"Perspektiven für Juristen 2015"

"Die Gehaltsunterschiede bleiben riesig"

Interview mit Dr. Christoph Wittekindt und Constantin KörnerLesedauer: 5 Minuten
Das Karrierenetzwerk e-fellows.net beobachtet ständig den juristischen Arbeitsmarkt. Welche Einstiegsgehälter Kanzleien, Unternehmen und der öffentliche Dienst zahlen, warum persönliche Kontakte immer wichtiger werden und wie man auch ohne Doppel-VB an gute Jobs kommt, verrät Christoph Wittekindt, Mitautor von "Perspektiven für Juristen 2015 – das Expertenbuch zum Einstieg" im LTO-Interview.

LTO: Herr Dr. Wittekindt, verraten Sie uns bitte, wie es momentan im Allgemeinen um die Jobaussichten für Juristen bestellt ist? Wittekindt: Der juristische Arbeitsmarkt in Deutschland zeigt sich insgesamt recht robust. Die Nachfrage nach Juristen für Kanzleien, aber auch für Unternehmen und Verbände ist nach wie vor stabil. Allerdings kann sich auch der juristische Arbeitsmarkt nicht allgemeinen Trends entziehen. Stellen werden verstärkt befristet ausgeschrieben. Interimsjuristen, also Juristen auf Zeit für bestimmte Projekte, Elternzeitvertretung oder temporäre Unterstützung der Rechts-, Personal- oder Complianceabteilung, werden erstmals signifikant nachgefragt. Juristische Führungspositionen in Unternehmen sind nach wie vor rar gesät und werden oft intern besetzt.

Boutiquen holen verstärkt Kandidaten aus Law Firms

LTO: Welche Trends stellen Sie fest, insbesondere mit Blick auf gefragte Rechtsgebiete?

Wittekindt: Bei den Kanzleien ist nach fünf Jahren Aufschwung erstmals eine gewisse Sättigung festzustellen. Größere Sozietäten stellen weiterhin vor allem Berufsanfänger ein, haben aber oft Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten zu finden. Daher jagt Kanzlei A gerne Kanzlei B ganze Anwaltsteams ab. Der Teamleiter bringt den Umsatz mit, die Associates sind die willigen Helfer, die man sich gerne mit einkauft. Boutiquen und kleinere Kanzleien fischen verstärkt im Becken der Großkanzleien und können so manchen interessanten Kandidaten für sich gewinnen. In der Regel sind in den Boutiquen oder kleineren Kanzleien die Anforderungen an die Kandidaten, insbesondere bezüglich der Examensnoten, geringer. Aber auch hier gilt es, nach Rechtsgebiet zu differenzieren. Anders als in den Vorjahren sind derzeit wieder Arbeits-, Bau-, Vergabe-, Immobilienwirtschafts-, Lebensmittel- sowie Steuerrechtler gefragt, zudem nach wie vor der gesamte "grüne" Bereich, insbesondere Prozessrechtler. Im Bereich Bank- und Kapitalmarktrecht, Handels- und Gesellschaftsrecht sowie Transaktionen haben die Kanzleien derzeit oft Mühe, ihre Anwälte auszulasten.

Einstiegsgehälter: Große Unterschiede bei Kanzleien

LTO: Welches Gehalt kann man beim Einstieg in den Anwaltsberuf erwarten? Wittekindt: Die Gehaltsunterschiede bei den Kanzleien sind  riesig. Während  ein frischgebackener Anwalt heute bei kleineren Kanzleien oft mit einem Jahresbruttogehalt von 38.000 bis 50.000 Euro einsteigt, sind es in den Top-20-Kanzleien in der  Regel 85.000 bis 125.000 Euro, zuzüglich Bonus. In diesen letztgenannten Kanzleien sind 18 Punkte in der Summe beider Examina, ein Doktortitel und/oder ein im Ausland erworbener LL.M. samt entsprechender Fremdsprachenkenntnisse nach wie vor Conditio sine qua non für eine Einstellung. Generell gilt "Je besser die Noten, desto höher das Einstiegsgehalt bzw. Gehalt". Dabei stehen die angloamerikanischen Kanzleien bei den Gehältern nach wie vor an der Spitze. Bei den Boutiquen liegen die Einstiegsgehälter in der Regel zwischen 60.000 und 75.000 Euro, meist ohne irgendwelche Boni, wobei es hier je nach Stadt und Region große Unterschiede gibt. Insgesamt liegen die Einstiegsgehälter 2014 erstmals wieder auf dem Niveau der Boom-Jahre 2005 bis 2008. Allerdings sind die Ansprüche gewachsen.

