15 Minuten Telefonat mit einer Maschine sollen den perfekten Mitarbeiter finden. Ihre Mails sollen Unternehmen verraten, was Kunden glücklich macht. Persönlichkeitsmerkmale und Gesundheitsrisiken, per Sprache analysiert? Ein Selbstversuch.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist eine menschliche. Eine aufgezeichnete, freundliche Männerstimme fragt mich, wie mein perfekter Sonntag aussieht. Es beruhigt mich, zu wissen, dass die Technologie, die meine Antworten auswerten wird, sich für den Inhalt dessen, was ich sage, nicht interessiert. "Precire versteht das Thema nicht und auch nicht die Botschaft, die der Absender senden will. Dadurch lässt die Software sich nicht täuschen", erklärt Dr. Dirk Gratzel. Er ist der Geschäftsführer von Psyware. Das Startup mit Sitz in Aachen hat im Sommer die dritte Investitionsrunde erfolgreich absolviert. Der mittelständische Betrieb mit über 20 Mitarbeitern aus Psychologie, Linguistik und Technologie verkauft Produkte auf der Grundlage der Sprachanalyse-Technologie Precire. Sie kombiniert Erkenntnisse aus der Analyse von Text und Lautsprache. Aus 180.000 ausgewerteten Parametern ermittelt die Technologie dann Persönlichkeitsmerkmale von Menschen. In einem 15-minütigen Telefonat werfe sie aus, wofür ein Assessment-Center vier Stunden brauchen würde, sagt Gratzel.

Den perfekten Mitarbeiter finden

So habe ein großer deutscher Personaldienstleister die Abbruchquote im Bewerbungsprozess auf unter drei Prozent reduziert. Diese erhebliche Verbesserung gegenüber der traditionell bei ca. 50 Prozent liegenden Abbruchquote legt für ihn nahe, dass die Bewerber das Verfahren akzeptieren. Ich bin zunehmend geneigt, das zu glauben, während ich im fiktiven Bewerbertest nach dem perfekten Sonntag auch berufsbezogene Fragen beantworte und persönliche wie die nach Dingen, die mich stressen. Dieses Telefonat tut das nicht, schon das Monologisieren verhindert das Gefühl, an einem Bewerbungsgespräch teilzunehmen. Ersetzen kann und soll Precire das persönliche Gespräch nicht, erklärt Anja Linnenbürger. "Die Chemie muss stimmen, sonst bringt auch der geeignetste Kandidat im Team nichts". Für die Psychologin von Psyware hilft die Software aber, die Ressourcen auf diejenigen Kandidaten zu konzentrieren, die ins Team passen und den Anforderungen entsprechen könnten. Diese definiert Psyware gemeinsam mit dem beauftragenden Unternehmen, am besten inklusive Realitätscheck. Dazu werden Mitarbeiter, die in vergleichbaren Jobs besonders erfolgreich sind, vorab auf Gemeinsamkeiten getestet.

Wahrscheinlichkeitsaussagen von der Künstlichen Intelligenz

Precire trifft Wahrscheinlichkeitsaussagen. Die Technologie bewertet die Abweichung vom Durchschnitt. Dafür legt sie die Daten von rund 5.500 Menschen zugrunde, die mit klassischen Persönlichkeitstests nach allen Parametern psychologischer Diagnostik vermessen wurden. Auch die Sprache von Testpersonen, die zum Beispiel eine Depression aufweisen, wurde analysiert; die Daten sind Teil des Programms. Bei auffälligen Mustern lerne das System dazu, erklärt Gratzel.  "Precire ist eine Kombination aus Psychologie, IT und Knowhow. Der Quellcode lernt aus Beispielen und kann danach verallgemeinern." Und erfüllt damit die Definition künstlicher Intelligenz. Das mulmige Gefühl vor der Auswertung meiner Sprachprobe paart sich nun mit der Angst vor einem Persönlichkeitstest durch eine ebenso intelligente wie unbestechliche Maschine  – und mit der menschlichen Abneigung gegen Unbekanntes.

