Was lernt man im Referendariat?

In der Uni lernte man zwar Sachverhalte mit dem materiellen Recht zu lösen. Wie man aber eine Klage oder ein Urteil schreibt oder wie man die ZPO in der Praxis anwendet, davon hat man wenig Ahnung. Deshalb liegt der Schwerpunkt des Referendariats auf dem Prozessrecht. 

Das materielle Recht braucht ihr natürlich auch noch. Lasst also nicht zu viel Zeit zwischen Studiumsende und Ref-Start verstreichen, damit die Inhalte aus dem Studium im Gedächtnis gespeichert bleiben und nicht den Weg des Mathe-Wissens aus der Oberstufe nehmen. Sonst droht euch, das materielle Recht noch einmal wiederholen zu müssen. Betrachtet das Studium und das Referendariat am besten als eine Einheit zieht es an einem Stück durch.

Wie ist das Referendariat aufgebaut?

Um es kurz zu fassen - Du kannst dir das Referendariat durchaus wie ein Praktikum mit wöchentlichem Unterricht vorstellen.   

Zwar ist die Referendarausbildung grundsätzlich Sache der Länder, der Rahmen ist jedoch bundesweit weitgehend identisch. So werdet ihr in eurer Zeit als Referendar:in verschiedene Stationen durchwandern und dazu begleitend eine Arbeitsgemeinschaft besuchen.  

Im Referendariat habt ihr die gute Möglichkeit, in kurzer Zeit viele Bereiche der Juristerei kennenzulernen und dadurch eine fundierte Entscheidung zu treffen, welchen Karriereweg ihr später einschlagen wollt.

Welche Stationen absolviere ich während des Referendariats?

Je nach Bundesland werdet ihr fünf oder sechs Stationen – auch als Stagen bezeichnet - absolvieren. 

In den meisten Ländern startet das Referendariat mit der Zivilstation an einem Amtsgericht oder Landgericht. Darauf folgt in der Regel die Strafstation bei einer Staatsanwaltschaft oder einem Strafgericht. Die dritte Station ist in fast allen Ländern die Verwaltungsstation in einer Behörde oder an einem Verwaltungsgericht.  

Als viertes müssen Referendar:innen in der Regel die Anwaltsstation in einer Kanzlei leisten. In Baden-Württemberg und dem Saarland sind zwei Anwaltsstationen vorgesehen. Den Abschluss des Referendariats bildet die Wahlstation bzw. in Hamburg zwei Wahlstationen, die ihr nach Euren Vorlieben gestalten könnt. 

Eine Übersicht zur Reihenfolge und Dauer der Stationen für alle Bundesländer findet ihr hier: 

https://www.lto-karriere.de/jura-referendariat/stationen

Was erwartet mich in der Zivilstation?

In 13 Bundesländern steht am Anfang des zweijährigen Vorbereitungsdienstes die Ausbildung in Zivilsachen. Auch wenn Zivilrecht nicht Euer Ding ist, ist diese Phase abwechslungsreich und die Verhandlungstage am Gericht haben durchaus Unterhaltungswert.  

In der Regel werdet ihr einmal die Woche eine Akte bearbeiten und daneben an Verhandlungen teilnehmen. Durch die wöchentliche Ausarbeitung z.B. von Urteilen oder Beschlüssen bekommt ihr einen guten Einstieg in die grundlegenden Formalien der zivilgerichtlichen Entscheidungsfindung sowie den Urteilsstil.

Was erwartet mich in der Strafstation?

Die Arbeit am Strafgericht oder bei der Staatsanwaltschaft lässt die Herzen der meisten Referendar:innen höher schlagen, selbst wenn ihnen die Rechtsmaterie im Studium nicht gefiel. Dies liegt an den Streifenfahrten mit der Polizei, Besuchen beim Haftrichter oder der Teilnahme als Zeug:in an unangekündigten morgendlichen Hausbesuchen in Form von Durchsuchungen. 

