ClickCeaseSmall Talk: Was macht man als Bezirksstadträtin?
Small Talk mit Bezirksstadträtin Dr. Almut Neumann

Möchte die Ver­kehrs­wende in Berlin wuppen

von Pauline DietrichLesedauer: 5 Minuten

Im Small Talk fragen wir Juristinnen und Juristen, was sie denn so machen. Heute: Almut Neumann über ihren Job als Bezirksstadträtin und ihre Pläne, den Berliner Verkehr sicherer zu machen. Ihr ambitionierter Maßstab: Zehnjährige Kinder.

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LTO: Frau Dr. Neumann, was machen Sie beruflich?

Dr. Almut Neumann: Ich bin seit November 2021 Bezirksstadträtin für den öffentlichen Raum im Berliner Bezirk Mitte. Zuständig bin ich damit für die Bereiche Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen und Grünflächen.

Was ist eigentlich eine Bezirksstadträtin?

Berlin ist als Stadtstaat in zwölf Bezirke unterteilt. Diese sind zwar nicht dem Status von Kommunen eines Flächenstaats gleichgesetzt, aber in gewissem Maße vergleichbar. Sie sind Selbstverwaltungseinheiten mit eigenständigen Entscheidungsbefugnissen. Sehr vereinfacht gesagt sind die Stadträtinnen und Stadträte quasi die Minister:innen auf Bezirksebene. Ihnen obliegt die Verwaltung des Bezirks und sie übernehmen die politische Leitung und Verantwortung in den ihnen zugeordneten Bereichen.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf am liebsten?

Ich mag vor allem die Vielfalt – es gibt wahnsinnig viele Aufgaben und Akteur:innen. Ich verantworte drei Ämter und muss mich in viele neue Sachthemen und Einzelfragen einarbeiten. Außerdem gefallen mir die vielfältigen Kontakte mit der Bevölkerung. So zum Beispiel bei der Eröffnung des ersten Kiezblocks in Mitte. Aber auch digital habe ich viel Kontakt mit den Bürger:innen, wenn sie sich mit ihren Sorgen und Nöten – wie z.B. dem derzeit großen Problem illegaler Müllablagerungen im öffentlichen Raum – an mich wenden und mich um Hilfe bitten. So lerne ich Berlin auf eine ganz spannende Weise neu kennen.

Wie starten Sie in den Arbeitstag – gibt es viel Bürokratie zu erledigen?

Jeder Tag in diesem Job ist anders. Mein Terminkalender ist vollgepackt mit Besprechungen in verschiedensten Konstellationen und mit Ortsterminen. Außerdem sind Entscheidungen in diversen Verwaltungsvorgängen meines Zuständigkeitsbereichs zu treffen und abends nehme ich mir dann oftmals noch Zeit, um meine E-Mails abzuarbeiten. Meine Tage sind damit auf jeden Fall ganz anders strukturiert als bei meinem vorherigen Beruf als Verwaltungsrichterin am Verwaltungsgericht (VG) Berlin.

Foto: Sascha Bachmann

"Als Stadträtin kann ich Verwaltungshandeln gestalten"

Warum haben Sie sich von dem Job als Verwaltungsrichterin erst einmal verabschiedet und sich entschieden, in die Politik zu gehen?

Ich bin sehr gerne Richterin und gehe davon aus, dass ich eines Tages in die Justiz zurückkehren werde. Die Chance, jetzt in der Position einer Stadträtin in die Verwaltung zu wechseln, wollte ich mir allerdings nicht entgehen lassen. Ich bekomme nun viele Aspekte von der "anderen Seite" zu sehen: Anstatt das Verwaltungshandeln erst im Nachhinein rechtlich zu überprüfen, kann ich es jetzt als Stadträtin selbst mitgestalten. Das macht mir sehr viel Spaß!

Wie sieht es mit den Inhalten aus – ist es eine Herzensangelegenheit für Sie, den Umwelt- und Klimaschutz in die Hauptstadt zu bringen?

