Themenwoche Jobmarkt Jura

Die juris­ti­sche Arbeits­welt in Zahlen

von Johanna Strohm, LL.M.Lesedauer: 6 Minuten
Die Aufregung vor dem ersten Plädoyer und die Freude über das erste Gehalt kann man nicht in Zahlen ausdrücken – vieles andere aus der juristischen Arbeitswelt aber schon. Beispiel gefällig? Die Zahl der Juristen hat in zehn Jahren um über 40 Prozent zugelegt, auf der Anklagebank sitzen zu 90 Prozent Männer, im Vorzimmer aber zu 99 Prozent Frauen.

Juristen rechnen vielleicht nicht gern, aber Rechnungen über den Berufsstand lassen sich doch einige anstellen – zumal er so viele Vertreter hat. Sie bilden eine der fünf großen Berufsgruppen unter den erwerbstätigen Akademikern in Deutschland und wachsen stetig weiter. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist für den Sommer 2011 223.000 erwerbstätige und sozialversicherungspflichtige Juristen aus, im Jahre 2001 waren es nur 167.000. Den größten Teil der Beschäftigten stellten 2011 die Juristen in der Rechtsberatung. Vier von zehn waren in diesem Bereich angestellt, größtenteils in Rechtsanwaltskanzleien und Notariaten. Weitere 15 Prozent der Beschäftigten sind in der Rechtspflege zum Beispiel bei Gerichten und fünf Prozent im Allgemeinen Verwaltungsdienst bei Ministerien und Behörden tätig. Das verbleibende Drittel verteilt sich auf Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Steuerberatungskanzleien, Verbände und Unternehmen aller Wirtschaftszweige.  Die Jobsituation für Juristen ist relativ konstant. Im Jahr 2012 waren durchschnittlich 5.300 arbeitslos gemeldet, rund vier Prozent weniger als im Jahr 2011. Schwierigkeiten haben vor allem Berufsanfänger ohne oder mit geringer Berufserfahrung, fast zwei Drittel der arbeitslosen Juristen sind unter 35 Jahren. Im Allgemeinen stellt Arbeitslosigkeit für Juristen jedoch nur ein Randphänomen dar. Bezogen auf alle in Deutschland Tätigen mit einem Studienabschluss der Rechtswissenschaften betrug die Arbeitslosenquote 2011 gerade einmal 2,2 Prozent. Nach der Sonderauswertung Jura der Studie Jobtrends Deutschland 2014 des staufenbiel Instituts bleibt der Bedarf an Juristen auch 2014 konstant. 68 Prozent der befragten großen Sozietäten, Boutiquen und Unternehmen sehen im Vergleich zum Vorjahr eine gleichbleibende Nachfrage, 25 Prozent rechnen gar mit einem steigenden Bedarf.

Das liebe Geld: Kanzleien vor Unternehmen vor Behörden vor… Kanzleien

Die größten Unterschiede innerhalb der Berufsgruppen zeigen sich beim Gehalt. Die von der Zeitschrift Azur veröffentlichen Gehaltstabellen 2014 weisen etwa ein Jahreseinstiegsgehalt von 37.500 bis 45.000 Euro für die Arbeit bei Bundes- und Landesbehörden aus. Dem stehen stolze 93.000 beim bestzahlenden Unternehmen (Siemens) gegenüber, und McKinsey, die spendabelste unter den Beratungsgesellschaften, zahlt gleich 100.000 Euro im ersten Jahr. Noch mehr kann man allerdings mit der klassischen Arbeit als Rechtsanwalt verdienen – den richtigen Arbeitgeber vorausgesetzt. Hier führt die Kanzlei Milbank Tweed Hadley & McCloy die Liste an; sie zahlt Einsteigern ein Fixum von stolzen 125.000 Euro. Dafür ist unter Rechtsanwälten auch viel Raum nach unten: Mit wenig Berufserfahrung und einer kleinen Kanzlei als Arbeitgeber kommen Gehälter von nur 30.000 Euro jährlich durchaus vor. Im Staatsdienst gibt es ebenfalls wachsende Gehaltsunterschiede, dort werden die Diskrepanzen in der Besoldung zwischen den Bundesländern immer größer. Ein junger Richter oder Staatsanwalt im Saarland erhält inzwischen 776,57 Euro oder knapp 20 Prozent weniger Gehalt pro Monat als ein Berufsanfänger in der Hamburger Justiz. Ein verheirateter Richter oder Staatsanwalt mit zwei Kindern in der Besoldungsgruppe R2/Endstufe erhält heute in Bayern knapp 800 Euro mehr als sein vergleichbarer Kollege in Berlin. Vor fünf Jahren waren es noch 423,05 Euro.