Neben dem Einblick in die Arbeit von Staatsanwält:innen oder Strafrichter:innen steht regelmäßig die Sitzungsvertretung für die Staatsanwaltschaft auf dem Programm. Dabei vertreten Referendar:innen die Staatsanwaltschaft im Rahmen der Hauptverhandlung, in der Regel in Fällen von Bagatellkriminalität.  

Bei der Vorbereitung auf den ersten Auftritt als "Repräsentant:in des Staates" wird euch vermutlich das Lampenfieber packen. Was mache ich, wenn der Angeklagte nicht kommt? Oder der Verteidiger einen Beweisantrag stellt? Und wie plädiere ich eigentlich und finde ein angemessenes Strafmaß? Seid aber beruhigt - In vielen Fällen endet das Verfahren beinahe schon unspektakulär.  

Auch hier gilt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird: Nachdem du die Fälle mit deinem/r Ausbilder:in besprochen hast, kann eigentlich nicht mehr viel Überraschendes auf dich zukommen. Sollte es doch vorkommen, kannst du jederzeit den Telefonjoker ziehen und bei deinem/r Ausbilder:in oder dem Eildienst nachfragen.  

Zum Sitzungsdienst ist die Robe Pflicht – diese kannst du dir aber bei deinem Ausbildungsgericht für den Tag ausleihen. Frauen tragen eine weiße Bluse, Männer ein weißes Hemd sowie eine weiße Krawatte.

Was erwartet mich in der Verwaltungsstation?

"Verwaltungsstation" – klingt eher…gähn!  Dabei kann Euch die Verwaltungsstation einen echten Mehrwert bieten, auch wenn ihr euch später nicht in der Beamtenlaufbahn seht. Ihr lernt, wie Behörden ticken, wie die Strukturen und die Arbeitsabläufe funktionieren. In der Verwaltungsstation bieten sich in vielen Bundesländern das erste Mal internationale Standorte als Ausbildungsstation oder ein Aufenthalt in der Verwaltungshochschule Speyer an. 

Vergesst auch nicht, dass in den Examensklausuren ein praktischer Teil auf Euch zu kommt, der zum Beispiel ein Behördenschreiben zum Inhalt haben kann.

Was erwartet mich in der Anwaltsstation?

Die Planung der Anwaltsstation solltest du strategisch planen und sie deinen Bedürfnissen entsprechend gestalten. Manche Referendar:innen treffen schon früh die Entscheidung, die ganze Station für mehr Lernzeit zu "tauchen", also eine Kanzlei auszuwählen, bei der wenig bis gar kein Arbeitsaufwand zur Ableistung der Station erforderlich ist. Nachvollziehbar, denn die Vorbereitungszeit auf das zweite Examen ist mit etwa drei Monaten extrem knapp bemessen. 

Andere wiederum nutzen die Gelegenheit, einen Einblick in die Großkanzleien-Welt zu bekommen. Die lockt nicht nur mit internationalen Themen und Sachverhalten, sondern auch mit Ausbildungsvorteilen, wie zum Beispiel dem bezahlten Besuch von Repetitorien.  

Üblich ist dabei eine Tätigkeit zwischen drei und fünf Monaten bei drei bis vier Arbeitstagen pro Woche. An den restlichen Tagen könnt ihr die begleitenden Arbeitsgemeinschaften und ggf. den Klausurenkurs am Gericht besuchen. Dieser Weg ist der zeitintensivste, für die weitere Karriere aber auch der förderlichste. Außerdem zahlen große Kanzleien eine Vergütung von 700 – 900 Euro pro Wochenarbeitstag, so dass ihr mehr als 3.000 brutto pro Monat verdienen könnt. Aber aufgepasst – bei so einem Hinzuverdienst wird die Unterhaltsbeihilfe ganz oder teilweise gekürzt. 

Auch mittelständische Kanzleien oder versierte Boutiquen sind als Ausbilder attraktiv. Das Referendariat ermöglicht dort einen unkomplizierten Einstieg, um Eindrücke in hoch spezialisierte Tätigkeitsfelder zu gewinnen. Wer einen guten Eindruck hinterlässt, muss unter Umständen gar keine Bewerbung mehr schreiben, sondern vereinbart die Associate-Stelle bei einem Kaffee mit der Partnerin oder dem Partner.