Ja. Die Themen Klimaschutz und Umwelt- und Naturschutz treiben mich an. Wir brauchen in unseren Städten viele kleine grüne Oasen, um dem Klimawandel zu trotzen. Und wir brauchen die Verkehrswende. Ich war zuvor in einer verkehrspolitischen Initiative engagiert und bei meiner Partei Bündnis 90/Die Grünen im Bereich der Verkehrspolitik tätig – und so kam dann auch die Anfrage, ob ich mir den Posten als Stadträtin für den öffentlichen Raum vorstellen kann. Gerade in diesem Bereich für Veränderung und Bewegung zu sorgen, ist mein Ziel für die nächsten Jahre.

Fahren Sie selbst Fahrrad in Berlin? Ich habe mich das ehrlich gesagt noch nie getraut.

Ja, ich bin in Berlin meistens mit dem Fahrrad unterwegs. Ich höre aber immer wieder, dass es vielen – so wie Ihnen – zu gefährlich ist. Genau das ist das Problem. Die Straßenverkehrsordnung sieht beispielsweise vor, dass Kinder mit dem Rad ab zehn Jahren die Fahrbahn nutzen müssen und nicht mehr den Gehweg. Dann muss es aber auch möglich sein, dass sie dort gefahrlos fahren können. Das ist derzeit definitiv noch nicht überall der Fall. Deswegen ist die Verkehrssicherheit das erste Thema, an das ich bei der Verkehrswende denke. Nur, wenn man sich sicher mit dem Rad und zu Fuß im Verkehr bewegen kann, macht man es auch.

"Erwartungen aus der Bevölkerung sind eine Herausforderung"

Was ist Ihr berufliches Ziel für 2022?

Ich möchte die Verkehrswende in Mitte stärker auf die Straße bringen, indem wir das Radnetz ausbauen und Fußgänger:innen besser schützen. Außerdem will ich unser Stadtgrün fördern und das Müllproblem im öffentlichen Raum angehen.

Was mögen Sie an ihrem Job denn gar nicht?

Da muss ich wirklich überlegen – denn bislang bin ich wirklich begeistert von der neuen Aufgabe und von dem Team, mit dem ich zusammenarbeite. Eine große Herausforderung werden aber sicherlich die hohen Erwartungen aus der Bevölkerung und auch von mir selbst an unser Tempo bei erforderlichen Neuerungen sein. Die werden teilweise sicher auf die Realitäten der Bezirksverwaltung mit ihren begrenzten Ressourcen prallen. Ich habe das große Glück, wirklich tolle und engagierte Mitarbeitende in den Ämtern zu haben, die sehr verantwortungsvoll ihrer Arbeit nachgehen und ebenfalls viel bewegen wollen.

Gleichzeitig haben wir zum Beispiel einfach nicht genügend Verkehrsplaner:innen bei uns im Straßen- und Grünflächenamt, um alle Maßnahmen im Bereich der Verkehrswende umzusetzen, die wir gerne angehen würden. So sind in unseren Handlungsmöglichkeiten einfach Grenzen gesetzt.

Welche Stadt hat Ihrer Meinung nach die Verkehrswende gut im Griff?

Ich bin eine große Bewunderin von Anne Hildago, der Bürgermeisterin von Paris. Sie hat es wirklich geschafft, die Stadt massiv umzubauen. Es sind neue Fahrrad- und Fußgängerwege entstanden, der Autoverkehr ist stark reduziert worden und der öffentliche Raum ist nun grüner und lebenswerter. Diesen expliziten Wechsel finde ich faszinierend, weil er zeigt, dass Verkehrswende in relativ kurzer Zeit möglich sein kann und von den Menschen vor Ort positiv mitgetragen wird. Das wünsche ich mir auch für Berlin.

Ohne was könnten Sie Ihren Job denn nicht machen?

Kaffee – samt morgendlichem Gespräch mit meinem direkten Team bei der ersten Tasse im Büro.

Eine letzte Frage noch: Wir sammeln in unseren Small Talks gerne Buchempfehlungen von unseren Gesprächspartner:innen ein – hätten Sie auch eine für uns?

Zurzeit lese ich "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari. Ich finde spannend, wie der Autor einen ganz eigenen Blick auf die Grundfragen und großen Zusammenhänge, aber auch die Kontingenz gesellschaftlichen Zusammenlebens wirft.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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