Jura-Professor folgt auf Fake-Juristin

"Petra Hinz ist fak­tisch durchaus gestraft"

von Constantin KörnerLesedauer: 6 Minuten
Anstelle von Petra Hinz, die ihre juristische Ausbildung erfand, tritt für die Essener SPD nun ein waschechter Rechtsprofessor an. Im Interview spricht Gereon Wolters über seine Vorgängerin, seinen Traumberuf und seine Bundestagskandidatur.

LTO: Herr Professor Wolters, dass mit Ihnen nun ein Jura-Professor, wohl der Inbegriff eines "echten" Juristen, auf eine Fake-Juristin folgt, hat schon eine gewisse Ironie. Was haben Sie, seit vielen Jahren auch Prüfer in beiden Staatsexamina, ganz persönlich empfunden, als bekannt wurde, dass Petra Hinz nie eine juristische Ausbildung genossen hat? Wolters: Ich kenne Frau Hinz nicht, bin ihr nie begegnet, maße mir also kein Urteil über ihre Person und die genannten Ereignisse an. Dafür weiß ich einfach zu wenig Konkretes aus eigener Anschauung.

Als ich in der Presse erstmals von der Angelegenheit las, überwog für mich die Frage, wie es einem Menschen geht, der derart plötzlich aus einem äußerlich erfolgreichen Leben gerissen wird, und wie es einem Menschen wohl gegangen ist, der über viele Jahre immer Sorgen haben musste, dass das Kartenhaus zusammenbricht. LTO: Es hat viele Bürger enttäuscht, dass eine Bundestagsabgeordnete ihrer Partei und der Wählerschaft über einen Zeitraum von fast dreißig Jahren eine solche Lebenslüge auftischt, rechtlich aber nicht zu belangen ist. Mit welchen Reaktionen begegnet man Ihnen im Wahlkreis? Wolters: Allgemein gilt, dass das moralische Urteil das eine, die Möglichkeit einer staatlichen Sanktion das andere ist. So muss, was ethisch verwerflich sein mag, nicht notwendigerweise eine vielleicht gar strafrechtliche Folge haben. Zudem: Frau Hinz ist durch die wochenlange Berichterstattung und öffentliche Auseinandersetzung faktisch durchaus harte Strafe widerfahren, damit sollte es sein Bewenden haben. Im Wahlkreis sind sich die Menschen des Zurückliegenden sehr bewusst, ich erlebe dort aber vor allem einen Blick in die Zukunft.

"Genossen waren offen für einen Kandidaten ohne "Ochsentour"

LTO: Mit 56,85 Prozent konnten Sie sich bei der Nominierung als Direktkandidat für den Essener Süden und Westen für die Bundestagswahl erfolgreich gegen Ihre einzig verbliebene Mitbewerberin durchsetzen. Wieso haben Sie sich zu der Kandidatur entschieden, nachdem bis dahin kaum jemand auch nur wusste, dass Sie – immerhin seit 1988 – Mitglied der SPD sind? Wolters: Der Umstand, bisher parteipolitisch nicht groß in Erscheinung getreten zu sein, bedeutet ja nicht, dass ich zuvor kein politisch denkender und handelnder Mensch war. So bin ich seit Jahren in der Ruhr-Universität hochschulpolitisch engagiert und beteilige mich auch an der kriminalpolitischen Meinungsbildung auf Landes- und Bundesebene. Den Entschluss, meinen Hut in den Ring der Bundespolitik zu werfen, ist aber auch durch einen seltenen Zufall geprägt: Ein Wahlkreis meines Lebensmittelpunkts, dem Ruhrgebiet, wurde nicht nur recht plötzlich vakant, sondern die Genossinnen und Genossen waren dort auch offen für einen Kandidaten, der keinen waschechten Gang durch alle Instanzen der Partei, oft als "Ochsentour" bezeichnet, gemacht hat.

"Sehr, sehr dankbar, dass der Staat mir das ermöglicht"

LTO: Vor Ihrer Nominierung sagten Sie zu den Parteitagsdelegierten der Essener SPD: "Ich wäre sehr glücklich, meinem Lebenstraum ein Stück näher zu kommen". Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Ihre derzeitige Tätigkeit als Universitätsprofessor nicht Ihr Lebenstraum ist. Warum nicht? Wolters: Mir war und ist natürlich durchaus bewusst, dass das Wort "Traum" für das Ausüben eines so verantwortungsvollen Amts nicht ganz passend ist. Ich habe es in der besonderen Situation der Nominierungsentscheidung verwendet, um damit einen tief verwurzelten Wunsch in mir greifbar zu machen, das gesellschaftliche Miteinander ein wenig mitzugestalten, einen Beitrag zu leisten, dass dieses Land in eine gerechte und damit friedliche Zukunft geht. In jüngster Zeit sorgen mich politische Brandstifter und populistische Vereinfacher. Dem muss mit Kraft Verstand entgegengesetzt werden. Zu meiner Beschäftigung als Universitätsprofessor: Warum sollte der geäußerte Wunsch, mich politisch noch stärker zu engagieren, zugleich zeigen, dass mir meine bisherige berufliche Tätigkeit nicht gefällt?
Nein, das Gegenteil ist richtig: Ich habe einen phantastischen Beruf, der auf der einen Seite anspruchsvoll und fordernd ist, mir aber auf der anderen Seite – bei vollem Lohnausgleich – Freiheiten lässt, die erfunden werden müssten, genössen Hochschullehrer sie nicht bereits. Dies gibt mir eben auch Raum zum freien Denken und für neue Herausforderungen. Ich bin mir dessen sehr bewusst und sehr, sehr dankbar, dass unser Staat mir diese Möglichkeiten eröffnet. Vielleicht kann ich als Abgeordneter davon sogar ein wenig zurückgeben.

