Legal Tech ist ein heiß diskutiertes Thema im Rechtsmarkt. Stellt der technische Fortschritt eher Ursache oder Lösung für die Krise klassischer Kanzleien dar? Und wie schnell schreitet die Automatisierung wirklich voran? Eine Bestandsaufnahme.

Die Veränderungen im Rechtsdienstleistungsmarkt sind seit einigen Jahren ein vieldiskutiertes Thema. Die einen sagen einen radikalen Umsturz voraus, eine von Fortschritten in der Entwicklung künstlicher Intelligenzen getriebene Ära der Anwaltsandroiden, die ihre menschlichen Vorbilder in nicht allzu ferner Zukunft ersetzen werden. Andere gehen von einer etwas kleinteiligeren Entwicklung aus, in der Technologie dazu dient, auf den wachsenden Druck der Märkte zu reagieren. Eine dritte Gruppe schließlich hält die Vorhersagen der ersten beiden hauptsächlich für heiße Luft und zweifelt an, dass Technologie zu einer grundlegenden Disruption der Branche führen wird. Wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen. Manche Aspekte anwaltlicher Arbeit werden bereits durch hochentwickelte Algorithmen unterstützt, andere laufen heute nicht anders als vor 50 Jahren. Die Grenzen zwischen den einen und den anderen im Rechtsmarkt der Jahresmitte 2016 will ich im Folgenden nachzeichnen, so wie ich sie aus meiner Arbeit beim CodeX-Zentrum der Universität Stanford kennengelernt habe. Ich hoffe, dass diese Bestandsaufnahme einen hilfreichen Überblick verleiht, auch wenn sie nicht alle Aspekte und Akteure abdeckt.

Der Legal Tech-Boom – ein (nicht nur) amerikanisches Phänomen

Bei CodeX versuchen wir, den Fortschritt im Legal Tech Bereich durch interdisziplinäre Forschung zu beschleunigen. Manche unserer Lösungsideen setzen wir selbst in neuen Systemen um, manche versuchen wir über eigens gegründete Start-Ups von der Universität in den Markt zu tragen. Auf den vielen Veranstaltungen, die wir für die wachsende Legal Tech Community organisieren, haben wir hunderte Anwälte, IT-Experten und Unternehmer getroffen, die an Systemen arbeiten, um Anwälten ihre Arbeit und Verbrauchern den Zugang zum Recht zu erleichtern. Einige davon sind akademischer Natur oder stecken noch in der Planungsphase, andere haben bereits Finanzierungen von Business Angels oder Venture Capitalists erhalten und erste zahlende Kunden geworben, oder sich sogar zu profitablen Unternehmen entwickelt, die das Übernahmeinteresse großer Konzerne wecken. Nach der Finanzkrise von 2008 hat in den USA ein regelrechter Start-Up-Boom im Legal Tech Sektor stattgefunden; auch in anderen Ländern und insbesondere in Deutschland besteht eine aktive Gründerszene. Der Enthusiasmus in diesem Bereich scheint ungebrochen, obwohl inzwischen einige Unternehmen gescheitert sind. Leider ist in jeder Branche nur einem kleinen Teil aller Start-Ups Erfolg vergönnt, sodass in den kommenden Jahren wohl mit einer weiteren Konsolidierung zu rechnen ist. Viele Gründer tun sich schwer damit, Kanzleien von ihrem Angebot zu überzeugen. Bekanntlich nimmt der Kanzleimarkt technologische Innovationen im Vergleich etwa mit dem Finanz- oder Medizinsektor nur zögerlich an, was nach verbreiteter Auffassung an seinen partnerschaftlich organisierten Entscheidungsstrukturen liegt. Hinzu kommen je nach Land berufsrechtliche Vorgaben zu Themen wie Anwaltswerbung, Gebührenteilung und Beratungsprivileg, deren Vereinbarkeit mit den Diensten einiger Start-Ups ungewiss wirkt.

