Elegant gendern in der Ansprache

Nur mit­meinen reicht nicht

von Eva EngelkenLesedauer: 6 Minuten
Richter(in), Anwalt (m/w), Mitarbeiter/innen: Es gibt elegantere Wege als diese, beide Geschlechter anzusprechen, meint Eva Engelken. Und ist der Überzeugung, dass große wie kleine Kanzleien das auch tun sollten.
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Wer Frauen und Männer erreichen möchte, sollte sie auch beide ansprechen. Lediglich in der Fußnote zu behaupten, man beschränke sich auf die männliche Form, meine Frauen aber selbstverständlich mit, ist eine bequeme Ausrede. Die schreibende Person zeigt damit vor allem, dass sie keine Lust hat, sich um so etwas Mühseliges wie geschlechtergerechte Ansprache Gedanken zu machen. Manche rümpfen über das sogenannte Gendern nur die Nase. Doch leider reicht das bloße Mitmeinen nicht aus. Texte, die konsequent nur Männer adressieren, also etwa nur Richter, nie aber Richterinnen nennen, denken nicht an Frauen. Und noch wichtiger: Sie erreichen Frauen auch nicht. Oder jedenfalls deutlich schlechter, als wenn sie Frauen explizit ansprächen.  Diverse Tests belegen das. Fragt man Kinder nach berühmten Sportlern, Künstlern und Politikern, nennen sie mehr Männer als Frauen. Weibliche Beispiele fallen ihnen erst ein, wenn man sie ausdrücklich nach Sportlerinnen, Künstlerinnen und Politikerinnen fragt. Suchen Stellenanzeigen nur Teamleiter, nicht aber Teamleiterinnen, bewerben sich deutlicher weniger Frauen, als wenn auch nach Teamleiterinnen gesucht worden wäre. Die 2015 veröffentlichte Studie "Gender in der Sprache - Kinder und Stereotype" belegt diese Erkenntnis: Wurden für traditionelle Männerberufe auch die auch die weiblichen Bezeichnungen verwendet, also Ärztin und Arzt oder Feuerwehrfrau und Feuerwehrmann, konnten sich mehr Mädchen vorstellen, diesen Beruf zu ergreifen. Umgekehrt konnten sich mehr Jungen vorstellen, einen typischen Frauenberuf zu wählen, wenn auch die männliche Form verwendet wurde, also Geburtshelfer zusätzlich zur Hebamme oder Krankenpfleger statt der Krankenschwester. Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch hat diese Erkenntnisse schon vor Jahrzehnten in ihrem Klassiker "Deutsch als Männersprache" niedergelegt. Mit juristentypischem Zeitversatz spricht sich diese Erkenntnis nun auch in Kanzleikreisen herum, wo die Zahl der Partnerinnen seit Jahren bei soliden 9 Prozent stagniert. Doch beim Bemühen um qualifizierten Nachwuchs ist man bereit, Dinge zu wagen, über die man bislang die Nase gekraust hat. Zum Beispiel Frauen und Männer zu adressieren. Stellenanzeigen sind ein wichtiger Anwendungsfall, aber beileibe nicht der einzige. Gleichberechtige Ansprache ist auch in anderen Textprodukten gefragt: Bei Pitches, Präsentationen, Websites rund um das Employer Branding, Einladungen, eigenen Medien, Newslettern, Broschüren. Überall gilt: Sollen auch Frauen angesprochen werden, muss man es auch tun - und nicht nur meinen.

Gendern auf Kosten der Leserlichkeit?