Was erwartet mich in der Wahlstation?

Den Abschluss des Referendariats bildet die Wahlstation bzw. in Hamburg zwei Wahlstationen. Ihr habt komplett freie Fahrt: Wollt ihr in einem Unternehmen arbeiten, für den Deutschen Bundestag, das Bundespatentgericht oder einen Blick über den Tellerrand werfen zum Beispiel durch eine Tätigkeit für Medien oder im Bereich der Rechtsinformatik? 

Ein Wahlstation-Klassiker ist der Auslandsaufenthalt. Wer die Wahlstation bei einer internationalen Kanzlei absolviert und dort gute Leistungen gezeigt hat, kann dort nach der Möglichkeit fragen, ein Auslandsbüro kennenzulernen. Ist euch eine weitere Station in einer Kanzlei zu wenig Abwechslung? Wie wäre es stattdessen mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit oder dem Verfassungsgericht in Israel? Sogar ein LL.M.-Programm lässt sich in der Wahlstation unterbringen.

Habe ich Einfluss darauf, wo ich eine Station absolviere oder werde ich einer Stelle zugeteilt?

In der Regel werdet ihr automatisch nur bei der Zivil- und Strafstation zugeteilt. Hier könnt ihr aber den Wunsch zu äußern, an ein bestimmtes Gericht innerhalb des Bezirks oder z.B. generell einem Amtsgericht oder Landgericht zugeteilt zu werden. Wie das mit Wünschen so ist, müssen diese nicht in Erfüllung gehen. Die Strafstation werdet ihr entweder bei der Staatsanwaltschaft oder aber an einem Strafgericht ablegen. Je nach Bundesland besteht unter Umständen auch die Wahl zwischen diesen. 

Bei der Verwaltungs- und der Anwaltsstation können und sollten Referendar:innen sich ihren Ausbilder:innen selbst suchen. Ihr seid dabei nur etwas weniger frei als bei der Wahlstation: Ausbilder:innen müssen zur Ausrichtung der jeweiligen Stage passen und für Auslandsaufenthalte gelten je nach Bundesland gewisse Beschränkungen.  

In jedem Fall gilt: Wer etwas Besonderes ausprobieren und erleben will, muss sich früh kümmern.  

Und sich bereits zu Beginn des Referendariats auf die Suche nach einem Platz machen. Bei besonders beliebten Ausbilder:innen, zum Beispiel der Polizei, ist es sogar empfehlenswert, sich direkt mit Zusage zur Einstellung in den Vorbereitungsdienst noch vor (!) Beginn des Referendariats zu bewerben. Ob zu diesem frühen Zeitpunkt bereits angenommen wird, hängt vom einzelnen Arbeitgeber ab. Schlimmstenfalls gibt es einen Brief zurück, in dem euch mittgeteilt wird, dass ihr euch wieder melden sollt, sobald ihr in den Dienst aufgenommen worden seid. Beim Auswärtigen Amt beispielsweise soll man sich frühstens 12 und spätestens 7 Monate vor Beginn der Station bewerben.

Welche Stationen kann ich im Ausland absolvieren?

Welche Stationen ihr im Ausland absolvieren dürft, ist mal wieder länderabhängig. Die jeweiligen Vorschriften hinsichtlich der Auslandaufenthalte werden dir aber schnell weiterhelfen. Bedenke bei der Planung, dass du mancherorts wie z.B. in Baden-Württemberg nur für eine Station von der Teilnahme der begleitenden Arbeitsgemeinschaften freigestellt werden kannst.  

Bereits in der Verwaltungsstation stehen in vielen Bundesländern internationale Standorte als Ausbildungsstation zur Wahl, zum Beispiel beim Auswärtigen Amt oder bei der Außenhandelskammer. In einigen Ländern kann die Anwaltsstation im Ausland absolviert werden. So in Baden-Württemberg oder NRW. 