Weltweit über 550 Start-Ups für den Rechtsmarkt

Mit der Hilfe geschäftlicher und persönlicher Freunde von CodeX haben wir unlängst ein Onlineportal entwickelt, das Legal Tech Unternehmen rund um den Globus erfasst. In der frei zugänglichen und stetig aktualisierten Datenbank sind derzeit über 550 Start-Ups verzeichnet, viele davon auch aus Deutschland. Die Vielzahl von Kategorien und Schlagworten, die wir gebildet haben, um die Einträge zu ordnen, verdeutlicht das breite Spektrum von Bereichen, für die Legal Tech entwickelt wird. Abstrakt lassen sich die den Start-Ups zugrunde liegenden Technologien unterteilen in solche zur Informationsabfrage (z.B. Suche in Rechtsdatenbanken, Dokumenteneinsicht, Vertragsanalyse und -verwaltung), zur Vernetzung von Praktikern (z.B. Anwaltsnetzwerke) und zur Automatisierung von juristischen Abläufen im engeren Sinne (z.B. automatisierte Vertragsgestaltung). In einem 2015 erschienenen Artikel der Huffington Post hat Rechtsprofessor und CodeX-Partner Oliver Goodenough die klassischen 1.0, 2.0 und 3.0 Kategorien genutzt, um die verschiedenen Entwicklungsstadien von Legal Tech zu beschreiben. 1.0-Anwendungen sind demnach solche, die Anwälte im aktuellen System bei ihrer Arbeit unterstützen, z.B. durch Suche in Rechtsdatenbanken und Dokumentverwaltung. Im Gegenteil dazu sind die 2.0-Anwendungen disruptiv und machen eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern in der Rechtsbranche überflüssig – in diese Kategorie fallen etwa Dienste zur automatischen Dokumentprüfung in der due diligence oder zur Vertragserstellung auf Grundlage eines Fragenkatalogs an den Anwender. Laut Goodenough nähern wir uns mit schnellen Schritten der Zeit der 3.0-Anwendungen, in der Verbesserungen in Soft- und Hardware zu einer radikalen Neuordnung des aktuellen Systems führen werden.

2/3: Keine beliebte Anlagegruppe bei Investoren

Einige der hier erwähnten Einsatzgebiete wie Datenbanksuche und Vertragsverwaltung haben sich zu dicht besiedelten und hart umkämpften Sparten innerhalb des Legal Tech Marktes entwickelt. Für Kanzleien oder Justitiare kann die große Auswahl hier die Wahl eines bestimmten Anbieters erschweren. Andere Bereiche stecken hingegen noch in den Kindesschuhen. So wurde beispielsweise viel über den Einsatz von Blockchain und Ethereum im Kontext von Vertragsschlüssen, Gesellschaftsgründungen und anderen Rechtsgeschäften gesprochen; aber abgesehen von einigen noch recht frühen Konzepten hat bisher niemand einen konkreten Anwendungsfall entwickelt, in dem diese Technologien dabei helfen würden, die rechtlichen Probleme von Verbrauchern oder Unternehmern bei diesen Geschäften tatsächlich zu lösen. Für Venture Capitalists sind Legal Tech Startups aus Gründen, die über den Rahmen dieses Beitrags hinausgehen, nach wie vor eine randständige und eher unbeliebte Investmentkategorie. Es ist allerdings erwähnenswert, dass die Finanzierungsbereitschaft von VCs in den USA im vergangenen Jahr insgesamt etwas gesunken ist, was es für Legal Tech Startups besonders schwer macht, auf diesem Weg an Kapital zu kommen. Manche schlagen daher vor, auf diese Option zu verzichten und stattdessen auf klassischere Formen der Geschäftsentwicklung durch organisches Wachstum und etwaige Finanzspritzen von Privatinvestoren zu setzen.

Kanzleien und Rechtsabteilungen: Not macht erfinderisch

Für mehr als zehn Jahre haben zahlreiche Bücher, Fachartikel und selbst Presseberichte die Zukunft der Rechtsberatung in düsteren Tönen gezeichnet. Die Krise betrifft große, mittlere und kleine Kanzleien, aber jeweils auf ihre eigene Art. Kurz zusammengefasst müssen sie sich mit einer wachsenden Erwartungshaltung ihrer Mandanten auseinandersetzen, insbesondere von Unternehmensjuristen, die für das gleiche Geld mehr Leistung fordern. Zudem müssen die Kanzleien sich neuer Konkurrenz in Form von Outsourcing-Anbietern für Rechtsdienstleistungen (LPOs) und Legal Tech Anbietern erwehren. Auch ihre eigenen Mandanten machen ihnen Konkurrenz, indem Rechtsabteilungen Aufträge, die sie früher extern vergeben hätten, häufiger selbst erledigen. Branchenkenner wie Prof. Richard Susskind und Prof. William Henderson haben eloquent beschrieben, wie das traditionelle Kanzlei-Geschäftsmodell zwischen systemischen wirtschaftlichen Zwängen und technologischen Entwicklungen zerrieben wird, und einige Strategien aufgezeigt, mit denen Kanzleien sich für die Zukunft wappnen können. Als Reaktion auf diese verschärfte Lage haben Kanzleien angefangen, sich stärker mit Innovationsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Viele haben CIOs (Chief Innovation Officer) angestellt oder einen Partner oder ein Komitee von Partnern damit betraut, für ihr Geschäftsfeld relevanten Neuentwicklungen nachzuspüren. Einige größere US-Kanzleien wie z.B. Seyfarth Shaw konzentrieren sich darauf, ihre Abläufe mit betriebswirtschaftlichen Gestaltungsmethoden wie Lean Six Sigma straffer und effizienter zu gestalten. Andere wie Fenwick and West versuchen, Mandanten zu halten, die ihre Dienste nur noch bei besonders schwierigen Rechtsfragen in Anspruch nehmen, indem sie ihnen für ihre übrigen Angelegenheiten über kanzleieigene Agenturen bedarfsgerecht Anwälte als (vorübergehendes) In-House-Personal vermitteln. Die Großkanzlei Dentons hat mit dem NextLaw Lab gar einen eigenen Inkubator zur Forschung an und Entwicklung von innovativen Legal Tech Produkten gegründet. Einige stark spezialisierte Boutiquen und Einzelanwälte stellen ihre Expertise über Onlinedienste bereit, so z.B. die Anwältin Leila Banijamali aus San Francisco über ihr Portal Startup Documents. Und Kanzleien jeder Größenordnung beschäftigen Berater, um ihre IT-Ausstattung auf Vordermann zu bringen. In den Entwicklungsprozess neuer Legal Tech-Lösungen bringen sich inzwischen sogar bekannte Designunternehmen wie IDEO mit ihrem Verständnis von anwenderorientierter Produktgestaltung ein.