Die Frage ist nur: Geht das, ohne jeden Text bis zur Unleserlichkeit zu verschandeln? Nennen wir den Vorgang, in Texten Männer und Frauen anzusprechen, der Einfachheit halber Gendern. Elegant zu gendern bietet weit mehr Möglichkeiten, als Richtern die Richterin oder gar die RichterIn zur Seite zu stellen und damit das Word-Rechtschreibprogramm zum Wahnsinn zu treiben. So kann man etwa geschlechtsspezifische Wörter durch neutral codierte Wörter ersetzen. Dabei geht es um Begriffe oder Wortkombinationen, die beide Geschlechter bezeichnen. Universitäten schicken deshalb schon seit einiger Zeit die "Studierenden" anstelle der Studenten und Studentinnen ins Rennen. Das Gleiche gilt für die Teilnehmenden oder die Lehrenden. Im Folgenden ein paar Beispiele. Auf der Website: "Anwälte" oder "Rechtsanwälte" werden zu "Köpfen" oder "Persönlichkeiten" oder bei internationalen Sozietäten: "Lawyer". "Unsere Rechtsanwälte" oder "Unsere Partner" sind das Gleiche wie "unser Kollegium", "unser Team", unser Partnerkreis" oder "unser Führungsteam". Im Employer Branding: "Als Referendar können Sie bei uns..." kann mit "Im Referendariat können Sie bei uns..." geschlechtsneutral ausgedrückt werden. Manchmal bringt auch die "Schaft" die Lösung: die Anwaltschaft, die Mandantschaft oder die Partnerschaft, allerdings um den Preis einer ziemlich hölzernen Ausdrucksweise. Beispiel: "Nach fünf Jahren können Sie Partner werden" spricht folgender Maßen formuliert beide Geschlechter an: "Nach fünf Jahren ist eine Partnerschaft möglich" Nicht immer existiert ein gleichwertiger neutral codierter Begriff. Dann gilt es, kreativ umzuformulieren. Für den männlichen Berufseinsteiger gibt es kein neutrales Pendant. Die Lösung liefert ein neuer Ansatz. "Als Berufseinsteiger dürfen Sie von Kanzlei X folgendes erwarten..." ist in der Form "Vom Einstieg an dürfen Sie bei Kanzlei X folgendes erwarten..." geschickter formuliert. Auch, wenn man "Unsere Anwälte stehen Ihnen im Notfall rund um die Uhr zur Verfügung" durch "Im Notfall können Sie unsere Dienstleistungen rund um die Uhr in Anspruch nehmen" ersetzt, bleibt der Sinn erhalten.

2/2: Direkte Anrede, Klischees vermeiden, Plural nutzen

Sie, verehrte Leser und Leserinnen, lesen schon die ganze Zeit einen Text, der immer wieder ein "Sie" adressiert und Sie ungeachtet Ihres Geschlechts damit hoffentlich anspricht. Mit "Sie" können Sie sich sogar angesprochen fühlen, wenn Ihr Geschlecht irgendwo zwischen männlich oder weiblich liegt. Gut anwendbar ist die Möglichkeit auf alle persönlichen Schreiben – Stellenanzeigen, Einladungen zu Recruitingveranstaltungen – oder auf Webtexte.  Klassisch: An unserem Messestand haben interessierte Bewerber (Achtung, männlich!) die Gelegenheit, unsere Partner (wieder nur männlich!) kennenzulernen. Gendersensibel: An unserm Messestand haben Sie die Gelegenheit, unsere Partner und Partnerinnen persönlich kennenzulernen. Eine weitere Falle: Viele Wörter bilden traditionell eine männerzentrierte Berufswelt ab. Die Mannschaft besteht von ihrem Wortursprung her aus Männern. Das Gleiche gilt für die Manntage, die hier und da noch abgerechnet werden. Wenn Sie die Ladies nicht ausklammern wollen, sind Sie mit dem Team oder der Gruppe auf der sicheren Seite. Das Gleiche mit den Arbeitstagen oder Tagesätzen oder sofort den billable hours. Aus Einzahl Mehrzahl zu machen, hilft vielen Sätzen auch zu Geschlechtergerechtigkeit.
Statt "Jeder, der bei uns anfängt…" lieber "Alle, die bei uns anfangen…" zu verwenden, hilft genauso weiter, wie aus dem "Fachmann" die "Fachleute" zu machen.

