Junge Juristen im Bundestag

"Ich fliehe nicht in die Politik, freue mich aber darauf"

von Dr. Franziska KringLesedauer: 6 Minuten

Der Bundestag ist so jung wie nie zuvor. Wie haben junge Juristen die ersten Tage als Bundestagsabgeordnete erlebt? Und wie sieht die Vorbereitung auf die mündliche Prüfung neben dem Wahlkampf aus? Drei neue Abgeordnete berichten.

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"Die vergangenen Wochen waren wie eine Welle, die mich mitgenommen hat. So viele Eindrücke, so viel Euphorie und auch Stolz. Ich bin von der Wahlparty gegangen und dachte, ich hätte es nicht geschafft. Montagmorgen um 6:30 Uhr habe ich erfahren, dass ich im Bundestag bin – und mittags saß ich im Zug nach Berlin", sagt Lukas Benner.

© Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, S. Kaminski (Lukas Benner)

Er ist einer von 50 Abgeordneten unter 30 Jahren, die es in den Bundestag geschafft haben. Der 25-jährige hat im vergangenen Jahr sein erstes Staatsexamen gemacht und promoviert derzeit an der Universität Greifswald zur Dekarbonisierung des Schiffsverkehrs. Die Promotion muss jetzt aber erstmal warten: "Ich fände es falsch, neben meinem Bundestagsmandat an der Doktorarbeit zu schreiben. Entweder würde die Politik oder die Promotion zu kurz kommen", so Benner, der mit 18 Jahren den Grünen beigetreten ist. 

Neben Benner sind fünf weitere Juristinnen und Juristen unter 30 im 20. Deutschen Bundestag vertreten. Mit 735 Abgeordneten ist dieser so groß wie nie zuvor. 

Catarina dos Santos Firnhaber von der CDU kennt er schon aus seinem Wahlkreis Aachen II. Als Mitglieder des Städteregionstages Aachen, der einem Kreistag entspricht, arbeiten beide seit einigen Jahren in der schwarz-grünen Koalition zusammen. Beide gehören dem Ausschuss für Mobilität und Umwelt an. Jetzt treffen sie sich im Bundestag wieder. 

"Nicht nur beschweren, sondern seinen Hut in den Ring werfen"

Die 27-jährige Rechtsanwältin arbeitet in einer Kanzlei in Meerbusch bei Düsseldorf und kümmert sich dort vor allem um Unternehmensnachfolgen bei Familienunternehmen. Steuerrecht und Gesellschaftsrecht stehen bei ihr auf der Tagesordnung.

© CDU Kreisverband Aachen Land/Ralph Sondermann (Catarina dos Santos Firnhaber)

Zur Politik ist sie während ihres Studiums im Jahre 2014 gekommen, als sie mit der Bahn zur Universität Köln pendelte und sich dort mit dem damaligen Vorsitzenden der Jungen Union (JU) Eschweiler unterhielt. Dieser schlug ihr vor, mal zu einer Sitzung mitzukommen – seitdem ist sie dabei. Nach einigen Jahren, in denen sie kommunalpolitisch aktiv war, unter anderem im Stadtrat und im Städteregionsrat, wagte sie sich jetzt auf die größere politische Bühne. 

Als sie vom Kreisverband gefragt wurde, ob sie für den Bundestag kandidieren möchte, konnte sie das erst nicht glauben. Nach kurzer Überlegung sagte sie aber zu. "Ich habe mich gefragt, ob ich mir das wirklich zutraue. Man kann sich aber nicht nur über Dinge beschweren, sondern muss seinen Hut in den Ring zu werfen, gerade als Frau", sagt dos Santos Firnhaber. 

Examensvorbereitung neben dem Wahlkampf

Philipp Hartewig hat sich erst im April 2021 dazu entschieden, für den Bundestag zu kandidieren. Der 27-jährige absolviert derzeit das Referendariat am Oberlandesgericht (OLG) Dresden und hat im Juni 2021 die Klausuren geschrieben. Hartewig gehörte zu dem Jahrgang, der das erste Mal das Examen am PC ablegen durfte. "Das war ganz anders, als die Klausuren mit der Hand zu schreiben – ich habe eine Lösungsskizze am PC gemacht, die ich dann kopiert und für die Reinschrift verwendet habe. Ich hoffe, dass das digitale Examen bald zum Standard wird", so Hartewig.

© Philipp Hartewig/Karsten Prausse (Philipp Hartewig)

Bis Ende Oktober läuft die Anwaltsstation, für die anschließende Wahlstation hatte Hartewig schon die Zusage einer Kanzlei in Singapur. Aufgrund der Corona-Pandemie war ihm das jedoch zu unsicher, sodass er in Deutschland blieb. Bereits vor vier Jahren war er der Bundestagskandidat der FDP im Wahlkreis Mittelsachen – im zweiten Anlauf hat es jetzt geklappt. "Es ist eine große Ehre, wenn man gefragt wird, ob man für den Bundestag kandidieren möchte. Zudem kann ich dort selbst an Gesetzesvorhaben mitarbeiten und aktiv Politik gestalten", begründet Hartewig seine Entscheidung, erneut zu kandidieren. 