Für den Vertrieb sehr gut geeignet?

Dabei bin ich, das lässt mich Precire wissen, hochgradig flexibel. Offenbar sogar ein bisschen zu sehr für das Soll-Profil von Psyware, welches das Unternehmen meinem Test zugrunde gelegt hat. Trotzdem erreiche ich acht von zehn Punkten beim "Passungsfaktor". Psyware sollte mich aus persönlichkeitsbezogener Sicht also auf jeden Fall zum Gespräch einladen. Gefragt, wofür ich gute Voraussetzungen mitbringe, behauptet Precire, ich sollte Führungsverantwortung übernehmen. Ziemlich überraschend kommt für mich die Meinung der Software, ich wäre fast perfekt für den Vertrieb geeignet: "Dem Bewerber fällt es leicht, in ein Gespräch einzusteigen und Kunden von Angeboten zu überzeugen. Er wirkt charismatisch und fördert die Kundenbindung". Im Service hingegen wäre das wohl eher nichts: "Der Bewerber wirkt durchschnittlich sympathisch und kompetent". Ich finde Precire gerade nicht mal durchschnittlich sympathisch. Meine sprachliche Kompetenz aber sei positiv ausgeprägt und ich emotional stabil, ausdauernd und zielorientiert. Verantwortung übernähme ich gern, auch die eher durchschnittlich ausgeprägte Kooperationsbereitschaft entspricht als Mittel zwischen selbständiger Arbeit und Teamfähigkeit dem von meinem fiktiven Arbeitgeber Gewünschten. Mit den "individuellen Kompetenzen" ist Precire ebenfalls zufrieden. In Kategorien wie Durchsetzungsvermögen, Belastbarkeit oder Begeisterungsfähigkeit gibt es mir drei von drei Punkten und ist der Meinung, mir stünden "für viele Situationen ausreichend Strategien zur Verfügung". Ob ich diese nutze, weiß Precire nicht, erklärt Psychologin Linnenbürger. Es ist ein Profil, wie es Personaler und Führungskräfte kennen. Seine inhaltliche Richtigkeit kann ich in seiner Abstraktheit schwer einschätzen. Das ändert sich, als ich nun einen "tiefen persönlichen Einblick in das System" erhalte, wie Psychologin Linnenbürger sagt. Und nicht nur in das System.

2/2: Was Precire misst – und was es daraus macht

Top-Führungskräfte bekommen mit der "Premiumauswertung" einige  Grundlagen des spezifisch anwendungsorientierten JobFit-Dokuments, wenn sie die Software für den Einsatz in ihrem Unternehmen testen wollen. Sie gibt tiefen Einblick in die eigene Psyche. Meine Wortlänge liegt ebenso über dem Durchschnitt wie die Anzahl der Worte pro Satz. Trotz überdurchschnittlicher Sprachkomplexität und hoher Geschwindigkeit beim Sprechen hätte ich mich offenbar wohl gefühlt bei dem Test, erläutert Linnenbürger. Ob meine Stimme gezittert hat, hat die Technologie ebenso gemessen wie ihre Intensität, Lautstärke und Klangfarbe. Wie emotional waren die verwendeten Begriffe, sind sie gekennzeichnet durch vertiefte Denkprozesse oder bleiben getroffene Aussagen eher stehen? Wie ist das Verhältnis von berufsrelevanten zu sozialen Themen? Auch das in den Antworten zum Ausdruck kommende Interesse an zwischenmenschlicher Interaktion fließt ein in das Profil.

