Interview mit Buchautor Frank Behrendt

"Juristen sind auch nur Men­schen"

Interview von Sabine OlschnerLesedauer: 4 Minuten
60-Stunden-Woche und tiefenentspannt: Frank Behrendt erklärt in seinem Buch "Liebe dein Leben und nicht deinen Job", wie Gelassenheit in den Berufsalltag zu bekommen ist. Klappt das auch für Juristen? Sabine Olschner fragte nach. 
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LTO: Gerade Großkanzleien verlangen höchsten Einsatz von ihren Anwälten, lange Arbeitszeiten sind an der Tagesordnung. Und nun sagen Sie: "Liebe deinen Job nicht!" Wie passt das zu jungen Anwälten von heute? Behrendt: Natürlich ist meine These eine provokante Zuspitzung. Aber wenn man sich überlegt, was eigentlich Liebe ist, stellt man schnell fest: Liebe kann zwischen Menschen bestehen, aber nicht zu so etwas Abstraktem wie einem Job. Man muss seine Arbeit also nicht lieben, um sie gut zu machen – aber man sollte für sie Leidenschaft empfinden. Mein Rat ist es, im Leben Prioritäten zu setzen. Was ist mir wichtiger: mein Beruf oder mein Privatleben? Ich weiß, dass die Arbeit von Juristen anstrengend und herausfordernd ist. Deswegen empfehle ich auch niemandem, weniger zu arbeiten. Meine Botschaft ist vielmehr: Wenn ich schon, wie ein Jurist, einen stressigen Job habe, dann muss ich Methoden entwickeln, um die Arbeit dauerhaft gesund und motiviert ausführen zu können. Das können kleine Pausen sein, ein Highlight am Wochenende, eben ein ganz persönliches Belohnungssystem.

In der Pause abschalten

LTO: Pausen und Auszeiten – gut und schön. Aber was macht ein Jurist, wenn der Mandant Druck macht und die Arbeit nicht aufgeschoben werden kann? Behrendt: Natürlich macht ein Mandant Druck – aber nicht jeden Tag und nicht 24 Stunden lang. Ich kenne keinen Job, an dem man rund um die Uhr verfügbar sein muss. Einen drängelnden Mandanten kann man zwar nicht wegdiskutieren, aber wenn er bekommen hat, was er braucht, kehrt auch wieder Ruhe ein. In dieser Zeit muss der Jurist runterfahren können. Diese Flexibilität zwischen Anspannung und Entspannung ist wichtig, um dauerhaft leistungsfähig zu sein. Wenn ein anstrengendes Projekt erledigt ist, sollte man sich mit dem Partner oder der Familie etwas Schönes gönnen. Darüber hinaus muss selbst im größten Stress auch mal die Zeit sein, eine Viertelstunde vor die Tür zu gehen, um die Ruhe zu genießen oder etwa eine Kurzgeschichte zu lesen. Dann ist man in einer anderen Welt, und man kehrt erfrischt und mit neuen Impulsen in die Kanzlei zurück, und die Arbeit geht danach viel schneller von der Hand. LTO: Und was ist, wenn gar nicht der Mandant, sondern der Vorgesetzte dauerhaft Druck macht? Behrendt: Zum Druck machen und sich unter Druck setzen lassen, gehören immer zwei. Juristen, die sich gestresst fühlen, sollten sich also die Frage stellen: Bis zu welchem Grad bin ich bereit, das zuzulassen? Ein gewisser Druck ist natürlich immer da, denn das Wirtschaftsleben ist keine karitative Veranstaltung, es geht hier immer um Leistung. Wenn Anwälte die Warnzeichen von zu viel Druck erkennen, sollten sie das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen, um nach Lösungen zu suchen. Denn ein dauerhafter Druck, der negativ empfunden wird, führt zwangsläufig zu Depressionen, Burnout oder anderen Krankheiten – und das kann nicht das Ziel sein. Wenn es gar nicht mehr geht und der Vorgesetzte nicht mit sich reden lässt, muss man sich einen anderen Arbeitgeber suchen.

2/2: Ausgebrannte Anwälte nutzen niemandem

LTO: Wäre es aus Ihrer Sicht denn in Ordnung, wenn junge Anwälte am Anfang ihrer Karriere richtig Gas geben und erst später darauf achten, dass die Balance zwischen Arbeit und Privatleben stimmt? Behrendt: Natürlich haben Einsteiger am Anfang ihrer Karriere, wenn sie noch keine Familie haben, andere Freiräume, als sie sie später mit Kindern haben. Daher kann ein junger Jurist sicher abends auch mal länger arbeiten und sich erst später mit Freunden an der Bar treffen. Trotzdem glaube ich, Berufseinsteiger sollten sich grundsätzlich schon in frühen Jahren überlegen, wie ihr Lebenskonzept aussieht, was sie sich vom Leben und von der Arbeit erwarten – und sich dann entsprechend ihren Wünschen den passenden Arbeitgeber suchen. Niemand sollte davon ausgehen, dass er sich am Anfang kaputtarbeiten muss, denn keine Kanzlei der Welt hat etwas von ausgebrannten Mitarbeitern. LTO: Sie persönlich halten nichts von der strikten Trennung zwischen Beruflichem und Privatem. Warum? Behrendt: Ich empfinde diese Trennung eher als Stress, daher habe ich mir antrainiert, schnell zwischen Beruf und Freizeit umschalten zu können. Es gibt nun mal Projekte, in denen man unabdingbar ist und jederzeit erreichbar sein muss. Trotzdem nehme ich mir auch dann Auszeiten. Meine Botschaft an meine Kollegen ist dann: Kontaktiert mich bitte nur, wenn es wirklich wichtig ist. Sie wissen, dass ich zu bestimmten Zeiten, zum Beispiel morgens und abends, kurz erreichbar bin, lassen mich aber ansonsten in Ruhe. Das empfinde ich als entspannender, als eine Abwesenheitsmail einzurichten und nach dem Urlaub Hunderte von Mails bearbeiten zu müssen. Für mich verschmelzen mein Berufs- und mein Privatleben, und ich glaube, das ist die Zukunft der Arbeitswelt. Abschalten findet nicht auf dem Handy, sondern im Kopf statt. LTO: Sie plädieren in Ihrem Buch für mehr Gelassenheit im Leben. Besteht nicht die Gefahr, in der strengen Juristenwelt Gelassenheit als Unzuverlässigkeit zu verstehen?

Behrendt: Gelassenheit bedeutet ja nicht, dass Juristen nicht sorgfältig mit Mandantenfragen und -geldern umgehen. Es heißt vielmehr, sich selber nicht allzu wichtig zu nehmen und auch mal locker an eine Sache heranzugehen. Lockerheit und eine hohe Professionalität schließen sich nicht aus. Man muss im richtigen Moment Profi sein, aber trotzdem menschlich bleiben. Bei aller Arbeit mit Paragrafen und Schriftsätzen: Juristen sind auch nur Menschen. Wer es hinbekommt, trotz knallharter Juristerei empathisch zu bleiben, ist in meinen Augen ein Top-Anwalt. Frank Behrendt ist als PR- und Kommunikationsfachmann bei der Marketingagentur fischerAppelt tätig. Er lebt mit seiner Familie in Köln. Das Interview führte Sabine Olschner. 

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