Dr. jur. gründet Akademie für Glück

Auf der Suche nach dem Flow

von Marcel SchneiderLesedauer: 7 Minuten
Nicht jeder kennt sofort seinen Traumberuf. Der Berliner Jurist und Coach Gerhard Huhn brachte bei der Promotion seine juristische Prüfungskommission dazu, sich in ein Mandala zu vertiefen. Heute lehrt er Menschen, glücklicher zu arbeiten.
Anzeige

Es gibt Tage, an denen alles perfekt läuft und man das Gefühl hat, in seinem Job völlig aufzugehen. Die Arbeit geht leicht von der Hand, die Zeit vergeht wie im Flug. Die Kommunikation mit den Kollegen läuft wie am Schnürchen und am Ende eines langen Arbeitstages genießt man bestens gelaunt den Feierabend, wohl wissend, dass man heute besonders produktiv gewesen ist. Der  US-ungarische Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi beschrieb diesen Zustand in den siebziger Jahren als "Flow", nachdem seine Versuchsprobanden das Gefühl unabhängig voneinander als "fließendes Gefühl des Einklangs" beziehungsweise als ein "im Fluss sein" beschrieben hatten. Dieser Flow, den viele Menschen als eine Art beglückenden Schaffensrausch empfinden, scheint eher zufällig und unregelmäßig aufzutreten. Heute ist man aber zu der Erkenntnis gelangt, dass es möglich ist, ihn ganz bewusst häufiger herbeizuführen und intensiver und länger zu erfahren. Gleichzeitig weiß man aber auch, dass jeder Mensch auf andere Art und Weise seinen Zugang dazu findet. Dr. Gerhard Huhn ist Mitbegründer der Berliner Flow-Akademie. Er hilft Persönlichkeitstrainern sowie privat Interessierten dabei, herauszufinden, wie sie selbst oder andere ihren inneren Flow-Kanal entdecken. Im Wesentlichen geht es darum, Menschen den Sinn ihrer Arbeit vor Augen zu halten und die passende Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden. Bis aus dem promovierten Volljuristen aber  der Direktor einer Flow-Akademie werden konnte, mussten einige Jahre und viele Stationen im Lebenslauf vergehen.

Das Lernen lernen

Huhn wird 1945 im Ruhrgebiet geboren. Ihn zieht es nach dem Abitur umgehend nach Berlin, wo er mit 22 Jahren ein Jurastudium beginnt. Die ersten drei Semester verlaufen ganz regulär. Danach aber nimmt er mehrere sich bietende Gelegenheiten wahr und bereut es nicht. Als Deutschlehrer in Schweden hat er ein Schlüsselerlebnis: "Nicht nur, dass man mir in meiner Schulzeit immer gesagt hatte, dass ich überhaupt kein Talent für Sprachen besäße. Ich habe als Dozent auch hautnah erleben können, wie unterschiedlich Menschen lernen. Das beste Deutsch sprachen nachher diejenigen Schüler, die bereits ihre eigene Art des Lernens entwickelt hatten", resümiert Huhn. Danach nimmt er, um sich ein finanzielles Polster für das Erste Staatsexamen in Deutschland zuzulegen, einen Job bei einer Direktverkaufsfirma in der Schweiz an. Letztendlich wird er dort Verkaufsdirektor. In dieser Position besucht er ein Führungsseminar in San Francisco, das für damalige Verhältnisse sehr fortschrittliche Inhalte präsentiert. "Man war der Auffassung, dass Führungskräfte für die Motivation ihrer Mitarbeiter mitverantwortlich sind. Deshalb absolvierte ich auch ein Training zu Methoden, wie ein Mensch die für sich beste Art und Weise zu lernen entdecken kann." Nach drei Jahren in der Schweiz macht er 1977 in Berlin das erste Staatsexamen und entdeckt: Die universitäre Ausbildung hat sich nicht verändert. Er beschließt, für die nachkommenden Studenten etwas zu ändern.