Ins Englische wechseln oder gut mischen

Die englischsprechende Welt klammert Frauen weniger aus als die deutschsprechende. A Lawyer kann männlich oder weiblich sein, genauso wie a partner. Die Associates bilden Junganwälte ebenso ab wie die Junganwältinnen. Eingebürgert hat es sich deshalb in vielen Kanzleien, sogar auf den Visitenkarten nur Partner zu schreiben und nicht Partnerin.  Diese Möglichkeit ist leicht umzusetzen: Wenn Sie Frauen und Männer meinen, nennen Sie sie. Sie sollten diese Variante allerdings tunlichst mit den anderen Möglichkeiten kombinieren, sonst schwillt Ihr Text mit all den Anwältinnen, Expertinnen und Mandantinnen ziemlich an. Beispiel: Mit "Exzellente Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen mit einem Schwerpunkt auf dem Arbeitsrecht sind bei uns richtig" macht man nichts falsch. Wenn es darauf ankommt, jeweils die männliche und die weibliche Form zu nennen, etwa in der Verwaltung, aber der Platz begrenzt ist, kann das Binnen-I Ihre Rettung sein. Über seine Eleganz kann man streiten, aber es erfüllt seinen Zweck. Das Gleiche gilt für das Sternchen "*". Geschlechtlich nicht eindeutig männlich oder weiblich zugeordnete Menschen, sogenannte Intersexuelle, reklamieren es, um der Geschlechtervielfalt allgemein und ihrer persönlichen Intersexualität auch sprachlich Rechnung zu tragen.

Worauf man besser verzichtet

Wirklich abzuraten ist dagegen von einer Schreibweise, die in der Verwaltung weit verbreitet ist, aber weder optisch noch klanglich überzeugt: die mit Klammern und Schrägstrichen, wenn aus Bearbeiter etwa Bearbeiter(in) wird. Das Problem der Klammer ist folgendes: Setzt man die weibliche Form in Klammern, lässt sich dies leicht interpretieren als Notnagelregelung. Wenn sich kein passender Mann findet, nimmt man halt zur Not auch eine Frau. Im Recruiting ist das ein ziemliches ein No-Go. Das Gleiche gilt für Schrägstriche. Sie sind der rostige Notnagel, den man einschlägt, um in der Verwaltung dem Gebot von Gleichberechtigung von Mann und Frau Genüge zu tun, beispielsweise bei der Unterschrift des Antragsstellers, die dann eben zur Unterschrift des/der Antragstellers/in wird. Hier hilft nur umformulieren. Aus der Unterschrift des Antragstellers wird die Unterschrift der antragstellenden Person oder auch: Bitte unterschreiben Sie hier. Ebenso problematisch ist es, männlich codierten Berufsbezeichungen ein "m/w" in Klammern hinterherzuschieben, wie etwa "Rechtsanwälte (m/w) gesucht". Der Buchstabe "m" ist überflüssig, denn bereits die Bezeichnung "Rechtsanwälte" stellt klar, dass männliche Bewerber gemeint sind. Offensichtlich werden die Mängel dieses Konstrukts bei einem weiblich codierten Begriff: "Krankenschwester (m/w) gesucht". Die "(w/m)"-Lösung funktioniert nämlich nur bei neutral codierten Begriffen, zum Beispiel: "Assistenz (m/w)" oder "Hilfskraft (m/w) gesucht". Für eine gefällige Ausdrucksweise im Allgemeinen und eine geschlechtersensible Ansprache im Besonderen gilt als oberstes Gebot: Maß halten! Die aufgezeigten Möglichkeiten entfalten ihren Charme in einer klugen Kombination. Verschonen Sie Ihre Leserschaft mit dem inflationären Gebrauch der einen oder anderen Möglichkeit, vor allem aber: ersparen Sie Ihrer weiblichen Leserschaft das dumme Gefühl, nur mitgemeint zu sein. Denn das setzt sie sprachlich in die zweite Reihe. Geneigte Mandantinnen, Bewerberinnen, Käuferinnen, Kolleginnen und Mitabeiterinnen möchten gerne neben ihren Kollegen sitzen. Und wo sitzen die? Genau!

Die Autorin Eva Engelken ist Volljuristin, Wirtschaftsjournalistin und PR-Beraterin.

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