Small Talk mit Literaturszeneanwalt Tilman Winterling

Liest die Bücher seiner Man­danten

von Annelie KaufmannLesedauer: 5 Minuten

Im Small Talk fragen wir Juristinnen und Juristen, was sie denn so machen. Heute: Tilman Winterling, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, über Verträge, die am Küchentisch verhandelt werden, und warum er nie über Zeitmangel klagt.

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LTO: Was machen Sie beruflich?  

Tilman Winterling: Darf ich was fragen?

Klar.

Können wir uns duzen? Ich duze mich eigentlich mit fast allen.  

Gerne. Was machst du beruflich?

Wenn ich das auf einer Party gefragt werde, sage ich einfach: "Rechtsanwalt". Dann erzählen die meisten Leute erstmal, was sie gerade so an juristischen Problemen haben. Da grätsche ich schnell dazwischen und sage: "Aber ich mache nur Urheber- und Medienrecht". Und hier ist mein Schwerpunkt die Literaturbranche. Ich vertrete Verlage, Unternehmen und vor allem auch viele Autor:innen – und ja, da ist dann auch mal eine Bestsellerautorin dabei.  

Und dann kannst du mit deinen Mandaten angeben?

Also, wenn zum Beispiel Anna Maas, die gerade ihr erstes Buch veröffentlicht hat, in der Danksagung schreibt: Tilman, du Rakete – dann freue ich mich echt. Oder wenn Lars Amend auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste einsteigt und mich als Ersten anruft. Aber im Ernst: Die Literaturszene ist klein und da ist es irgendwann ganz normal, dass man sich kennt. Die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe, sind unheimlich nett und alle reden ganz locker auf Augenhöhe miteinander. Es ist jetzt nicht so, dass man da ehrfürchtig voreinander sitzt.

Liest du die Bücher deiner Mandant:innen?

Ich lese vieles, einfach, weil es mir Spaß macht – ohne meine Rolle dabei zu überschätzen. Meine Mandant:innen wollen mit mir über Rechtsfragen reden, nicht über ihr Werk. Aber die meisten freuen sich, wenn man sich austauschen kann. Und wenn jemand sagt "Ich weiß ja nicht, wie weit du gelesen hast ..." und ich kann sagen "Natürlich habe ich dein ganzes Buch gelesen", dann kommt das schon gut an.

"Die Leute stresst es, wenn man verfeindet ist"

Was macht man denn wirklich den ganzen Tag als "Literaturszeneanwalt"?

Ich führe viele Vertragsverhandlungen – das geht los mit der Verlagssuche, also mit der Frage, was ist das beste Angebot für meine Mandant:innen. Ich berate bei der Entstehung von Manuskripten, da geht es zum Beispiel darum, ob die Bildrechte geklärt sind. Oder die Bildrechte sind nicht geklärt und ich soll einen Vergleich mit der Fotografin finden. Es gibt auch streitige Fälle, etwa wenn sich der Verlag und der Autor überworfen haben. Auch Fragen zum Äußerungs- und Persönlichkeitsrecht gilt es zu klären, z.B. wenn sich jemand im Werk wiedererkennt oder dem Autor falsche Tatsachenbehauptungen vorwirft. Und schließlich geht es auch immer mal wieder um markenrechtliche Aspekte.  

Wieviel Diplomatie ist gefragt?  

So viel wie möglich. Die Leute stresst es, wenn man nach einem Rechtsstreit verfeindet ist. In der Literaturszene begegnet man sich immer wieder. Ich versuche grundsätzlich, eine gemeinsame Lösung zu finden – und dabei hilft es natürlich, dass ich inzwischen viele Leute gut kenne, nicht nur die Autor:innen, sondern auch auf Verlagsseite.

Was nervt dich an deinem Job?

Gar nichts nervt.  Wir machen ein gutes Produkt – keine Waffen oder Ähnliches, sondern Bücher. Und ich habe einfach das Glück, dass ich mit ziemlich vielen Leuten zu tun habe, die coole Sachen machen. Ich finde das ist ein Privileg.