"Natürlicher Schwerpunkt: Kriminalpolitik"

LTO: Glauben Sie, dass Ihr erlernter Beruf Ihnen als Bundestagsabgeordneter eher nutzen oder schaden wird? Worauf – aus der Juristerei - werden Sie zurückgreifen, um in der Politik zu bestehen? Wolters: Der Bundestag ist zunächst einmal dasjenige Verfassungsorgan, welches auf Bundesebene Gesetze beschließt. Ein Mensch, der sich in seinem Beruf mit Recht und Gesetz, mit der Auslegung von Normen beschäftigt, scheint mir da doch durchaus hilfreich sein zu können. Meine Ausbildung und meine beruflichen Erfahrungen dürften viele Facetten aufweisen, die in einem Organ der Legislative fruchtbar gemacht werden können. Allem voran bin ich Strafrechtler, die Kriminalpolitik erscheint damit als ein erster, natürlicher Schwerpunkt. Daneben bin ich aber durch mein Engagement in der universitären Selbstverwaltung auch bestens in wissenschaftspolitische und hochschulrechtliche Zusammenhänge eingeführt. LTO: Nach einem Semester Medizin sattelten Sie zum Sommersemester 1988 auf die Rechtswissenschaft um. Zeitgleich traten Sie in die SPD ein. Gab es damals einen Umbruch in Ihrem Leben oder weshalb haben Sie so viel verändert? Wolters: Die Frage hört sich viel interessanter, ja dramatischer an, als mein Leben damals tatsächlich war. Heute kann ich mir durchaus gut vorstellen, Arzt zu sein, damals hatte ich das aber nicht so konkret vor Augen. Ich war nach dem Abitur und dem Zivildienst einfach noch auf der Suche, habe in der Medizin wohl nicht das Rechte gefunden und bin dann mit der Juristerei langsam warm und hernach immer wärmer geworden. Aus meiner Heimatstadt Münster kommend, habe ich meine Studien in Berlin aufgenommen, damit verbunden mag eine gewisse Aufbruchstimmung gewesen sein, die mich auch in die SPD geführt hat.

"Stadtentwicklung, Bildung und soziale Gerechtigkeit"

LTO: Beruflich setzen Sie Akzente im Bereich Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht und internationales Strafrecht, seit 2008 engagieren Sie sich als Elternpflegschaftsvorsitzender der Schule Ihrer vier Kinder in Ihrem Wohnort Bochum. Welche Akzente wollen Sie als Bundestagsabgeordneter setzen? Wolters: Neben den bereits erwähnten Feldern der Rechtspolitik und des Wissenschaftsstandorts in dieser Region und in ganz Deutschland sehe ich weitere persönliche Interessen in der Stadtentwicklung, die ich verstehe im Sinne des Erhaltens oder Schaffens eines lebenswerten Wohnumfelds; hierzu gehört natürlich sehr wesentlich die menschengerechte Verkehrspolitik. Meine vier Söhne gingen bzw. gehen auf die Hufelandschule im Bochumer Stadtteil Querenburg. Das Umfeld und damit die Schülerschaft werden von vielen als schwierig bezeichnet, was schon deswegen wenig differenziert ist, weil es allein daran festgemacht zu werden scheint, dass in den Klassen nur noch sehr wenige Kinder keinen Einwanderungshintergrund haben. Wir haben uns sehr bewusst für dieses Umfeld entschieden, weil es höchst lebendig, im schönsten Sinne vielfältig ist und dort ein friedliches Miteinander ganz unterschiedlicher kultureller Herkünfte und Weltanschauungen völlig selbstverständlich ist. Dort leben alle Kinder Toleranz und erleben sie als etwas Gegenseitiges. Mich beeindruckt das sehr und lehrt mich, dass Bildung der Schlüssel für gesellschaftlichen Frieden und soziale Gerechtigkeit ist. Auch dafür möchte ich mich im Bundestag stark machen. LTO: Herr Professor Wolters, ich danke Ihnen für das Gespräch. Prof. Dr. Gereon Wolters ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Internationales Strafrecht der Ruhr-Universität Bochum. Für die Bundestagswahl 2017 wurde er im Wahlkreis Essen III als Direktkandidat der SPD nominiert. Die Fragen stellte Constantin Körner. Der Volljurist, der selbst SPD-Mitglied ist, war u. a. stellvertretender Bezirksbürgermeister und Mitglied im Rat der Stadt Mülheim an der Ruhr. Er arbeitet nebenberuflich als freier Journalist.

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