Jurist & Legal-Tech-Forscher

"Anwalt­liche Bera­tungs­leis­tung ist viel zu teuer"

von Pia LorenzLesedauer: 6 Minuten
Ein Anwalts-Roboter wird so bald nicht existieren, beruhigt Stephan Breidenbach. Weniger Anwälte aber werde es dennoch geben. Ein Gespräch darüber, wie auch kleinere Kanzleien von Legal Tech profitieren. Und über Schuhe.
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LTO: Herr Professor Breidenbach, Sie winken ab, wenn man Sie auf die angeblich disruptiven Veränderungen anspricht, die vor allem Künstliche Intelligenz im Rechtsmarkt bringen werde. Breidenbach: Legal Tech ist eine fundamentale Entwicklung, die erst am Anfang steht. Von künstlicher Intelligenz wird jedoch mehr erwartet, als sie zurzeit leisten kann. LTO: Also wird es nicht bald einen Roboter geben, der Anwälte ersetzt? Breidenbach: Soweit die Vorstellung dahin geht, es sei möglich, mit einem quasi allumfassenden, binnen Sekunden abrufbaren Wissen Antworten auf alle Fragen der juristischen Welt zu finden, dann ganz sicher nicht. Es gibt Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz, bestimmte Algorithmen funktionieren besser als noch vor ein paar Jahren. Es bleibt aber dabei: Juristen arbeiten mit Sprache. Mit künstlicher Intelligenz Normen zu "verstehen" und daraus Schlüsse im Rahmen einer Beratung zu ziehen, ist noch sehr weit weg. 

"Es wird weniger Anwälte geben"

LTO: Also ist der derzeitige Legal-Tech-Hype übertrieben? Breidenbach: Nicht nur, verändern wird der Markt sich durchaus. Es lassen sich, so zum Beispiel vom Unternehmen Leverton praktiziert, große Textmengen wie Vertragsbestände analysieren und Informationen extrahieren. Das hat jetzt schon eine große Bedeutung im Bereich Due Dilligence oder in den USA im Rahmen von eDiscovery. Zudem wird es immer mehr und immer differenziertere industrialisierte Rechtsprodukte geben, die die Preisstrukturen und damit mittelfristig auch den Markt verändern. LTO: Sprechen Sie von Geschäftsmodellen wie dem von mittlerweile zu Wolters Kluwer gehörenden Smartlaw oder dem vor einigen Monaten in den Markt gestarteten Legalbase, die Verbrauchern Rechtsdokumente für bestimmte Lebenssituationen anbieten? Breidenbach: Das ist in Deutschland noch ein kleiner Markt, aber zum Beispiel Smartlaw bietet ein sehr entwicklungsfähiges Geschäftsmodell an. Noch interessanter, weil fokussierter auf konkrete Bedürfnisse ausgerichtet, sind die Konzepte von geblitzt.de oder flightright, die auf spezifische Situationen zugeschnittene neue Angebote machen. Aber erst in einigen Jahren wird sich zeigen, wie viel das im Markt wirklich verändert. Es wird wohl weniger Anwälte geben, dafür aber mehr solcher Unternehmen. LTO: Sinkende Preise für standardisierte Leistungen, Anbieter verschwinden vom Markt – wird die Anwaltschaft industrialisiert? Breidenbach: Sie sagen es. Industrialisierung heißt doch Standardisierung auf hohem Niveau. Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Rechtsdienstleistungen insbesondere von Anwälten stimmt manchmal nicht, die Einzelanfertigung "anwaltliche Beratungsleistung" ist für viele Situationen zu teuer. Viele Mandanten würden sich mit einer standardisierten Qualität zufrieden geben, wenn diese weniger kostet. Oder kaufen Sie noch maßgefertigte Schuhe ein?

"Die anwaltliche Arbeitszeit wird sich massiv verkürzen"

LTO: Sie vergleichen Schuhe ernsthaft mit Rechtsdienstleistungen? Breidenbach: Absolut! Es wird immer Maßanfertigungen geben. Und die haben ihren Preis. Industrielle Rechtsdienstleistung  ist eine Entwicklung, die gerade beginnt, einige Bereiche zu verändern. Industrialisierung bedeutet hier u.a., mit individualisierbaren Bausteinen zu arbeiten. Dadurch lässt sich vorhandenes Wissen einer Kanzlei erschließen und bewirtschaften. Darunter fällt z.B. auch das Modell von knowledgeTools, einem Unternehmen, an dem ich selbst beteiligt bin. Ein Angebot ist Wissensmanagement in Form von Vertragsgeneratoren:  Damit kann der neue Associate aus hunderten Bausteinen binnen kürzester Zeit einen Vertrag zusammensetzen, der das Wissen der besten Anwälte der Kanzlei verwertet. Wie in anderen Bereichen auch hebt Industrialisierung im Schnitt das Qualitätsniveau. Noch höhere Qualität hat ihren Preis. LTO: Leverton spart Zeit, die die Anwälte bisher in das Lesen von Verträgen investierten,  knowledgeTools spart Zeit, die die Anwälte bisher in das Erstellen von Verträgen investierten?   Breidenbach: Exakt, genau das ist jetzt schon möglich. Wenn man Verträge auf Klauselbasis erstellt, in Datenbanken ablegt und verwaltet, kann man nach einer rechtlichen Änderung binnen 30 Sekunden erfassen, welche von ihnen geändert werden müssen. Die mit diesen Möglichkeiten einhergehende Zeit- und Kostenersparnis ist enorm, die anwaltliche Arbeitszeit verkürzt sich massiv. Wer das an seine Mandanten weiter gibt, kann beispielsweise einen rechtssicheren, auf die Bedürfnisse des Mandanten zugeschnittenen GmbH-Vertrag für einige hundert Euro erstellen und daran dennoch Geld verdienen, wenn er das richtige Geschäftsmodell hat. Auch wiederkehrende streitige Fallkonstellationen kann man so abwickeln, selbst wenn nicht alle Fälle wie in einer typischen Sammelklage identisch sind.