Derzeit steht für Hartewig die Vorbereitung auf die mündliche Prüfung am 4. November an. Nach den Klausuren begann die heißte Phase des Wahlkampfes und die Ergebnisse kamen in der Woche nach der Bundestagswahl – an Lernen war da nicht zu denken. "Aber ich werde meine Bücher mit nach Berlin nehmen und auf den Bahnfahrten lernen – anders geht es nicht", sagt er.  

"Wahnsinniges, mit Ehrfurcht und Stolz verbundenes Gefühl"

Die ersten Tage im Bundestag vergleicht Benner mit der Orientierungswoche an der Uni: "Wir haben unsere Hausausweise und Bahncards bekommen, dann folgten ganz viele Schulungen, unter anderem eine IT-Einführung und eine Sicherheitseinweisung", sagt er.  

Aufgrund der wegen der Corona-Pandemie geltenden Abstandsregelungen finden auch die Fraktionssitzungen derzeit im Plenarsaal statt. "Das war ein wahnsinniges, mit Ehrfurcht, Demut und Stolz verbundenes Gefühl, zum ersten Mal die untere Ebene des Plenarsaals zu betreten. Das dürfen ja nur Abgeordnete und Plenarassistent:innen", so Benner.   

Ein festes Büro haben die jungen Abgeordneten noch nicht. Das stehe aber in den kommenden Wochen an, sagt Hartewig: "Derzeit bin ich im Büro eines anderen Abgeordneten in Berlin. Ich hoffe aber, dass ich in ein oder zwei Monaten ein eigenes habe. Ich habe gerade die Arbeitsverträge meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fertiggestellt". Auch ein Wahlkreisbüro werden sich die neu gewählten jungen Bundestagsmitglieder suchen. 

Auch für dos Santos Firnhaber stand viel organisatorischer Aufwand an. "Ich habe meine erste Reisekostenabrechnung gemacht, die ich per Post nach Berlin schicken muss. Schon jetzt sehe ich viel Potenzial, digitaler zu werden", sagt sie. 

"Das Parlament muss vielfältig sein"

Hartewig sieht sein junges Alter als Vorteil: "Man hat einen anderen Blick auf die Dinge. Das gilt auch im Hinblick auf den Osten, wo die Wahlergebnisse anders ausfallen als im Rest der Republik. Wir sind die erste Generation sächsischer Abgeordneter, die nach der Wiedervereinigung geboren sind und nur das vereinte Deutschland kennen. Wir wollen die Zukunft positiv gestalten." Zu dieser "jungen Generation" zählen neben Hartewig noch fünf weitere Abgeordnete. 

Für Benner ist eine ausgewogene Struktur wichtig: "Der neu gewählte Bundestag spiegelt die Gesellschaft mehr wider als der Bundestag der vergangenen Jahre. Ich freue mich, dass sich so viele junge Leute für Politik begeistern. Das Parlament muss aber vielfältig sein, das gilt im Hinblick auf alle Merkmale. So auch bezogen auf das Alter und den Beruf", sagt er. "Ich als junger Mensch habe einen ganz anderen Blick auf Themen rund um das Studium. Ich kann sagen, was die Schließung von Bibliotheken oder das Fehlen von Sportangeboten bedeutet."  

Auch dos Santos Firnhaber ist Fan einer "gesunden Mischung", befürwortet aber, dass der Bundestag jünger wird. "Ich habe selbst ein ureigenes Interesse daran, gute Politik zu gestalten. Ich werde die Folgen der jetzigen Entscheidungen noch lange miterleben", sagt sie.  

"Das Vertrauen in den Rechtsstaat zurückgewinnen"

Auf Bundesebene will sich die Rechtsanwältin – entsprechend ihrem Wahlkampfslogan – für ein "Miteinander" einsetzen. "Ein Miteinander von Stadt und Land, von Generationen, von Umwelt und Industrie", sagt sie. Sie möchte im Ausschuss "Mobilität und digitale Infrastruktur" mitarbeiten. Alle Abgeordneten können Ausschusswünsche abgeben. Bei der Verteilung werden sowohl die berufliche Expertise als auch die bisherige politische Tätigkeit berücksichtigt. 

Benner möchte rechtspolitische Schwerpunkte setzen – insbesondere die rechtlichen Stellschrauben für die Klimaneutralität setzen. "Dort gibt es noch vieles zu tun, vieles muss entbürokratisiert werden", sagt er. 

Hartewig hat schon im Wahlkampf auf drei Themen besonderen Wert gelegt: Sport, Generationengerechtigkeit und generelle Rechtsstaatsthemen. Gerade in den vergangenen Jahren sei viel Vertrauen in den Rechtsstaat verloren gegangen. Das müsse man jetzt zurückgewinnen. 

Die jungen Juristinnen und Juristen werden den Bundestag zumindest für die nächsten vier Jahre aufmischen. Der Juristerei wollen sie aber trotzdem treu bleiben. "Ich bin immer noch mit ganzem Herzen Juristin und Rechtsanwältin. Ich fliehe nicht in die Politik, sondern ich freue mich über die Möglichkeit, Jura und Politik zu verbinden", sagt dos Santos Firnhaber. 

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