Zwingend ist ein Auslandsaufenthalt während des Referendariats nicht. Trotzdem zieht es viele Studenten raus aus den deutschen Gerichtssälen und Behördengängen. Möglichkeiten gibt es genug. Wie wäre es zum Beispiel mit New York? Ein Erfahrungsbericht über die Wahlstation bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer, einem Ride-along mit der Polizei durch die Bronx und geduldige Schlangesteher.

New York City. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, über die so oft berichtet wird, die so häufig als Kulisse für Film und Fernsehen dient und die so viele Geschichten erzählt, wie die inoffizielle Hauptstadt der USA. Nahezu jeder mit dem man spricht war schon dort – oder möchte noch hin.

Wie ich dort hingekommen bin: Glück und Verstand

Ich gehörte zu denjenigen, die ihren Besuch noch vor sich hatten. Trotzdem waren meine ersten Planungen für den Ort meiner Wahlstation keineswegs auf New York fokussiert. Ich wollte vielmehr einfach ins Ausland und am besten nicht in eine Kanzlei. Der erste Punkt war kein Problem. Möchte man seine Station jedoch nicht in einer der großen internationalen Law Firms oder einer kleineren regionalen Anwaltskanzlei verbringen, bleibt für deutsche Rechtsreferendare häufig nicht mehr sonderlich viel Auswahl übrig. Eine Bewerbung bei den hippen IT-Unternehmen des Silicon Valley scheitert häufig bereits daran, dass entweder gar keine Kontaktinformationen auffindbar sind oder die Bewerbung an die zentrale E-Mailadresse auf dem iPad eines Mitarbeiters in der Bucht von San Francisco versandet. Eine Alternative sind die Deutschen Auslandshandelskammern. Diese informieren auf ihren Internetseiten gut und übersichtlich darüber, wo und unter welchen Voraussetzungen Referendaren die Gelegenheit gegeben wird, ihre Stationen zu absolvieren. Die Deutsch-Amerikanische Auslandshandelskammer New York beschäftigt etwa durchgehend zwei bis drei Referendare. Entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung bei der German American Chamber of Commerce New York (GACCNY) ist, neben aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen, vor allem auch etwas Glück hinsichtlich des gewünschten Aufenthaltszeitraumes. Um sich von Mitbewerbern absetzen zu können, sollte man möglichst internationale Erfahrung mitbringen oder jedenfalls entsprechend aufgeschlossen sein. Noten spielen natürlich auch eine Rolle. Entscheidend ist – wie so oft – der Gesamteindruck.

Behördenalltag I: Deutsche Behörde trifft amerikanisches Unternehmen

Die GACCNY ist eine Kapitalgesellschaft amerikanischen Rechts und befindet sich in einer typischen Büroetage in unmittelbarer Nähe zur Wall Street in Downtown Manhattan. Ein eigenes Büro ist einigen wenigen Mitarbeitern vorbehalten – die große Mehrheit verbringt ihren Arbeitsalltag im amerikatypischen Großraumbüro. Was einen beim ersten Telefongespräch mit der US-Steuerbehörde oder beim konzentrierten Durchforsten amerikanischer Zollbestimmungen noch stören mag, erfreut spätestens dann, wenn man unkompliziert und schnell mit sämtlichen Kollegen in Kontakt kommt und umgehend auf deren Hilfe zurückgreifen kann. Die vorherrschende Bürosprache ist deutsch. Zwar arbeitet man mitten in New York, die meisten Mitarbeiter, Kunden und Mandanten der GACCNY stammen jedoch aus Deutschland oder beherrschen die deutsche Sprache nahezu perfekt. Aller amerikanischer Einflüsse erwehrt sich aber auch die Handelskammer nicht: Es wird geduzt. Und zwar jeder jeden, der Praktikant den Abteilungsleiter, der Referendar den Vize-Präsidenten – nur der Kammerpräsident ist eine Ausnahme.

