Small Talk mit Dr. Roya Sangi, Rechtsanwältin für Verfassungs- und Europarecht

Poli­tisch bri­s­ante Fälle und gar nicht "typisch Groß­kanzlei"

Interview von Annelie KaufmannLesedauer: 3 Minuten

Im Small Talk fragen wir Juristinnen und Juristen, was sie denn so machen. Heute: Roya Sangi, Rechtsanwältin in Berlin, die Unternehmen, NGOs und die Bundesregierung vertritt und sich über ein "just perfect" zum Frühstück freut. 

Dr. Roya Sangi, M.A.

Ist: Rechtsanwältin (Senior Associate) in der Kanzlei Redeker Sellner Dahs in Berlin

Macht: vor allem Verfassungs- und Europarecht und vertritt dabei Mandanten wie die Bundesregierung, Unternehmen, Wohlfahrtsverbände, Landtage, Fraktionen und NGOs

Außerdem: Legislative Practice (Beratung zur Verfassungs- und Unionsrechtmäßigkeit von Gesetzentwürfen); Mitglied des Ausschusses Verfassungsrecht des Deutschen Anwaltvereins

Vorher: Promotion im Europa- und Verfassungsrecht und Gastwissenschaftlerin in Boston

Studium: Rechtswissenschaft und politische Philosophie in Teheran, Hamburg und Barcelona

Freut sich besonders, wenn: Sie entdeckt, dass ein im Bundesgesetzblatt veröffentlichtes Gesetz gar nicht in Kraft getreten ist – und das BVerfG ihr Recht gibt

Frau Dr. Sangi, was machen Sie beruflich? 

Ich bin als Rechtsanwältin zu verfassungs- und europarechtlichen Themen tätig. Ganz überwiegend haben die Fälle einen politischen Kontext, zum Beispiel Streitigkeiten vor dem Bundesverfassungsgericht, den Landesverfassungsgerichten oder den EU-Gerichten. Oft geht es darum, ob ein Akt öffentlicher Gewalt die Verfassung oder das Unionsrecht verletzt. 

Was mögen Sie an diesem Job am liebsten?

Ich habe viel Freude daran, komplexe ungeklärte Rechtsfragen zu lösen, die weder im Schrifttum noch in der Rechtsprechung beleuchtet sind. Mich begeistern aber auch ganz besondere Menschen aus meinem Team, mit denen ich gern zusammenarbeite. 

Und was mögen Sie nicht?

Lästigen Orga-Kram und Besprechungen, die sich manchmal nur deshalb unnötig in die Länge ziehen, weil manche Juristen dazu neigen, sich in den Vordergrund zu stellen oder auszuschweifen, statt die Dinge auf den Punkt zu bringen. Schwer erträglich ist bisweilen auch der zurückgebliebene Stand der Digitalisierung – auf allen Ebenen.  

"An großen – und dazu noch politisch brisanten – Verfahren fehlt es mir nicht"

Wie viel Diplomatie ist gefragt? 

Diplomatie ist sehr wichtig – vor allem gegenüber Mandanten. Ebenso wichtig ist es aber – wenn es notwendig ist – den Mut zu haben, Probleme direkt beim Namen zu nennen. Auch wenn das mal undiplomatisch wirkt.

Stehen Sie auf der richtigen Seite? 

Ich erlebe oft, dass es "die" richtige Seite nicht gibt. Was ist schon richtig oder falsch? In der Praxis geht es um – komplexe – Konflikte meist berechtigter Interessen. Die Frage ist, wie wir sie lösen. Was gibt uns zum Beispiel die Verfassung an die Hand, wie diese Konflikte zu lösen sind?

Sind Sie eine typische Großkanzleianwältin? 

An großen – und dazu noch politisch brisanten – Verfahren fehlt es mir nicht. Das macht aus mir aber sicherlich keine "Großkanzleianwältin", schon gar keine "typische". Ich habe mich für Anwaltspersönlichkeiten wie Konrad Redeker und Ulrich Karpenstein interessiert, weil sie den Anwaltsberuf nicht als Dienstleister, sondern als freien Beruf verstanden und niemals die Distanz zur Sache verloren haben. 

Haben eher Sie Ihren Job gefunden oder Ihr Job Sie?

Irgendwie beides. Als Teenager wollte ich schon Anwältin werden, während und nach der Promotion Wissenschaftlerin. 2016 erlebte ich als Referendarin am Bundesverfassungsgericht in einer Verhandlung den Anwalt Ulrich Karpenstein und beschloss, Anwältin zu werden.  Das nüchterne wissenschaftlich fundierte Plädoyer zum Zusammenspiel von deutschen Grundrechten und europäischen Grundfreiheiten verlieh der Dogmatik einen praktischen Sinn. Das überzeugte mich davon, als Anwältin eine bessere Wissenschaftlerin zu werden. 

"Warum bin ich manchmal die einzige Frau am Verhandlungstisch oder im Gerichtssaal?"

Gab es ein Highlight im eher Highlight-armen Jahr 2020? 

Ja – es gab sogar einiges im vergangenen Jahr. Absolutes Highlight ist unser abermaliger Erfolg für Vattenfall vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Gericht hat festgestellt, dass der Gesetzgeber seiner Entschädigungspflicht weder formell noch materiell nachgekommen ist – das im Bundesgesetzblatt verkündete Gesetz ist nicht einmal in Kraft getreten! Als wir das vor zwei Jahren gerügt hatten, schenkte dem niemand Glauben. Außerdem hat mich meine Berufung in den Verfassungsrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins sehr gefreut. 

Was würden Sie gerne ändern?

Wenn ich an einem großen Verhandlungstisch, in einer großen internationalen Telefonkonferenz oder im Gerichtssaal die einzige Frau bin, frage ich mich manchmal: Wo sind all die intelligenten Frauen, die im Hörsaal der Universität neben mir saßen? Ich wünsche mir eine geschlechtsübergreifende Debattenkultur über diese Frage. Außerdem wünsche ich mir manchmal mehr Humor und interdisziplinäre Offenheit unter den Juristen.  

Von wem bekommen Sie Lob – und von wem Kritik?

Zum Glück erfahre ich Lob sowohl von Kollegen als auch von Mandanten. Ich freue mich natürlich darüber, aber ich tue nichts um des Lobes willen, sondern um eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Nicht weniger freue ich mich aber auch über konstruktive Kritik und Anregungen. Von einem hochgeschätzten Mandanten zu einem um Mitternacht abgegebenen Gutachten zum Frühstück ein "just perfect" zu erhalten, versüßt den ganzen Tag. 

Die Fragen stellte Annelie Kaufmann.

Dr. Roya Sangi, M.A.

Rechtsanwältin in der Kanzlei Redeker Sellner Dahs in Berlin mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Europa- und Verfassunsgrecht.

Thema:

Anwaltsberuf

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