Themenwoche Unternehmensjuristen

"Für Juristen eine der schönsten Stellen nach Papst"

von Simone UtlerLesedauer: 5 Minuten
Das Lektorat eines investigativen Artikels, der Kampf um eine Nachtflugerlaubnis oder die Fusion von Krankenhäusern – die Rechtsabteilungen des Spiegel, des Flughafens Köln/Bonn und des Universitätsklinikums Heidelberg bekommen besondere Themen auf den Tisch. Juristen, die dort arbeiten, haben sich meist früh spezialisiert.
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Nach dem Abitur wollte Uwe Jürgens zunächst Journalist werden. Nicht nur, weil das damals cool war, sondern weil er Spaß an Sprache hatte und das Jeversche Wochenblatt, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau verschlang. Doch auch Rechtsthemen interessierten ihn, was ihn in der Mittelstufe zu einem Praktikum bei einem Anwalt veranlasste. Als es nach dem Abi mit der Aufnahme an einer Journalistenschule nicht klappte, begann er Jura in Hamburg zu studieren. Und merkte schon in den ersten Semestern, dass sich seine Leidenschaften kombinieren lassen. Er spezialisierte er sich auf Medienrecht, war unter anderem bei der Financial Times Deutschland. Heute hat der 42-Jährige einen "Traumjob": Seit 2012 ist er einer der drei Justiziare beim SPIEGEL Verlag, die für das Heft, SPIEGEL Online, SPIEGEL TV und den Verlag zuständig sind. Die Rechtsabteilung befasst sich mit Vertriebsrecht, Wettbewerbsrecht, Urheberrecht, Verlagsrecht, gewerblichem Rechtsschutz – und natürlich mit Presserecht. "Oft klingelt das Telefon und Autoren fragen: Darf ich dies? Kann man das so machen?", schildert Jürgens seinen Alltag, der zum Ende der Woche an Fahrt aufnimmt, da der Redaktionsschluss des SPIEGEL naht. "Wir bekommen jede Geschichte auf den Tisch." Dann müssen die Justiziare prüfen, ob die Artikel angreifbar sind. Natürlich gibt es immer wieder Beschwerden gegen ein Nachrichtenmagazin. "Die Relevanz des SPIEGEL berücksichtigt, bekommen wir aber wenig presserechtliche Beschwerden. Durchschnittlich sind es zwei bis drei Rückmeldungen pro Heft“, sagt Jürgens. Insgesamt sei es in seinem Job extrem wichtig, am Ball zu bleiben: "Presserecht ist sehr richterlich geprägt in Deutschland, und da muss man alle Entwicklungen beobachten." Ein Schmankerl für Jürgens sind Abovertriebsfälle mit jungen Jura-Studenten. Da werde der Abo-Coupon mit Tipp-Ex bearbeitet oder Schadensersatz für eine angeblich durch ein blaues Spiegel-Schlüsselband verfärbte Jeans verlangt – und die Aboabteilung mit Paragrafen zugeworfen. "Da antworte ich gern mit gesundem Menschenverstand", sagt Jürgens, der die Idee hat, die lustigsten Fälle einmal in einem Buch zusammenzufassen.

Uniklinikum und medizinische Fakultät der Universität Heidelberg - Ein Jurist mit vielen Hüten