Behördenalltag II: Arbeiten bei den Legals

Als einer von drei Referendaren wurde ich vom ersten Tag an voll in die Arbeit der Rechtsabteilung eingebunden, wozu auch E-Mails und Telefongespräche mit Mandanten und Behörden gehörten. Wen das abschreckt, den wird sicherlich beruhigen, dass man jederzeit auf die freundliche Hilfe und Unterstützung der Abteilungsleiterin und einer weiteren Juristin zurückgreifen kann. Da die Referendare in aller Regel zeitlich versetzt mit ihrer Station beginnen, steht zudem meist ein Referendars-Routinier in den eigenen Reihen für jegliche Fragen bereit. Die Palette der behandelten Fälle ist bunt und dreht sich meist um deutsch-amerikanische Sachverhalte: vom kleinen oder mittelständischen Unternehmer, der in den USA Fuß fassen will, bis hin zur Privatperson, die von der amerikanischen Großtante ein Aktienpaket geerbt hat. Der Rückgriff auf das eigene deutsche Rechtswissen oder eine tiefere Einarbeitung in das amerikanische Recht ist nur in Ausnahmefällen wirklich notwendig. Viel häufiger wird man im Internet fündig oder fragt direkt bei den richtigen amerikanischen Behörden und Ansprechpartnern nach. Für die mündliche Prüfung bringt einem die Station fachlich daher nicht unbedingt etwas – viele interessante Erkenntnisse und eine Portion Arbeits- und Lebenserfahrung hingegen schon. Als kleines Bonbon für die tägliche – leider unbezahlte – Arbeit habe ich die zahlreichen Networking-Events empfunden, an denen wir Referendare teilnehmen durften. So konnte man beim abendlichen Rooftop-Cocktail-Event (gefühlt findet das gesamte öffentliche Leben im Sommer auf den Dächern Manhattans statt) oder beim Get-Together-Snackbuffet nicht nur eine kleine Verschnaufpause von den horrenden New Yorker Preisen nehmen, sondern auch in  meist schöner Atmosphäre neue Gesichter kennenlernen.

Was ich nicht vergessen werde I: Private-Club und Ride-Along

Ride-along mit New Yorker PolizistenIn vier Monaten New York hatte ich sehr viele beeindruckende Erlebnisse, von denen ich keines missen möchte. Dazu zählt die Einladung in einen der exklusivsten Privatclubs der USA, zu dem nur Mitglieder und deren Gäste Zutritt haben, genauso wie die Streifen-Mitfahrt (Ride-Along), bei der ich zwei Polizisten des New York Police Department durch die berüchtigte Bronx begleiten durfte (die entgegen aller Erwartungen im Bezirk meines Streifenteams erstaunlich schön und ruhig war). Aber auch das Konzert der New Yorker Philharmoniker, zu dem zehntausende Zuhörer in den Central Park kamen, die eigene Rooftop-Party vor der Skyline Manhattans oder die Ausflüge nach Fire Island und an den Rockaway Beach sind unvergessliche Erinnerungen.

Was ich nicht vergessen werde II: Das Schlange stehen

Im Laufe der Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, der New Yorker scheint es beinahe zu lieben, sich in langen Menschenschlagen anzustellen. Dies tut er mit einer bewundernswerten Gelassenheit, die dem durchschnittlichen, zum Drängeln neigenden, Kontinentaleuropäer eher fremd ist. Ich will nicht zusammenzählen, wie viel Zeit ich in endlos scheinenden Menschenketten vor Museen und diversen Veranstaltungen verbracht habe. Und auch das ist New York: Lange Wege und nicht immer angenehme U-Bahnfahrten – schon gar nicht im Hochsommer bei Rekordtemperaturen.

Wie man am besten hinkommt

Wer nicht nach New York findet, sollte seine Wahl überdenken. Viel schwieriger ist es, wieder wegzukommen.