Flow-Momente im Referendariat

Sein Referendariat verbringt Huhn unter anderem am Bundeskartellamt, in einer großen Wirtschaftskanzlei und beim damaligen Sender Freies Berlin. Das Arbeitspensum ist hoch, aber nicht zu sehr, die Fälle sind knackig, aber nie unlösbar. Ohne es zu wissen, erfährt Huhn die ersten Flow-Momente als angehender Jurist. In der Zeit, die er nicht an seinen Referendarstationen verbringt, arbeitet Huhn  mit seinem Bruder an einem Programm für einen regelmäßigen Lern-Workshop für Studenten. Die Resonanz ist gut, das Interesse an Unterstützung zu Themen wie Zeitmanagement, eigener Lernfähigkeit und Selbstorganisation kommt gut an. Schon bald gibt er auch Seminare für die Eltern der Studenten und später auch gezielt für Erwachsene in Unternehmen. Weil er wissen will, was seine Zuhörer aus den Workshops mitnehmen, liest er sich in die Psychologie sowie Gehirnforschung ein und vereinbart mit ehemaligen Teilnehmern Termine für Nachgespräche. Es stellt sich heraus, dass der Mehrwert seiner Seminare im Nachhinein von "verschwindend gering" bis "sehr hoch" variiert und damit sehr unterschiedlich ausfällt. Es profitieren diejenigen am meisten von seinen Workshops, die in ihrem Studium oder ihrer Arbeit einen Sinn erkennen, mit sich und dem, was sie tun, zufrieden sind. Eine Erkenntnis, die später von großer Bedeutung sein wird.

"Anwälte sind nicht wirklich selbstständig"

1979 legt Huhn das zweite Staatsexamen ab. Er gibt einer beratenden Tätigkeit in einer Agentur für Business Consulting den Vorzug gegenüber dem Angebot einer Großkanzlei mit Aussicht auf Partnerschaft. Schließlich macht er sich selbstständig und wird Anwalt mit dem Schwerpunkt öffentliches Recht, Zivil- und insbesondere Baurecht. Während er sich einen Mandantenstamm aufbaut, ist ihm das Training und Coaching ein zweites wirtschaftliches Standbein. 1987 beginnt Huhn an der Berufsperspektive Anwalt zu zweifeln. Es behagt ihm nicht, Freiberufler zu sein, aber "faktisch durch Termine, Verhandlungen und Fristen einen größtenteils vorbestimmten Tag zu haben." Es gebe durchaus Kollegen, "die sich über diese Art der Struktur im Berufsalltag freuen", so Huhn. Doch er selber habe keine Lust gehabt, so weiterzumachen. Vielmehr wächst seine Freude am Coachen und Lehren und er beschließt, sein Berufsleben dahingehend auszurichten. Zuvor nimmt er aber noch eine Idee aus vergangenen Tagen auf und promoviert. Seine Dissertation aus dem Jahr 1990 trägt den Titel "Kreativität und Schule" und befasst sich mit der Verfassungswidrigkeit von Schulrichtlinien in den künstlerischen Fächern. Die These: Theoretisch müsste der künstlerische Unterricht für die rechte Gehirnhälfte mit ihren Zentren für etwa Intuition, Spontaneität und Kreativität ausgestaltet werden. Praktisch legten die damaligen Schulrichtlinien aber einen Fokus auf die dominanten Eigenschaften der linken Gehirnhälfte, etwa Analytik und Logik. Da das bereits in den übrigen Fächern der Fall sei, verstoße diese einseitige Dominanz gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit und damit gegen Artikel 2 des Grundgesetzes (GG). Er zweifelt die "Sphärentheorie" des Bundesverfassungsgerichts an und stellt bei der Interpretation des Schutzgutes von Art. 2 Abs. 1 GG auf die inneren Kommunikationsvorgänge in Ergänzung zu den äußeren Kommunikationsvorgängen ab.

2/2: Mandalas malen mit der Prüfungskommission

Der Doktorand besorgt sich fachliche Unterstützung aus der Wissenschaft. Er knüpft Kontakt zu Professor Ingo Richter, ebenfalls Jurist und damals Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Huhn diskutiert mit ihm intensiv über seinen damals recht ungewöhnlichen Ansatz, bis das Konzept steht. Dann kommt der Prüfungstag. "Die Prüfer waren sehr voreingenommen und haben mich ziemlich in die Zange genommen", erinnert sich Huhn. "So ein weiches Thema in der eher nüchternen Juristerei – das war Neuland." Letztendlich verteidigt er seine Dissertation erfolgreich und erhält die Doktorwürde. Im Anschluss an die offizielle Prüfung haben die Prüfer noch einige informelle Fragen, unter anderem möchten sie gern mehr über die Unterscheidung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte erfahren. Der frisch gebackene Doktor ist gut vorbereitet und offenbar überzeugend: Am Ende betrachten die skeptischen Prüfer im Selbstversuch bei ruhiger Musik ein Mandala und stellen dabei fest, dass, was fest auf Papier gedruckt erscheint, im Kopf überraschende Bewegungsmuster entwickelt - eindeutig eine Leistung der rechten, bildverarbeitenden Gehirnhälfte. Mit dem Titel in der Tasche verabschiedet sich Huhn aus der Rechtswissenschaft.

