Ausbildung zum Rechtsfachwirt

Viel gelernt, wenig gewonnen?

Anna K. BernzenLesedauer: 4 Minuten
Sie kennen sich mit den wichtigsten Prinzipien des Verfahrensrecht aus, beherrschen die Grundlagen des Zivilrechts und können Sachverhalte aus dem Leistungsstörungsrecht erfassen: Die Rede ist nicht von juristischen Erstsemestern, sondern von Rechtsfachwirten. Ein Berufsbild, das auch in Kanzleien und Rechtsabteilungen teils noch fragende Blicke erntet. Was in ihr Tätigkeitsfeld fällt, ob sich die berufsbegleitende Ausbildung lohnt und wo Rechtsfachwirte eingesetzt werden, weiß Anna K. Bernzen.
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Ein Immobilienfachwirt beschäftigt sich mit weitläufigen Grundstücken und eleganten Penthouse-Wohnungen, der Tourismusfachwirt vermittelt uns einen erholsamen Urlaub und der Automobilfachwirt ein schickes Auto. So weit, so einfach lassen sich aus den Berufsbezeichnungen wenigstens Generalisierungen über die entsprechende Tätigkeit ableiten. Doch was tut ein Rechtsfachwirt? Juristische Fachliteratur verkaufen, komplexe Sachverhalte lösen, Akten kopieren? Auf Unkenntnis dieser Art traf auch Anja Bauer bei der Jobsuche. Vor kurzem hat sie sich in einem dreijährigen berufsbegleitenden Studium zur Rechtsfachwirtin ausbilden lassen. Heimlich, damit ein unkonzentriertes Verhalten am Arbeitsplatz nicht auf die Doppelbelastung geschoben würde. Als sie im vergangenen Jahr die Prüfung abgelegt hatte und ihrem Arbeitgeber von der zusätzlichen Qualifikation berichtete, zeigte der sich über ihren Einsatz hocherfreut. Mehr Gehalt, mehr Verantwortung oder neue Aufgaben konnte er trotzdem nicht bieten. Also sah Anja Bauer sich nach einer Stelle um, die zu ihrem neuen Abschluss passte. Eine Frankfurter Headhunterin, die sie hinzuzog, riet zur Geduld: Das Angebot an auf die Rechtsfachwirte zugeschnittenen Stellen sei bundesweit gering. So landete Anja Bauer erneut in einem Job, der für einen Rechtsanwaltsfachangestellten ausgeschrieben war. "Mir geht es da wie den meisten Rechtsfachwirten, mit denen ich die Ausbildung absolviert habe: Wir sind für unsere derzeitigen Positionen überqualifiziert. Wir bringen jede Menge Wissen mit, können es aber nicht einsetzen", so berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Selbstständig arbeiten statt Anweisungen befolgen

Was ist also der Unterschied zwischen den Rechtsanwaltsfachangestellten, die in jeder etwas größeren Kanzlei zu finden sind, und den Rechtsfachwirten, von denen auch mancher Anwalt noch nichts gehört hat? "Rechtsfachwirte sind in der Lage, selbstständig ein Anwaltsbüro zu leiten und zu organisieren. Rechtsanwaltsfachangestellte arbeiten dem Rechtsfachwirt und dem Rechtsanwalt zu. Sie arbeiten auf Anweisung", heißt es bei der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf. 71 Rechtsfachwirte absolvierten vor der sechstgrößten Kammer des Landes im vergangenen Jahr ihre Prüfung. Theoretisch sind sie nach ihrem Abschluss in der Lage, sowohl prozessrechtliche Details wie Fristen zu bedenken als auch grundlegende materiell-rechtliche Sachverhalte zu lösen. Zusätzlich können sie im Kanzleialltag die Arbeit der Rechtsanwaltsfachangestellten koordinie-ren und optimieren. Was auf dem Papier der entsprechenden Verordnung nach einer attraktiven Entlastungsmöglichkeit für Anwälte und Anwältinnen klingt, wird in der Praxis jedoch vergleichsweise selten nachgefragt: So stand 33 Angeboten für Rechtsanwaltsfachangestellte auf einer gängigen Internet-Jobbörse Ende Februar 2012 ein einzelnes Stellenangebot für Rechtsfachwirte gegenüber.