Wo man wohnen kann

Vorab: Wohnen in New York ist teuer. Sehr teuer. Häufig zu teuer. Für unter 1.000 Dollar im Monat etwas halbwegs Annehmbares zu finden ist schwierig. Für die Suche von Deutschland aus ist aber, (nur) für männliche Referendare, vor allem das Kolpinghaus empfehlenswert, das kleine, sehr einfache Zimmer in exklusiver Wohnlage auf der Upper East Side anbietet. In diesem traditionell von der konservativen New Yorker Aristokratie bewohnten Stadtteil hält sich die Zahl der modernen und angesagten Plätze zwar sehr in Grenzen, doch wird man mit guter U-Bahnanbindung und unmittelbarer Nähe zum Central Park und den exklusiven Wohnhäusern und Museen rund um die berühmte Park- und 5th Avenue belohnt. Den enormen Vorteilen des Kolpinghauses (Reservierung von Deutschland aus möglich, sofortiger Kontakt zu anderen deutschen Referendaren und Praktikanten) steht ein großer Nachteil gegenüber: die Blasenbildung. Damit meine ich, dass es unproblematisch möglich ist, auch mehrere Monate in New York in einer Art "German-Community" zu leben, Manhattan nicht zu verlassen und so leider New York auch nicht richtig kennen zu lernen. Manch einer mag das genießen, manch einer sich aus Bequemlichkeit damit abfinden. Da ich aber auch das "andere" New York kennen lernen wollte, bin ich bereits nach vier Wochen zu zwei Amerikanerinnen in eine WG in Bushwick (Brooklyn) gezogen. Exklusiv für weibliche Referendarinnen besteht die Möglichkeit in bester Lage mitten in Manhattan im "The Webster" komfortabel mit Frühstücks- und Abendbuffet zu nächtigen. Zwar ist der Preis von derzeit 305 Dollar pro Woche verhältnismäßig günstig, doch lässt einen der dort herrschende Lärm nicht vergessen, dass man sich mitten in Manhattan befindet. Hilfreich bei der Wohnungssuche ist auch die von der GACCNY geführte Liste mit privaten Vermietern. Etwas trickreicher hingegen ist die Wohnungssuche über den Kleinanzeigen-Marktführer Craigslist.com. Dort finden sich täglich unzählige neue, mitunter unglaublich günstige und gleichzeitig luxuriöse Wohnangebote. Allerdings haben es etwa 50 Prozent der Anbieter darauf abgesehen, Interessenten allein das Geld aus der Tasche zu ziehen. Niemals vorab zahlen, ohne die Wohnung gesehen zu haben! Die Wohnungssuche ist aber auch eine tolle Gelegenheit, neue Leute und ein bisschen New-Yorker Wohnkultur kennenzulernen. Ich habe auf diese Weise etwa Lauren getroffen, die in einer Anwaltskanzlei arbeitete und mittlerweile in einer Promi-Agentur beschäftigt ist oder Asuka, eine japanisch stämmige Amerikanerin, die in Schichtarbeit Bilder für einen japanischen Künstler malt, die dieser unter eigenen Namen teuer verkauft.

Woran man sich als deutscher Jurist erst einmal gewöhnen muss

Rechtliche Probleme sind nicht automatisch mit einem Blick ins Gesetz und entsprechender Auslegung zu lösen. Auch den deutschen Föderalismus mit (nur) 16 Bundesländern lernt man bei 50 US-Bundesstaaten wieder zu schätzen.

Was man in der Freizeit machen kann

Freizeittechnisch ist in New York, besonders im Sommer, die Auswahl riesig. Jeden Abend gibt es kostenlose Open-Air-Konzerte und Freilichtkinos. Die Zahl der Bars und Restaurants ist unüberschaubar und auch beim Kulturangebot herrscht eine beeindruckende Vielfalt. Am besten man informiert sich im Internet und bei Kollegen und Freunden vor Ort darüber, was gerade geboten wird. In Sachen Sport wartet New York in fast allen wichtigen Sportarten mit Top-Teams auf. Auch die nächtliche Clublandschaft bietet für jeden Geschmack etwas. Dabei kann es in Manhattan mitunter etwas anstrengend sein, in langen Schlangen zu warten oder sich einem Promoter anzuschließen. Letztere sind von den Clubbetreibern bezahlte "Schlepper", deren Aufgabe es ist, mit verbilligtem oder kostenlosem Eintritt und Freigetränken möglichst viel feierfreudiges Publikum in den eigenen Partypalast zu verfrachten. Das Ziel: DAX-30-Aufsichtsrat-Frauenquote in reverse. Im ungezwungeneren Brooklyn hingegen werden angesagte Hipsterpartys in alten Fabrikgebäuden und Open-Air-Discos am Sonntagnachmittag geboten.

Was man unbedingt probieren und mitbringen sollte

Unbedingt probiert haben sollte man "Chicken over Rice" an einem der Food Trucks. Am beliebtesten sind die "Halal-Guys" an der 53rd & 6th Street. Als Mitbringsel ist das "I love NY" T-Shirt weiterhin ein gern gesehener (fast schon Trash-) Klassiker.

Was man unbedingt gesehen haben muss

Hier eine einzelne Sache aufzuführen, würde unzähligen anderen Attraktionen, Veranstaltungen oder Gebäuden höchstes Unrecht zufügen. Unbedingt gesehen haben muss man aber zumindest jeden der fünf Stadtteile des Big Apple.

Empfehlen kann ich Stadt, Land und Praktikum jedem, der...

...einmal für längere Zeit in einer der faszinierendsten Metropole der Welt leben und eine abwechslungsreiche Wahlstation absolvieren möchte.

Thema:

Referendariat

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