Der erste Kontakt mit der Lehre vom Flow

Anfang der neunziger Jahre ist Huhn in seinem Element: Als Coach und Trainer hat er genügend Aufträge, er kann gut von seinem Seminarangebot leben und wird 1992 als Lehrbeauftragter an die Berliner Universität der Künste geholt. Auf einer Veranstaltung zu Hirnforschung, Psychologie und Pädagogik lernt er den eingangs erwähnten Professor Csikszentmihalyi kennen. Einmal mehr ist es aber eher der Zufall, der Meilensteine für Huhns Zukunft legt: "Für den Abend nach der Veranstaltung war nichts geplant. Professor Csikszentmihalyi wollte gerne Berlin kennenlernen und so habe ich kurzerhand eine Art privater Stadtrundfahrt mit ihm gestartet." Dabei tauschen sich die beiden aus und Huhn hat die Gelegenheit, mit dem Begründer des Flows über das Phänomen zu sprechen. Der coachende Jurist macht den Flow zum Gegenstand seiner Seminare und fragt sich, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Flow im Leben, aber insbesondere bei der Arbeit von Nutzen sein können. "Alles, was im Alltag auf uns einprasselt, erzeugt eine Resonanz", fasst Huhn zusammen, "die im Prinzip eine interne Rückkoppelung zu allem ist, was uns an einem Tag widerfährt." Schicksalsschläge machen traurig, eine Beförderung im Beruf (jedenfalls meistens) glücklich – das ist nicht neu. Huhn trimmt seine Seminarteilnehmer vielmehr darauf, auf die feinen Nuancen dazwischen zu achten, darauf, ob das Resonanzgefühl eine Stimmigkeit anzeigt oder nicht: "Durch einschneidende Erlebnisse und intensive Gefühle lernt der Mensch am schnellsten. Die sind im Alltag allerdings selten. Neben großen Emotionen ist es vor allem wichtig, einen Sinn im eigenen Tun und Schaffen zu sehen. Wer diesen erkennt, lebt und arbeitet leichter, zufriedener und damit glücklicher."

Gründung der Berliner Flow-Akademie

Nach einer Veranstaltung tritt die Psychologin Laura Ritthaler an Huhn heran. Ihr gefällt die Idee, Menschen anhand der Erkenntnisse aus der Flow-Forschung zu coachen. Zusammen erarbeiten die beiden ein Konzept, das im Jahr 2010 in die Gründung der Berliner Flow-Akademie mündet. In mehreren Schritten sollen die Besucher der Einrichtung lernen, wie sie den Flow-Zustand öfter in ihr Leben holen können. Dazu werden sich die Teilnehmer unter anderem darüber klar, was für sie im Leben wichtig ist und welche Stärken und Talente sie ausmachen. Hätte Huhn eine juristische Ausbildung nebst Doktortitel gebraucht, um letztendlich das tun zu können, wovon er heute so überzeugt ist? Wohl kaum. Aber er bereut nichts. „Ein juristisches Studium lehrt, bei einem konkreten Problem mit der Lösung auf den Punkt zu kommen. Man lernt, sich vielseitig auf alle möglichen Situationen einzustellen", resümiert er. Außerdem sei man als Rechtswissenschaftler sehr breit aufgestellt und habe nach der Ausbildung viele Optionen. Welche davon den eigenen Stärken und Interessen am besten entspricht, wissen die meisten nicht sofort. So rät Huhn jungen Menschen, nach Möglichkeit viel auszuprobieren. Wichtig sei letztendlich nur eines: dass es für jeden Einzelnen einen persönlichen Sinn ergibt. 

Thema:

Psychologie

Verwandte Themen:

Teilen

Jobs

Aktuell keine Jobs verfügbar

Ähnliche Artikel

Newsletter