2/2: Die Unternehmen holen auf

LTO: Wie halten es die Unternehmen mit den Einstiegsgehältern in ihren Rechtsabteilungen? Wittekindt: In Unternehmen hängt das Einstiegsgehalt entscheidend von der Größe und von der Branche ab. DAX-Unternehmen mit größeren Rechtsabteilungen wie Siemens oder BMW zahlen derzeit je nach Zusatzqualifikation 85.000 bis 90.000 Euro. Zweimal "Voll befriedigend", Dr. iur. oder LL.M. sind auch hier fast immer obligatorisch. Bei Mittelständlern, wo die Rechtsabteilung nur aus ein bis drei Juristen besteht, muss der angehende Jurist sich oft mit 48.000 bis 60.000 Euro zufriedengeben. Im Bereich Banken und Versicherungen, Technologie, Pharma und Chemie sind die Einstiegsgehälter höher als in den Bereichen IT, Telekommunikation oder im Medienbereich. Man darf dabei nicht vergessen, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern oft zusätzliche Sozialleistungen offerieren, welche neben einer Regelarbeitszeit von 40 Wochenstunden für manchen Bewerber den Ausschlag für einen Einstieg geben. Aber auch Unternehmen können sich dem "War for Talents", dem Kampf um die besten Nachwuchsjuristen, nicht entziehen, was dazu geführt hat, dass die Einstiegsgehälter in den letzten Jahren deutlich angehoben wurden.

Eintrittskarte persönlicher Kontakt

LTO: Lassen Sie uns die freie Wirtschaft verlassen und den öffentlichen Dienst betrachten. Bekanntlich ist die Haushaltskasse von Bund, Ländern und Kommunen leer. Gleichzeitig stehen aber überdurchschnittlich viele altgediente Juristen vor der Pensionierung. Zahlt sich das für den juristischen Nachwuchs aus? Wittekindt: Die Stellensituation im öffentlichen Dienst ist stabil. Entscheidendes Kriterium für den Einstieg bleiben die Examensnoten. 9 Punkte müssen es in der Regel mindestens sein. Vereinzelt können auch mal weniger als 9 oder weniger als 8 Punkte ausreichen. Aber: Freigewordene Stellen werden oft nicht nachbesetzt. Selbst eine Pensionierungswelle dürfte daran nichts ändern. Und auch im öffentlichen Dienst werden Stellen zunehmend nur noch befristet ausgeschrieben. LTO: Was sollte der juristische Nachwuchs bei der Stellensuche besonders beachten? Wittekindt: Im Zeitalter von Internet und Social Media gelangen viele offene Positionen gar nicht mehr "auf den Markt", Print-Anzeigen nehmen weiter ab, Anzeigen in Jobportalen werden von Woche zu Woche recycelt und wieder neu eingestellt, obwohl sie oft gar nicht mehr aktuell sind. Der persönliche Kontakt, das individuelle Gespräch, das Praktikum oder die Wahlstation sind daher mehr denn je Trumpf und oft Eintrittskarte für den erfolgreichen Start.

Ohne Doppel-VB und Dr.-Titel: auf Umwegen zum Ziel

LTO: Sie nannten vorhin Kriterien, die häufig Bedingung für eine Einstellung seien. Wie steht es um die Einstiegsperspektiven, wenn diese nicht erfüllt werden? Das galt und gilt ja immerhin für die ganz überwiegende Mehrheit der juristischen Absolventen. Wittekindt: In der Tat stellt sich vielen Absolventen, die keine vollbefriedigenden Examina oder sonstigen Zusatzqualifikationen vorweisen können, die Frage, welche Alternativen es zum Berufseinstieg bei Staat, Großkanzlei oder Rechtsabteilung eines Unternehmens gibt. Diese Kandidaten kann man beruhigen. Zunächst gibt es sowohl beim Staat als auch bei Kanzleien und in Unternehmen durchaus Möglichkeiten, spannende und verantwortungsvolle Positionen zu besetzen. Einen großen Bedarf an Juristen haben nach wie vor die "Big Four" der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften wie Deloitte oder Ernst & Young, die mittlerweile alle auch einen Legal-Bereich unterhalten. Man darf sich hier nur nicht zu sehr auf eine bestimmte Position fixieren, sondern muss eventuell Umwege gehen. Also Berufserfahrung sammeln, um dann nach einigen Jahren dort anzukommen, wo man vielleicht von vornherein hinwollte. Aber auch Verbände, Kammern, die Verwaltung des Deutschen Bundestags, das Auswärtige Amt, die BaFin, die GIZ oder das Bundeskartellamt, europäische oder internationale Organisationen haben einen konstanten Bedarf an jungen Juristen und können ein exzellentes Karrieresprungbrett sein. LTO: Herr Dr. Wittekindt, vielen Dank für das Gespräch. Dr. Christoph Wittekindt ist Leiter von Legal People, einem auf die Vermittlung von Juristen spezialisierten Personalunternehmen. Das Interview führte Constantin Körner. "Perspektiven für Juristen 2015" vom Karrierenetzwerk e-fellows.net ist im Oktober 2014 erschienen, zum Preis von 19,90 Euro im Buchhandel (ISBN 978-3-941144-54-5) erhältlich und enthält weitere Infos über den juristischen Arbeitsmarkt sowie Tipps für die Studien- und Karriereplanung.

Thema:

Gehälter von Juristen

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