Die meisten Referendar:innen, die ins Ausland gehen, nutzen dafür die Wahlstation. Um eine passende Stelle zu ergattern, ist eure Eigeninitiative gefragt. Wenn ihr bei eurer Bewerbung Länder ins Auge fasst, die nur wenige andere auf dem Zettel haben, erhöht ihr Eure Chancen, auch tatsächlich einen Platz zu erhalten. 

Tipp: Das Anwaltsblatt führt eine Liste mit ausländischen Kanzleien, die eine Ausbildung im Ausland im Rahmen des Referendariats anbieten.  

Vor dem Auslandsaufenthalt solltest du mit deiner Krankenkasse abklären, ob und inwieweit du im Ausland Versicherungsschutz genießt oder womöglich eine Zusatzversicherung abzuschließen ist.

Welche Zeugnisse erhalte ich während den Stationen?

Mit Abschluss jeder Station werden von den Ausbilder:innen sowie den AG-Leiter:innen sog. Stationszeugnisse ausgestellt. Sie dokumentieren die Leistungen und Fähigkeiten der Referendar:innen. Aber sind sie überhaupt wichtig? 

Die Stationszeugnisse können einen Einfluss auf die Gesamtnote des Examens haben: Nach  § 5 d Abs. 4 DRiG kann die Prüfungskommission bei ihrer Entscheidung von der rechnerisch ermittelten Examensnote abweichen, wenn dies auf Grund des Gesamteindrucks den Leistungsstand des Kandidaten besser kennzeichnet. Dabei sind die Leistungen im Vorbereitungsdienst zu berücksichtigen. Kurz gesagt: Wenn ihr bei der mündlichen Prüfung einen schlechten Tag erwischen solltet, kann das Komitee euch etwas nach oben ziehen. Auf das Bestehen der Prüfung darf diese Abweichung allerdings keinen Einfluss haben. 

Natürlich können sich auch spätere Arbeitgeber für die Zeugnisse interessieren, von staatlichen Stellen werden sie im Bewerbungsverfahren sogar öfters explizit angefordert.

Was erwartet mich in der Arbeitsgemeinschaft?

Die Arbeitsgemeinschaft soll euch die theoretischen Grundlagen des Stoffs vermitteln. Daneben übt ihr Aktenvorträgen und schreibt Klausuren. Die Teilnahme ist verpflichtend und genießt anderen dienstlichen Verpflichtung gegenüber Vorrang. Bei den Klausuren handelt es sich um Übungsklausuren, die in euer AG-Stationszeugnis einfließen. 

Zugleich ist die Arbeitsgemeinschaft das soziale Herzstück des Referendariats. Du kannst sie dir wie deine Klasse zu Schulzeiten vorstellen. Abseits des Unterrichts kannst du dich hier bestens mit anderen Referendare:innen austauschen, denn schließlich arbeitet ihr alle auf dasselbe Ziel hin und bildet so eine Schicksalsgemeinschaft.

Was hat es mit der AG-Fahrt auf sich?

Viele Arbeitsgemeinschaften unternehmen eine gemeinsame AG-Fahrt. Hier hat man die Möglichkeit sich innerhalb der AG - nicht vergessen: man verbringt die nächsten 2 Jahre miteinander - besser kennenzulernen. Hat sich die AG entschlossen eine Fahrt zu unternehmen, könnt ihr für sie in der Sonderurlaub beantragen. Damit er genehmigt wird, muss eine solche Fahrt juristische Elemente haben. Die Ansprüche daran variieren von Bundesland zu Bundesland und mitunter sogar von Landgerichtsbezirk zu Landgerichtsbezirk. Informiert euch also im Vorfeld genau bei eurer jeweiligen Stammdienstelle. Gewöhnlich gehen die Referendar:innen für 4-5 Tage auf Tour und erkunden dabei oftmals z.B. die europäischen Metropolen. Bei der Planung einer solchen Fahrt können darauf spezialisierte Reisebüros zur Rate gezogen werden.  Einzelheiten und Erfahrungsberichte findet hier: 

https://www.lto.de/recht/studium-referendariat/s/referendariat-ag-fahrt-sonderurlaub-steuererklaerung/