2/2: "Vermittlungsplattformen haben mit KI nichts zu tun"

LTO: Wie beurteilen Sie Startups wie zuletzt Rightmart und Legalbase, die sich mit Rechtsdienstleistungen befassen und gern ebenfalls als Legal Tech bezeichnet werden? Breidenbach: Das sind im Wesentlichen Vermittlungsplattformen, die online Leistungen anbieten. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, Verbrauchern juristische Beratung zu einem festen Preis zu offerieren und Anwälten anzubieten, ihnen für einen Fixpreis Mandanten zu vermitteln. Mit Künstlicher Intelligenz hat das nichts, mit Legal Tech je nach Definition allenfalls begrenzt zu tun. LTO: Aber dennoch scheinen sie einen neuen Markt zu bedienen, der jetzt erst entsteht? Breidenbach: Wenn drei Anwalte für Familienrecht auf einer Plattform Angebote machen, ist das für sie sinnvoll. Sind es dreihundert, erschließt sich mir der Sinn für den einzelnen Anwalt nicht. Für den Mandanten ergibt das Festpreis-Angebot aber sehr wohl Sinn.

"Kleine Kanzleien: besser werden, wo sie nicht ersetzbar sind"

LTO: Die Mandanten haben also Vorteile von  günstigeren Preisen, die großen Kanzleien von der enormen Zeitersparnis. Aber wie sieht es mit den kleineren Kanzleien aus, die einen Teil ihres Tätigkeitsfeldes abtreten müssen an neue Unternehmen, von den Zeit-Spar-Modellen aber vermutlich nicht profitieren können, weil deren Kosten sich mangels kritischer Masse von Verträgen nicht rentieren? Breidenbach: Den Kostenvorteil spüren natürlich vor allem große Unternehmen oder große Kanzleien – alle, bei denen es z.B. um massenweise Vertragserstellung oder – verwaltung geht. Es werden aber Angebote auch für kleinere Kanzleien entstehen, z. B. von Verlagen, die es ihnen ermöglichen,  mit Vertragsgeneratoren zu arbeiten. Mit solchen effektiven Tools und günstigen Preisen können sich kleine und mittlere Kanzleien neue Mandantenkreise erschließen, für die Recht bisher zu teuer war. Und mithilfe von Software können sie neue Dienstleistungen anbieten wie die Verwaltung und Überwachung von Verträgen. Aber sie haben auch noch die Möglichkeiten jenseits der Technik: Sie können dort noch besser werden, wo sie nicht ersetzbar sind, auch nicht durch künstliche Intelligenz. Sie können zum Beispiel verhandeln und vermitteln - standardisierte Fragen und Antworten sind eben nur ein Teil des Rechtsmarkts. So ist der Anwalt vielleicht schon oder wird  künftig der Vertrauensanwalt -  dessen individualisierte Beratung ist und bleibt oft unverzichtbar.  

"Sehen Sie nicht nur eine vage Bedrohung in der Technik. Und nehmen Sie sie ernst"

LTO: Das klingt irgendwie beruhigend. Breidenbach: In gewissem Sinne. Eine disruptive Veränderung des Marktes wird m.E. so schnell nicht kommen. Ja, es wird möglich sein, dass ein Rechner für bestimmte individuelle Situationen einen Vorschlag für einen Vertrag, einen Schriftsatz, oder ein Antwortschreiben selbst zusammenstellt – aber das wird noch lange dauern. Und damit meine ich viele Jahre. Die intelligente Arbeit des Anwalts mit Wissensbausteinen für Schriftsätze und Verträge  ist jedoch bereits jetzt möglich und wird vieles verändern. Hier kommt es auf den Kopf des Anwalts an, der durch intelligente Tools unterstützt wird. LTO: In einem Satz: Wie können Anwälte sich also auf das vorbereiten, was auf sie zukommt? Breidenbach: Sehen Sie nicht nur eine vage Bedrohung in der Technik, und nehmen Sie sie ernst. Es gibt große Chancen für neue und sogar bessere Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Hochschullehrer, Mediator und Unternehmer sowie Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, ZPO und internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. 

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