Juristen verdienen 42 Prozent mehr als Juristinnen

Diskrepanzen gibt es im Rechtsdienstleistungsmarkt auch zwischen den Verdiensten von Frauen und Männern in der gleichen Leistungsgruppe. Die Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamts weist im Jahr 2012 für männliche Beschäftigte in Führungspositionen in Unternehmen der Rechtsberatung ein monatliches Bruttogehalt ohne Sonderzahlungen von mehr als 7.000 Euro aus; für Frauen sind es nur rund 6.000 Euro. Diese Gehaltsdifferenz der Geschlechter beträgt deutschlandweit für alle Branchen im Durchschnitt 23 Prozent. In der Rechtsberatung fällt sie mit 42 Prozent allerdings noch weit höher aus, wobei auch nichtanwaltliche Rechtsdienstleistungsunternehmen in der Erhebung berücksichtigt wurden. Zwei Drittel der Verdienstunterschiede lassen sich laut dem Statistischen Bundesamt auf strukturell unterschiedliche arbeitsplatzrelevante Merkmale von Männern und Frauen zurückführen. In der Rechtsberatung kann dies zum Beispiel der Einfluss des Fachgebiets in Verbindung mit der jeweils vorherrschenden Vergütungsform sowie der jeweiligen Kanzleigröße sein. Ursachen für die Unterschiede beim Verdienst sind vor allem Merkmale wie Kanzleigröße, Region, Alter und Fachgebiet. So sind Frauen etwa im Wirtschaftsrecht deutlich unter-, im Familien und Sozialrecht hingegen überrepräsentiert. Allerdings beziehen Kanzleiinhaberinnen nach einer großen Zukunftsstudie des Deutschen Anwaltsverein von 2013 auch bei gleicher Kanzleigröße (gemessen an der Anzahl der Berufsträger) im Durchschnitt ein geringeres Jahreseinkommen als ihre männlichen Kollegen.

2/2: Zu viele Anwälte, zu wenige Richter?

In über 54.000 Anwaltskanzleien arbeiteten im Januar 2014 insgesamt 163.690 zugelassene Rechtsanwälte, beinahe dreimal so viele wie 1990. Pro Jahr drängen nach Zahlen des DAV 3.000 neue zugelassene Anwälte auf den Markt. Besonders stark ist der Zuwachs der Rechtsanwaltszulassungen in den Rechtsanwaltskammern der großstädtischen Ballungsräume; hier lag die Steigerung von 2002 bis 2012 bei über 40 Prozent. Die Anwaltschaft wächst damit immer weiter, allerdings in den letzten Jahren nicht mehr ganz so rasant wie in den davorliegenden. Während zwischen 1996 und 2001 der Mitgliederzuwachs der Rechtsanwaltskammern bei über sechs Prozent lag, betrug er 2003 bis 2006 nur noch etwa vier Prozent und sinkt nach Angaben der Bundesrechtsanwaltskammer seit 2007 auf jetzt 1,15 Prozent. Dennoch befürchten viele Anwälte für die Zukunft weiter steigenden Wettbewerbsdruck. Während sich Rechtsanwälte immer mehr Sorgen um den zunehmenden Druck durch die ständig wachsende Zahl von Konkurrenten machen, wünschen sich viele Richter dringend mehr Kollegen. In einem Sonderbericht des Roland Rechtsreport 2014 zum deutschen Rechts- und Justizsystem wurden insgesamt 1.770 Richter und Staatsanwälte befragt. Der überwiegende Teil der Befragten zeigt sich mit der Berufswahl und den Arbeitsbedingungen an deutschen Gerichten grundsätzlich zufrieden. Aber besonders der Personalmangel an den Gerichten und die als unzureichend empfundene Bezahlung sorgen für Unzufriedenheit. Acht von zehn Richtern und Staatsanwälten geben an, eine zu hohe Arbeitsbelastung zu spüren. Zudem haben zwei Drittel der Richter und fast vier von fünf Staatsanwälten nach eigenem Empfinden nicht genügend Zeit für die Bearbeitung ihrer Fälle. Nach Angaben des Deutschen Richterbundes fehlen allein in NRW 500 Richter und 200 Staatsanwälte.

