In der Kanzlei läuft ohne Sie gar nichts. Deshalb sitzen Sie jetzt mit Triefnase im Büro. Sie haben den pikierten Blick der Sekretärin aber bemerkt, als Sie niesend am Drucker standen? Und dass die Kollegen bei jedem Ihrer Hustenanfälle weiter wegrücken? Trotzdem gehen Sie nicht nach Hause? Mensch, Sie sind krank – und leiden zudem offensichtlich unter Präsentismus!

Wann waren Sie zum letzten Mal krank? Und: Wann waren Sie zum letzten Mal krank und sind deshalb nicht zur Arbeit gegangen? Na, dieselbe Antwort? Vermutlich nicht. Krank zu sein bedeutet nicht, automatisch zu Hause zu bleiben. Laut einer Umfrage im Auftrag des Wissenschaftlichen Instituts der AOK sind 71,2 Prozent der befragten Arbeitnehmer im zurückliegenden Jahr krank zur Arbeit gegangen. 70,2 Prozent gaben an, die Genesung aufs Wochenende geschoben zu haben und 29,9 Prozent der Befragten haben sogar gegen den Rat eines Arztes gearbeitet. In Fachkreisen spricht man vom Phänomen des "Präsentismus". Präsentismus kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Auch gesunde Arbeitnehmer, die länger am Arbeitsplatz verweilen als nötig (wartend bis das Auto vom Chef endlich vom Parkplatz verschwunden ist) oder ohne unbedingte Erforderlichkeit am Wochenende im Büro aufschlagen, leiden unter "Präsentismus". Wir wollen uns hier aber speziell den kranken Arbeitstieren zuwenden. Tobias Neufeld, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner der Kanzlei Allen & Overy, erläutert die Rechtslage: "Der Mitarbeiter hat sich aus seinem Arbeitsvertrag heraus gesund zu verhalten. Er hat die Pflicht, seine Kollegen nicht zu schädigen. Was er rechtlich eigentlich nicht tun dürfte ist, wenn er krank ist und ein Arzt ihn krank schreiben würde, ins Büro zu gehen. Insbesondere dann nicht, wenn er eine ansteckende Krankheit hat."

Ja, Sie sind gemeint!

Allen Formen des Präsentismus ist gemein, dass er mit dem Bildungsgrad und der Stellung in der Hierarchie deutlich zu nimmt. "Es gibt Studien, die zeigen, dass Präsentismus besonders häufig in Berufen mit akademischer Ausbildung vorkommt", berichtet Professor Bernhard Badura, Emeritus der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. "Und je höher man die berufliche Leiter empor steigt, desto größer ist die Gefahr, dass man sich für unentbehrlich hält und im Falle einer Krankheit nicht zu Hause bleibt." Ja, Sie sind gemeint Frau Richterin und Herr Notar, lieber Wirtschaftsanwalt und liebe Partnerin: Gerade unter Anwälten grassiert der Präsentismus wie eine Seuche.

Das allerdings liegt nicht allein im Berufsfeld begründet. "Es ist vielmehr eine Frage der Erziehung und des Berufsethos, ebenso wie es auch eine Frage der Kultur ist", so Professor Badura. "Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo Kindern schon von Beginn an beigebracht wird, dass es auf die individuelle Leistung ankommt. Unser Über-Ich ermahnt uns jeden Tag, fleißig zu sein. Menschen hören oft mehr auf das Über-Ich als auf ihren Körper und auf ihre Seele und das kann dazu führen, dass Krankheitssymptome nicht oder zu spät erkannt werden."

Dabei, so Badura geht es sowohl um physische als auch um psychische Erkrankungen. Wer eine depressive Verstimmung nicht erkennt oder nicht erst nimmt und unverändert weiterarbeitet, läuft Gefahr, in einem handfesten Burn-out zu landen. Wer eine Grippe nicht auskuriert, nimmt unter Umständen ein erhebliches Gesundheitsrisiko auf sich.