3/3: Anpassungserfolge und Ausbildungsperspektiven

Die gute Nachricht ist, dass diese Bemühungen zumindest teilweise zu fruchten scheinen. Kanzleien, die auf die geänderten Kundenerwartungen proaktiv durch Anpassungen ihrer Personal-, Angebots- und Preisstruktur reagiert haben, weisen nach dem Georgetown Report on the State of the Legal Market 2016 bessere Bilanzergebnisse aus als Konkurrenten, die dies unterlassen haben. Das Ziel der Stanford Law School ist, bei ihren Studenten Verständnis und Anwendungskompetenz für die Technologien zu vermitteln, die das Recht beeinflussen. Wir bieten entsprechende Rechtsinformatik und Progammierkurse an und nehmen Legal Tech auch in das Programm der Grundlagenfächer auf. Mehrere US Law Schools unternehmen inzwischen ähnliche Anstrengungen; in Deutschland scheint die Bucerius Law School in diesem Bereich die Führung übernommen zu haben.

Was die Zukunft bringt – und wann

Unsere verschiedenen Anstrengungen, den status quo von Legal Tech zu erfassen, bündeln wir jährlich in der CodeX FutureLaw Konferenz, die dieses Jahr am 20. Mai unter dem Motto "Sind wir am Hockey-Schläger-Moment?" stattfand. Mit anderen Worten: Sind wir an dem Punkt, an dem die lineare Entwicklungskurve der letzten Jahre aufwärts abknickt und exponentiell weiterwächst? Die Tendenz der Antworten ging in Richtung "Nein", wie Vortragstitel wie "Die technologische Revolution – Anwälte und Gerichte: Warum so langsam?", "Top oder Flop – Watson und Weitere" oder "Hindernisse für die Akzeptanz von Legal Tech und mögliche Lösungen" deutlich machen. Zentrale Erkenntnisse der Konferenz waren, dass die Rechtsbranche noch immer mit mangelnder technischer Kompetenz zu kämpfen hat. Dass rechtliche Lösungen den Klienten in den Mittelpunkt stellen sollten. Dass Kanzleien davon profitieren könnten, alternative Gesellschaftsformen zu wählen, die Nicht-Anwälte als Anteilseigner zulassen. Dass die Integration von Legal Tech Risikobereitschaft und stärkere Zusammenarbeit von Anwälten und IT-Experten erfordert, und dass künstliche Intelligenz Anwälte nicht ersetzen, sondern unterstützen wird – wobei wir noch am Anfang der Entwicklung stehen. Es ist eine aufregende Zeit, um im Rechtsmarkt zu sein und über die Wege nachzudenken, auf denen Technologie helfen kann, die vielen Probleme des heutigen Rechtssystems zu lösen. Für Anwälte ist es an der Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Dienste möglichst effektiv und kostengünstig vermitteln und dennoch ein angemessenes Einkommen erzielen können. Wer dies als Herausforderung begreift, wird sich in der neuen Umgebung vermutlich sogar sehr gut schlagen. Da Anwälte meist keine Programmierer sind, müssen sie sich mit ihnen austauschen, um die Entwicklung von anwenderorientierten Rechtslösungen zu ermöglichen. Akademische Institute wie CodeX und das Legal Design Lab in Stanford, die Bucerius Law School in Deutschland und viele andere können in diesem Dialog als Vermittler auftreten. Indem er Experten beider Welten zusammenbringt, trägt auch der Anwaltszukunftskongress zu jenem wichtigen Austausch bei, der notwendig ist, um den gemeinsamen Fortschritt zu beschleunigen. Ich freue mich darauf, den Kongress gemeinsam mit Ihnen zu erleben! Dr. Roland Vogl ist Executive Director and Lecturer in Law an der Stanford University.

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