"Manchen Anwälten fehlt schlicht der Mut"

Anja Bauer glaubt zu wissen, worauf sich die Lücke zwischen der Anzahl an Absolventen und der tatsächlich unter dieser Berufsbezeichnung Angestellten gründet: "Manchen Anwälten fehlt schlicht der Mut, Verantwortung zu delegieren. Was bisher gut funktioniert hat, behält man lieber bei." Und es gibt eine Vielzahl weiterer Gründe, die zu der Diskrepanz führen: So geht etwa die Zahl der Rechtsanwaltsfachangestellten derzeit zurück. Das bestätigt die Bun-desrechtsanwaltskammer. Diese Ausbildung – alternativ dazu sechs Jahre Berufserfahrung – ist aber notwendige Voraussetzung für die Zulassung zum Studium des Rechtsfachwirts. Für manchen Interessenten ist die Zusatzqualifikation auch eine Frage des Geldes: Das berufsbegleitende Studium kann je nach Ausbildungsstätte einige tausend Euro kosten. Unterstützung in Form von Bafög oder Stipendien bekommen viele nicht mehr. Heidrun Kruse hat sich weder von der anstrengenden Ausbildung noch von der derzeitigen Arbeitsmarktsituation abschrecken lassen. Zehn Stunden Selbststudium pro Woche, einmal im Semester zur Präsenzphase ins 400 Kilometer entfernten Berlin. Nach zwei Jahren Studium machte sie sich mit ihrem Kanzleiservice Kruse selbstständig. "Ich arbeite mich in kleineren und mittleren Kanzleien temporär in die Aufgaben ein, die im Alltag nicht so richtig laufen. Mit dem Blick von außen optimiere ich dann zusammen mit den Mitarbeitern ihre üblichen Abläufe", erklärt sie das Konzept ihres kleinen Unternehmens. Dazu gehört juristisches Arbeiten, etwa mit dem Kostenrecht, ebenso wie das Mitarbeitercoaching oder ihr neuestes Projekt, die Schulung der Rechtsanwaltsfachangestellten in einschlägiger Kanzlei-Software. Zusätzlich bietet sie ihren Service für nicht-juristische kleine und mittelständische Unternehmen an.

Nach Feierabend dann Mentorin und Dozentin

Mit ihrem breit aufgestellten Konzept kommt Heidrun Kruse bei den Kanzleien in Norddeutschland gut an. "Das ist ein Ding der Zukunft", haben ihr viele der Anwälte bestätigt, die sie von Zeit zu Zeit im Kanzleialltag unterstützt. Das gesammelte Wissen aus mittlerweile fünf Jahren Berufserfahrung gibt sie nun an angehende Rechtsfachwirte weiter. An ihrer alten Hochschule, der Beuth-Hochschule, unterrichtet sie Fachbüroorganisation. Für die Phase des Selbststudiums bereitet sie Aufgaben für die Studierenden vor und steht ihnen auf der universitären Online-Plattform als Mentorin zur Verfügung. Ob man als Rechtsfachwirt eine berufliche Zukunft hat oder auf seinem alten Posten hängen bleibt, sei eine Frage der eigenen Initiative: "Es kommt darauf an, wie sich der Absolvent oder die Absolventin beim  Arbeitgeber verkauft." Auch Anja Bauer hofft immer noch, dass sich drei Jahre heimlichen Studierens nach Feierabend bald auszahlen. Ihrem neuen Arbeitgeber hat sie bereits einige Vorschläge gemacht, wie sie die so erworbenen Kompetenzen im Büroalltag der süddeutschen Kanzlei einbringen könnte. Der Chef hörte interessiert zu, verändert hat sich bisher jedoch noch nichts. Manchmal fällt es Anja Bauer schwer, positiv bleiben: "Ich habe drei Jahre und viel Geld investiert. Eigentlich dachte ich, dass ich meiner Karriere damit etwas Gutes getan habe."

Thema:

Kanzlei

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