das war nach meiner Zeit als Personalreferentin. Wenn man keine unfairen Forderungen stellt, dann hat man gute Chancen, das zu bekommen, was man sich wünscht." Sie wünschte sich Brüssel. Ihr Wunsch ging in Erfüllung ging und prägte ihre weitere Karriere. Europa, das ist der rote Faden, der sich durch von Uslar-Gleichens Stationen zieht. Ein Höhepunkt ihrer Karriere war für sie denn auch die Zeit in Brüssel während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. "Da konnte ich hinter Kulissen blicken, wie man es sonst nicht kann. Ich habe zwar wahnsinnig viel arbeiten müssen, gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, am Herzen des außen- und sicherheitspolitischen Geschehens zu sein", erinnert sich die Diplomatin gern.

Nächste Station Krisengebiet

Auch ihre jetzige Tätigkeit im Bundeskanzleramt hat für die Juristin aber spezielle Reize. Nach fast 20 Jahren im Dienst ist es für von Uslar-Gleichen noch immer außergewöhnlich, die Kanzlerin zu treffen. "Vielleicht bin ich da naiv. Aber die Bundeskanzlerin ist etwas Besonderes. Eine ganz großartige und kluge Frau mit Visionen und großem Engagement." So klingt eine überzeugte Mitarbeiterin. Die Kanzlerin sieht von Uslar-Gleichen derzeit übrigens häufiger als ihren ursprünglichen Chef, den Außenminister. Die Diplomatin ist sich sicher, sie würde sich wieder für das Auswärtige Amt entscheiden. "Ich habe mich noch keinen Tag gelangweilt." Wenn man reich werden wolle, dann sei das Auswärtige Amt allerdings nicht der richtige Arbeitgeber. Sie schmunzelt: "Allerdings sollte man dann lieber überhaupt nicht Beamter werden." Nach dem Bundeskanzleramt könnte für von Uslar-Gleichen wieder ein Auslandseinsatz auf dem Programm stehen. Wohin es gehen wird, das weiß sie noch nicht. Zum Entsetzen ihrer Familie hält sie eine Stelle als Botschafterin in einem Krisengebiet für eine besondere Herausforderung.

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