Wem das zu firlefanzmäßige Weicheier-Argumentationen sind, den überzeugt vielleicht die Ökonomie: Es gibt Studien, die belegen, dass Unternehmen jedes Jahr rund 15% Verlust machen auf Grund von Absentismus (Fehltagen) und Präsentismus. Dabei gehen allerdings zwei Drittel des Verlustes auf die Präsentismusfälle zurück. Ein Rechenbeispiel: Jemand schleppt sich krank zur Arbeit, ist auf Grund seiner Krankheit aber nur fähig, 50% seines eigentlichen Arbeitspensums zu bewältigen. Weil er zur Arbeit geht, zieht sich seine Genesung über zehn Tage hin. Zehn Tage leistet er nur 50%. Wäre er vom Tag Eins der Erkrankung im Bett geblieben, wäre er nach vier Tagen wieder zu 100% einsatzfähig gewesen – und hätte somit in Summe mehr leisten können.

Rütteln an den Grundfesten des Geschäftsmodells

Zugegeben: Diese Zahlenspielerei lässt sich schwer nachweisen, denn wie soll man – gerade unter Juristen – Arbeitsleistung schon so ganz konkret messen? Und wie lässt sich Krankheit messen – fühlen sich manche doch kränker als andere? Klar ist aber doch jedem: Auf die Gesundheit zu achten ist eine Investition in die Zukunft. "Unternehmen, die wollen, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben und wirklich noch bis 67 arbeiten können, müssen da einiges tun", so Professor Badura. "Wir empfehlen eine Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit zu entwickeln und das Thema Gesundheit auf die Tagesordnung zu setzen." In großen Konzernen gibt es bereits im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements bestimmte Programme, die dem Phänomen Präsentismus entgegen wirken. Bislang aber nur dort. Professor Stephan Kaiser von der Wirtschafts- und Organisationswissenschaftlichen Fakultät der Bundeswehr-Universität in München sieht die Chancen zur Verminderung des Präsentismus bei Juristen als eher gering an. "Gerade im Bereich der Wirtschaftskanzleien beobachten wir oft eine sehr stark leistungsgeprägte Kultur. Im Englischen spricht man von der 'Always-on-Ethik': immer online, immer erreichbar. In einem solchen Umfeld tun sich Vorgesetzte schwer, ihre Mitarbeiter nach Hause zu schicken, wenn sie krank sind, ebenso wie sich Mitarbeiter kaum sagen: Ich bleibe mal daheim." Da bedürfte es einer wahren Kulturänderung und Professor Kaiser bezweifelt, dass der Willen dafür da ist. "Wenn Sie anfangen das Thema Präsentismus zu bekämpfen, dann rütteln Sie an den Grundfesten des Geschäftsmodells. Eine Wirtschaftskanzlei, die sagt, wir wollen weniger Präsentismus und wir wollen mehr Work-Life-Balance für unsere Anwälte, wird im Wettbewerb mit anderen Kanzleien zunächst zurückfallen. Trotzdem: Langfristig wäre das vielleicht der richtige Weg, weil man sagen könnte, wenn wir das machen, wenn wir auf die Gesundheit und die Ausgeruhtheit unserer Mitarbeiter achten, sind sie auf Dauer produktiver." Auch was das Thema Rekrutierung junger Anwälte angeht, könnten Maßnahmen in Richtung Verbesserung der Work-Life-Balance Kanzleien nach vorne bringen. Nochmal: Könnte. Doch auch wenn großangelegte Maßnahmen zum Gesundheitsmanagement in Kanzleien vielleicht eher selten sind, kann doch auch hier dem Präsentismus zumindest ein bisschen entgegen gewirkt werden. Flexible Arbeitszeiten und Arbeitsplatzmodelle sind ein Anfang. Sie vermitteln dem Arbeitnehmer das Gefühl, dass er zu Hause Fehlzeiten aufholen kann. Und sie ermöglichen Arztbesuche tagsüber. Und ein Chef, der sich nicht für unentbehrlich hält und selbst mit Schnupfennase einfach mal zu Hause bleibt, ist das beste Rezept gegen grassierenden Präsentismus bei seinen Mitarbeitern. Mehr auf LTO.de: Home-Office: Das bessere Büro Prokrastination: Aufschieberitis – und was man dagegen tun kann Tabuthema Depression: "Bei Anwälten ist das Stigma viel größer"

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