Markus Jones hat besonderen Spaß an lösungsorientiertem Arbeiten. "Das Wort nicht gibt es in meinem Wortschatz nicht. Ich suche so lange, bis ich eine Lösung gefunden habe", sagt der 37-Jährige, der diese Zähigkeit gleich in mehreren Funktionen nutzen kann – als Leiter des Geschäftsbereichs Recht und Drittmittelmanagement des Uniklinikums und der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. In diesen Rollen muss er sich nicht nur um rechtliche Fragen aus den Bereichen Korruptionsrecht und Compliance, Gesellschaftsrecht, Hochschulrecht und Arzthaftung kümmern – sondern auch um Finanzen. "Meine Hauptaufgabe ist zurzeit Kliniken zu sanieren", sagt Jones. In den vergangenen Jahren hat die Uniklinik Heidelberg drei Krankenhäuser in der Region übernommen. Außerdem budgetiert die Rechtsabteilung die Drittmittel, die der medizinischen Fakultät und dem Uniklinikum zur Verfügung stehen und knapp 90 Millionen Euro ausmachen. Als Geschäftsführer der Technology Transfer Heidelberg GmbH, einer Tochterfirma der Uni, ist Jones außerdem für Patente und deren Vermarktung zuständig. Aus all dem wird klar: Dieser Job erfordert nicht nur juristisches Wissen, sondern auch fundierte Medizin- und Wirtschaftskenntnisse. Jones absolvierte parallel zu Jura ein betriebswirtschaftliches Zweitstudium in Mannheim, legte seinen Schwerpunkt auf Medizinrecht und ist seit 2006 am Universitätsklinikum Heidelberg. 28 Mitarbeiter sind in der Abteilung tätig, davon 18 Vollzeitkräfte. "Jeder hat ein Spezialgebiet, nur selten werden externe Anwälte hinzugezogen", sagt Jones, der an jedes Thema mit drei Kernfragen herangeht: Ist es rechtlich in Ordnung? Macht es betriebswirtschaftlich Sinn? Und ist es mit den Unternehmenszielen vereinbar? Bei den klassischen Rechtsthemen nimmt Compliance eine bedeutsame Rolle ein. 2007 habe es im Haus 43 Ermittlungsverfahren gegen Ärzte wegen Bestechlichkeit gegeben. "Die gingen für uns alle positiv aus, dennoch haben wir zusammen mit der Staatsanwaltschaft Leitlinien entwickelt, damit keiner unserer Mitarbeiter Ermittlungsverfahren fürchten muss oder sich strafbar macht." Seither habe sich die Korruptionsthematik deutlich entspannt. Gerade im medizinischen Bereich gibt es immer wieder Skandale. Mal geht es um minderwertige Brustimplantate, mal um Organspenden – nicht immer ist die eigene Klinik betroffen. Aber: "Es ist enorm wichtig, von Beginn an ganz transparent und offensiv an ein Thema heranzugehen." Von Klagen gegen die Klinik bleibe meist nicht viel übrig. "65 Prozent gehen glatt vom Tisch und nur 5 Prozent gehen glatt durch." In den restlichen Fällen würde auch einmal gezahlt, um Verfahren abzukürzen oder die Unkosten kleiner zu halten. "Man muss so etwas nicht nur juristisch betrachten, sondern auch politisch und betriebswirtschaftlich."

Flughafen Köln/Bonn GmbH - Vom Kampf um die Nachtflugerlaubnis

Volker Steingroß lehnt sich bei der Kurzbeschreibung seines Jobs an einen Ausspruch von Franz Müntefering an: "Für Juristen ist das eine der schönsten Stellen nach dem Papst." Der 45-Jährige ist Leiter der Rechtsabteilung des Flughafens Köln/Bonn und liebt vor allem den abwechslungsreichen Alltag. "Der Flughafen ist ein faszinierendes Produkt, die Themen sind vielfältig, und täglich gibt es neue Herausforderungen." Er selbst habe das Ziel, dass jeder, der mit einem Problem zu ihm komme, mit einer Lösung gehe. Zur Themenpalette der Flughafen-Juristen gehören die EU-Richtlinie für Dienstleistungen ebenso wie die Erarbeitung von Antikorruptionsrichtlinien, Streiks des Bodenpersonals – und der drohende Widerruf der Nachtflugerlaubnis. Immer wieder klagen Gemeinden und Privatpersonen gegen die seit 1958 gültige Betriebsgenehmigung, die Flüge rund um die Uhr zulässt. "Die verteidigen wir wie ein gallisches Dorf", sagt Steingroß. Erst im April 2013 konnten er und seine Kollegen mehrere Klagen abwehren. Neben Steingroß beschäftigt der Flughafen noch vier weitere Volljuristen, die Arbeitsrecht, Mietrecht, allgemeines Vertragsrecht, IT-Recht, Baurecht und Luftrecht zu ihrem täglichen Brot rechnen. Die Mitarbeiter der Rechtsabteilung haben sich die Themen aufgeteilt und machen fast alles inhouse. "Die Themen sind so speziell, dass man kaum Externe hinzuziehen kann", sagt Steingroß. Er selbst bringt umfangreiche Kenntnisse aus den Bereichen Verkehrs-, Bau- und Vergaberecht mit. 1997 war er bei der Planungsgesellschaft Bahnbau Deutsche Einheit eingestiegen. Im Jahr 2000 wechselte er zu einem Marktführer der deutschen technischen Gebäudeausrüstung, der unter anderem an Bauten für den Bundestag und im Konsortium für den Flughafen Athen tätig war. Spezialisierung im Studium ist sicherlich ein Baustein auf dem Weg zu einem Job in einem etwas anderen Unternehmen. Aber darüber hinaus ist auch ein Prise Glück nötig. Volker Steingroß hatte rückwirkend gesehen sogar gleich zwei davon: Erstens passte sein Portfolio perfekt auf die Stelle in Köln/Bonn. Zweitens hat er auf eine andere Bewerbung nie eine Antwort erhalten. Dabei ging es um eine Stelle als Baujurist beim Flughafen Berlin Brandenburg.

Thema:

Syndikusanwälte

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