Die Ergebnisse sind wertneutral

Precire gibt Auskunft über das, was mich antreibt. Pragmatisch oder intellektuell? Dominant oder zurückhaltend? Wie belastet ich bin, hat Precire ermittelt, bei dem Telefonat und an den ca. drei bis vier Tagen zuvor, erklärt Linnenbürger. Wie sehr bin ich bereit, mich für meine Arbeit zu verausgaben? Wie widerstandsfähig bin ich bei Belastungen? Die Technologie wertet aus, wie organisiert, autonom und kontaktfreudig ich im Beruf bin. Sie erklärt, ob ich sensibel bin oder selbstbewusst, vorsichtig oder risikofreudig. Wie verträglich bin ich, wie gewissenhaft? Die Ergebnisse seien wertneutral, stellt die Psychologin klar. Ein Vertriebler braucht ein anderes Profil als ein Buchhalter. Precire gibt Handlungsempfehlungen mit, um z.B. meiner zu häufigen Verwendung des Wortes "man" und zu viel Negation zu begegnen: Ich solle überprüfen, wann ich besonders stark so kommuniziere; reflektieren, wer wann und wofür die Verantwortung tragen solle. Und das entsprechend deutlich kommunizieren. Mit weniger Verneinung und mehr "wir", "du" und "ich".

Strategien für Juristen: Was will der Gegner?

Gesprochene, aber auch schriftliche Sprache auszuwerten und zu verbessern, das sei auf diese Art leicht, erklärt Dirk Gratzel. "Gerade Juristen sollten ein Interesse daran haben, dass ihre Sprache verständlich, eingängig und wirkungsvoll ist", erklärt der studierte Jurist. Vor allem mache die Technologie es aber auch möglich, zu verstehen, was andere Menschen wollen, ob das nun der eigene Mandant sei oder die Gegenseite. "In einer familienrechtlichen Streitigkeit könnte Precire anhand des Schriftverkehrs ermitteln, ob es eine außergerichtliche Lösungsmöglichkeit gibt – und wenn ja, welche Punkte ihr entgegenstehen", ist sich Gratzel sicher. "Handelt jemand aus Wut? Will er Vergeltung, Rache - oder Geld?!" Wer die Motive der Parteien kennt, kann die eigene Strategie anpassen. Im Bereich Customer Experience Solutions bietet Psyware das bereits. Aus den Mails eines Kunden kann Precire erkennen, was diese zufrieden stellt. Das Unternehmen kann ihn mit einem zu ihm passenden Kundenberater verbinden, der ihn entsprechend behandelt. "Nicht alle Menschen möchten einen Gutschein, wenn ihr Telefon ausgefallen ist. Manchen bringen eine Erklärung oder eine Entschuldigung mehr Zufriedenheit. Und die Unternehmen können viel Geld sparen", erklärt Gratzel.

Brave new world?

Die dritte wichtige Säule des Unternehmens liegt im betrieblichen Gesundheitsmanagement, Pilotprojekte laufen. In Kooperation mit Krankenkassen bietet Psyware ein Screening an, das darauf abzielt, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout zu verhindern – anonym, ohne dass Mitarbeiter sich beim Betriebsarzt outen müssten. Dirk Gratzel sieht darin ein Angebot auf der hellen Seite der Macht: "Das Erkrankungsrisiko reduziert sich dramatisch, wenn die Menschen sich daraufhin online coachen lassen". Den Bedenken gegen die auf der Hand liegenden Missbrauchsmöglichkeiten begegnet er mit dem Argument, dass Psyware nicht den Code von Precire verkauft. "Wir schnüren nur Produktpakete, welche wir Unternehmen je nach ihren Bedürfnissen zur Verfügung stellen. Diese sind ja gerade in Deutschland - zu Recht - streng reglementiert". Er war langjährig selbst als Personaler tätig und meint, wenn es um Arbeitnehmer geht, seien einschlägige Maßnahmen immer freiwillig und in weiten Teilen mitbestimmungspflichtig. "Das geht nur mit guter Kommunikation und guter Kooperation aller Beteiligten - ohne die Zustimmung des Betriebsrates würde man das nie versuchen", versichert er. Die Angst vor Missbrauch, und sei es durch einen Datendiebstahl oder einen Maulwurf, bleibt. Die Möglichkeit seines Missbrauchs aber ist kein Argument gegen das Instrument. Schließlich hätte ich wohl weniger Angst, wenn Precire mich nicht so gut durchschaut hätte.

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