Immer mehr Frauen, nur noch nicht an der Spitze

Jeder dritte Anwalt ist mittlerweile weiblich. Der Frauenanteil in der Anwaltschaft hat sich damit in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, von 15 Prozent im Jahr 1990 auf über 30 Prozent im Jahr 2012. Allerdings sind Frauen bei der fachlichen Spezialisierung im Vergleich zu ihrem Anteil an der Anwaltschaft häufig unterrepräsentiert, vor allem in Fachbereichen mit wirtschaftlicher Ausrichtung. Die Spanne des Frauenanteils bei den Fachanwaltschaften reicht von neun bis 55 Prozent. Trotz guter Ansätze werden in den Kanzleien nur partiell Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf umgesetzt. Nach der Zukunftsstudie des DAV  bieten 54 Prozent der befragten Kanzleiinhaber die Möglichkeit einer Teilzeitbeschäftigung an, 36 Prozent setzen andere Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf um. Für die Zukunft wird nur wenig Handlungsbedarf gesehen. Nach der erwähnten Studie des staufenbiel Instituts bieten immerhin 80 Prozent der befragten Unternehmen Teilzeitarbeit und die gute Hälfte flexible Wochenarbeitszeiten an.

Männer führend auf der Anklagebank, Frauen im Vorzimmer

Wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen immer mehr Juristinnen in den Staatsdienst. Dies zeigt sich am Beispiel des Bezirks des größten deutschen Oberlandesgerichts in Hamm. 2013 wurden dort von 67 zu besetzenden Richterstellen 44 mit Frauen besetzt, unter 33 neuen Staatsanwälten waren 22 weiblich. Der Frauenanteil bei Gerichten und Staatsanwaltschaften liegt aktuell insgesamt bei etwa 50 Prozent, auch fast die Hälfte der Gefängnisse in NRW werden von Frauen geleitet. Nur die Berufe des Gerichtsvollziehers und Justizwachtmeisters bleiben im Bereich des OLG Hamm mit über 80 Prozent vorwiegend männlich besetzt. Mit der insgesamt hohen Frauenquote ist das OLG Hamm keine Ausnahme, in Bayern werden seit zehn Jahren mehr Frauen als Männer in der Justiz angestellt, vergangenes Jahr lag ihr Anteil an den Neueinstellungen bei 65 Prozent. Nur eines bleibt: 90 Prozent der Angeklagten sind Männer. Langsam aber sicher steigt auch der Anteil von weiblichen Führungskräften in Kanzleien, Verbänden und Unternehmen. Wie weit der Weg zu einer paritätischen Besetzung jedoch noch ist, zeigen folgende Zahlen zum Anteil der weiblichen Mitarbeiter in der Rechtsabteilung in 65 der 150 führenden deutschen Unternehmen: General Counsel: 6 Prozent, 1. Leistungsebene: 14 Prozent, 2. Leistungsebene: 20 Prozent, Referenten/Associates: 39 Prozent. Und Sekretariat/sonstige Assistenz? Genau: 99 Prozent.

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