Videokonferenzen

Kein bis­schen nackt

von Sabine OlschnerLesedauer: 4 Minuten

Das Arbeiten im Homeoffice verleitet oft dazu, es mit der Bekleidung nicht so genau zu nehmen. Doch was, wenn Videokonferenzen mit Kollegen, Vorgesetzten oder Mandanten anstehen? Stilberaterinnen geben Tipps fürs Online-Outfit.

Mit Jogginghose am heimischen Schreibtisch? Sieht doch eh niemand … Was bis vor Kurzem noch möglich war, ist in Zeiten zunehmender Videokonferenzen plötzlich ein Thema: Nun ist es nicht mehr egal, was Juristen im Homeoffice tragen – denn wer weiß, wann das nächste spontane Online-Meeting stattfindet?

Stil- und Imageberaterin Stefanie Diller aus Hamburg rät, sich für den Arbeitsplatz zu Hause genauso zu kleiden wie fürs Büro. "Kleidung macht etwas mit uns. Mit Jackett oder Anzug fühlt man sich in seiner Rolle – selbst am Telefon", so ihre Erfahrung. Wenn dann noch das Videobild im Gespräch hinzukommt, ist angemessene Kleidung erst recht wichtig.

Oben schick und unten leger könnte doch ausreichen, wenn in der Online-Konferenz eh nur der Oberkörper zu sehen ist – oder etwa nicht? Weit gefehlt, sind sich Stilberater einig: Denn was passiert, wenn man doch einmal aufstehen und durch den Raum gehen muss? Dann kann die kurze Hose oder der zerknautschte Hausrock unter dem Jackett vor der Kamera schnell peinlich werden.

Nicht zu viel zeigen

Ohnehin zeigt die Videokamera mehr als manch einem lieb ist. "Durch den kleinen Ausschnitt, der von einer Person beim Video zu sehen ist, fallen kleine Details viel mehr auf als in einem persönlichen Gespräch, bei dem die ganze Person wirken kann", erklärt Stefanie Diller. Ein offenes Hemd statt Anzug mit Krawatte erscheint legerer; ein zu großer Ausschnitt bei Damen kann ablenkend oder fast nackt wirken. Selbst kleine Brösel auf dem Hemd oder der Bluse stechen dem Gegenüber am Bildschirm direkt ins Auge. Dillers Tipp: Vor dem eigentlichen Meeting einfach mal das Kamerabild testen und prüfen, wie man am Bildschirm aussieht.

Claudia Reuschenbach, Stil- und Imageberaterin aus Bonn, betont zudem den guten Sitz von Kleidung. "Zu große Schulterpartien, ein Rollkragenpullover, der zugeknöpft wirkt, oder ein schlecht sitzender Kragen fallen schnell negativ auf." Außerdem weist Reuschenbach auf die richtige Farbwahl der Kleidung hin: "Ein weißes Hemd vor einer weißen Wand verschwindet. Besser sind Farben, die sich vom hellen Hintergrund abheben." Schwarz ist ebenfalls problematisch, weil durch die Kamera kaum Konturen erkennbar sind – der Oberkörper wirkt dann schnell wie ein großer schwarzer Fleck. Grau oder anthrazit ist hier die bessere Wahl.

Bunte Muster bringen Unruhe

Auch bunte Muster vor einer Bücherwand sind schwierig, weil sie das Bild sehr unruhig machen. Grundsätzlich gilt die Regel: Farbe und Muster der Kleidung dürfen nicht zu ähnlich zum Hintergrund sein. Ein besonderes Phänomen ergibt sich, wenn man einen Greenscreen nutzt. Solch eine grüne Leinwand wird gern verwendet, wenn man einen virtuellen Videohintergrund hinzufügen will. Die Qualität des Videohintergrunds ist bei einem Greenscreen am besten. Trägt man allerdings grüne Kleidung vor dem Greenscreen, wird man durchsichtig.

"Problematisch sind auch sehr kleine Muster wie feine Streifen, Karos oder Fischgrat. Diese flirren leicht vor der Kamera, was irritierend und unruhig wirkt", sagt Stefanie Diller weiter. Als Hingucker empfiehlt Claudia Reuschenbach einen schicken Anstecker am Revers oder eine besondere Krawatte. Frauen können auch mit einer kurzen glänzenden Kette die Blicke in Richtung Gesicht lenken. Lange Ketten oder Schals hingegen verschwinden am unteren Bildrand und sind daher ungünstig für Videokonferenzen. Vorsicht auf jeden Fall bei Schmuck, der schnell klimpert, etwa Ohrringe am Headset: Das Geräusch ist durch das Mikrofon verstärkt zu hören.

Ein wenig Puder auch für die Männer

"Grundsätzlich macht die Kamera Kleidung und Haut immer blasser als in der Realität", weiß Stefanie Diller. Daher empfiehlt sie Frauen, sich ein wenig mehr zu schminken als üblicherweise. Eine gute Ausleuchtung lässt die Person zudem vorteilhafter wirken. Claudia Reuschenbach fügt zum Thema Licht hinzu: "Oft glänzen Gesichter extrem durch die direkte Beleuchtung. Hier empfiehlt sich, kurz vor dem Videostart mit dem Handtuch das Gesicht abzureiben oder mit Puder die Haut leicht zu mattieren – auch bei Männern." Abstehende Haare fallen ebenfalls auf dem Bildschirm viel schneller auf. Kurz drüberbürsten oder glattstreichen hilft, um das Gegenüber nicht zu sehr abzulenken.

Und wie schaut es bei Videokonferenzen mit Geschäftspartnern aus dem Ausland aus? Etikette-Trainerin Bettina von Oertzen sieht bei Online-Treffen keinen großen Unterschied zu realen Treffen. Ein Japaner erwartet auch bei virtuellen Meetings eher formelle Kleidung, ein Italiener legt grundsätzlich mehr Wert auf ein edleres Outfit, ein Engländer ist in der Regel eher konservativ. "Man sollte sich bemühen, seinem Gegenüber Respekt zu zeigen – egal ob bei Face-to-face-Treffen oder bei virtuellen Zusammenkünften", betont Bettina von Oertzen. "Wer unsicher ist, sollte sich in internationalen Meetings eher ein bisschen sorgfältiger kleiden." Sie empfiehlt zudem, nicht die ganze Zeit vor der Kamera zu stehen, sondern sich bei längeren Meetings lieber hinzusetzen. Auch dabei sollte die Kleidung natürlich tadellos sitzen.

Grundsätzlich spricht sich die Etikette-Trainerin dafür aus, bei den Treffen zu differenzieren, mit wem man es zu tun hat: Trifft man sich mit Kollegen, Vorgesetzten, Mandanten oder dem Aufsichtsrat? Geht es um ein lockeres Brainstorming oder um eine zukunftsträchtige Strategiesitzung? Sind nur junge Leute anwesend, oder ist auch mit älteren, vielleicht konservativeren Teilnehmern zu rechnen? "Wer sich dem Anlass angemessen kleidet, kann eigentlich gar nichts falsch machen – vor der Kamera ebenso wie im echten Leben."

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