"Nach dem Examen habe ich 54books gegründet – als Hobby"

Was machst du umsonst?

Um die naheliegende Antwort zu geben: Ich hoffe natürlich, dass ich nichts umsonst mache - und ich mache auch nicht mehr so viel gratis, wie am Anfang. Aber es kommt vor, dass ich auf eine Rechnung verzichte, wenn ich nur zweieinhalb Minuten gebraucht habe, um eine Frage zu beantworten. Und ich bin in verschiedenen literarischen Gesellschaften und im Kuratorium der hotlist, einem Preis für Bücher aus unabhängigen Verlagen.  

Außerdem hast Du 54books gegründet, ursprünglich ein Blog, jetzt ein ausgewachsenes Internet-Magazin – wie machst du das alles nebenbei?

Bei 54books habe ich vieles aus der Hand gegeben, da gibt es jetzt zum Glück ein tolles Redaktionsteam, wir haben rund 450 Abonnements und können unseren Autor:innen Honorare zahlen. 54books habe ich einfach so nach dem Examen gegründet, das war mein Hobby. Jetzt bringt es mir natürlich auch eine gewisse „street credibility“ in der Literaturszene. Klar wird es manchmal zeitmäßig etwas eng, erst recht seit ich im vergangenen Herbst Vater geworden bin – aber ich kann nicht in dieses Geunke, dass alles so viel sei, einstimmen. Dafür gefällt mir mein Job einfach zu gut.

Was ist dein Highlight des Jahres?  

Demnächst erscheint ein Buch, das ich in meiner Elternzeit abends am Küchentisch verhandelt habe – weil ich das Projekt so toll fand. Darauf freue ich mich. Und dann natürlich darauf, dass hoffentlich bald die Buchmessen wieder vor Ort stattfinden können und die ganze Branche zusammenkommt.  

"Die Buchbranche behauptet immer, dass sie untergeht – geht sie aber nicht"  

Hast eher du deinen Job gefunden oder dein Job dich?

Nach dem Abitur habe ich mal mit einem Literaturstudium geliebäugelt, aber es ist ganz schön, wenn die Literatur an sich dann doch ein Hobby bleiben kann. Ich habe in Münster studiert und eine ganze Weile meinen Schwerpunkt auf Medizinrecht gelegt, bis ich gemerkt habe, dass mir das gar keinen Spaß macht. Im Referendariat hatte ich dann mehrere Stationen im Kulturbereich und wusste: Das ist es. Als dann Gutsch & Schlegel sagte, dass ich dort anfangen kann und vor allem Literatursachen auf den Schreibtisch bekommen würde, war klar, dass das eine super Chance ist. Diese Kanzlei und ich – wir haben uns gegenseitig gefunden.  

Wie krisensicher ist dein Job?  

Die Buchbranche behauptet ja immer, dass sie gerade untergeht – aber das tut sie nicht. Außerdem: Content wird immer produziert, ob nun als Buch oder im Internet. Krisen wird es weiterhin geben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich immer genug zu tun haben werde.

Mit wem würdest du gerne einen Tag lang die Rollen tauschen?

Ich wäre gerne mal der Verleger. Da ist man sehr nah an der Produktion dran. Das ist so der Traum, den ganzen Tag mit unfassbar guten Autor:innen zusammensitzen und über unfassbar gute Bücher sprechen, die man am Ende auch noch gut verkauft. Aber ansonsten bin ich als Rechtsanwalt schon sehr zufrieden.

Was liest du gerade?

Wolfram Eilenberger, "Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten", aber auch immer vieles parallel.

Tilman Winterling ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht bei Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte in Hamburg. Referendariat am LG Stade mit Stationen bei der Kulturbehörde Hamburg, Fechner Rechtsanwälte, Hamburg und SKW Schwarz, München, Studium der Rechtswissenschaften an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster.

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