Vom Juristen zum Journalisten

"Den Königsweg gibt es nicht"

von Peter KoppeLesedauer: 4 Minuten
Legislative, Exekutive, Judikative – Juristen tummeln sich in allen drei Staatsgewalten. Wer aber weder in die Politik gehen will, noch eine Karriere als Verwaltungsjurist oder Richter anstrebt, der sei an die vierte Gewalt erinnert. Zeitungen, TV-Sender und Onlinemagazine bieten eine Alternative zum klassischen Juristen-Dasein. Warum also nicht als Jurist "was mit Medien" machen?
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Wenn ZDF-Moderator Claus Kleber die Zuschauer des heute journals begrüßt, spricht ein Volljurist zum Millionenpublikum. Erstes Examen in Tübingen, das Zweite in Stuttgart, plus Dissertation mit Forschungsaufenthalt in den USA. So beginnt eine juristische Karriere. Doch Kleber produziert Hörfunk- und Fernsehbeiträge für die ARD, wechselt später als Moderator zum ZDF. Eine Entscheidung für den Journalismus. Ebenso Heribert Prantl: Der heutige Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung arbeitet zunächst als Richter und Staatsanwalt, ehe er sich als Zeitungsjournalist mit zahlreichen Leitartikeln einen Namen macht. Zwei Beispiele für Juristen, die trotz mühsamer Ausbildung mit Studium und Referendariat den Weg in den Journalismus eingeschlagen haben. Zugegeben, nicht jeder wird es zum Nachrichten-Anchor eines Fernsehsenders oder zum Ressortleiter einer überregionalen Tageszeitung schaffen. Aber das Prinzip gilt für die gesamte Medienbranche: Journalisten mit juristischem Hintergrund sind gefragt.

NSU, Wahlrecht, EGMR-Urteil – alles juristische Nachrichten

"Juristischer Sachverstand wird in der Redaktionspraxis geschätzt, zumal juristische Aspekte heute in sehr viele Themen hineinwirken", sagt Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Journalistenverbandes. Ob ein Fernsehbericht über das neue Bundestags-Wahlrecht, ein Zeitungsartikel zu den Machenschaften der Zwickauer Terrorzelle NSU oder eine Radionachricht über ein aktuelles Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg – der Inhalt journalistischer Berichterstattung wirft immer häufiger rechtliche Fragen auf. Wer sollte die besser beantworten können als ein Jurist? Dazu kommen jahrelang trainierte Tugenden des Juristen, die er auch im journalistischen Alltag einsetzen kann. Der Jurist hat es gelernt, einen Sachverhalt systematisch zu sezieren, um ihn anschließend Punkt für Punkt abzuarbeiten. Er stürzt sich nicht blind in unklare Themenkomplexe, sondern geht Schritt für Schritt vor, trennt Wesentliches von Unwesentlichem, schichtet so die zentralen Aspekte ab. Gleichzeitig behält er aber immer auch die Zeit im Blick. Diese Struktur hilft bei der journalistischen Recherche und auch beim Aufbau eines späteren Zeitungsartikels oder Rundfunkbeitrags. "Wenn man die Juristen-Frage, wer will was von wem woraus, klar beantworten kann, hat man schon eine gute Basis für einen journalistischen Bericht gelegt", meint Frank Bräutigam, Redaktionsleiter der ARD-Fernsehredaktion Recht und Justiz in Karlsruhe. Er muss es wissen: Gemeinsam mit vier weiteren Volljuristen berichtet Bräutigam für die ARD unter anderem von den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) und des Bundesgerichtshofs (BGH) und produziert den "Ratgeber Recht", der monatlich ausgestrahlt wird.

Volontariat ist keine Pflicht

Wie aber wird ein Jurist zum Journalist? Juristische Antwort: Nach dem Grundgesetz (GG) kann es jeder als Journalist versuchen. Art. 5 GG garantiert die Pressefreiheit. Theoretisch  heißt das, Presseorgane müssen frei gegründet werden können und der Zugang zu journalistischen Berufen muss ebenfalls frei sein. Für die Praxis heißt das: Es gibt keine vorgeschriebene Ausbildung, keine Prüfung, an der Nachwuchsreporter vorbei müssen, um sich Journalist nennen zu dürfen. Natürlich muss auch das Handwerk erlernt, der Umgang mit Sprache und der dramaturgische Aufbau eines Artikels oder eines Fernsehbeitrags verstanden werden. Daher gelten Journalistenschulen, ein entsprechendes Studium oder ein Volontariat bei einer Tageszeitung oder einem Rundfunksender nach wie vor als klassischer Einstieg in den Journalismus. Pflichtvoraussetzung sind sie aber wegen der verfassungsrechtlich garantierten freien Presse gerade nicht.

Nachwuchs mit juristisch-journalistischer Erfahrung gesucht

"Den Königsweg gibt es nicht", sagt auch Bräutigam. "Der zentrale Punkt ist es, Erfahrungen zu sammeln. Das müssen keine FAZ-Artikel sein, ein Beitrag in der Lokalzeitung reicht auch schon aus." Journalistisch ambitionierte Juristen sollten es parallel zum Studium oder dem Referendariat einfach mal versuchen. Für freie Mitarbeit bei einem regionalen Radiosender oder der Tageszeitung um die Ecke reicht die Zeit sicherlich aus. Ganz Eifrige können durch regelmäßige Gerichtsberichterstattung für ihre Lokalzeitung sogar hilfreiche Erfahrungen für den Juristen-Alltag sammeln. "Mir wurde immer die Frage gestellt: Was hast du denn schon gemacht?", erinnert sich Bräutigam. "Und da ist es gut, wenn man einen Artikel oder einen kleinen Radio- oder Fernsehbeitrag aus der Schublade ziehen kann." Fernseh- und Radiosender, Zeitungen und Onlinemagazine werden sich über Bewerbungen von Juristen mit journalistischer Erfahrung freuen. Schließlich schadet es nicht, Mitarbeiter zu haben, die den Unterschied zwischen Berufung und Revision, zwischen Mord und Totschlag kennen. Der ARD-Rechtsexperte kann Nachwuchs mit juristisch-journalistischer Erfahrung jedenfalls immer gebrauchen. Rechtsreferendare können ihre Wahlstation sowohl bei der ARD in Karlsruhe als auch in der ZDF-Justizredaktion in Mainz absolvieren. Wer danach Blut geleckt hat, hat in den Medien gute Chancen. "Als Jurist hat man unter Journalisten ein Alleinstellungsmerkmal, sich in wichtige, hoch komplizierte Bereiche schnell einarbeiten zu können", sagt Bräutigam. Wer seitenlange Urteile von BGH und BVerfG lesen und verstehen kann, braucht vor der Medienwelt keine Angst zu haben.

Thema:

Journalismus

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