Verwaltungsstation beim Auswärtigen Amt in Teheran

"I hope you like Iran. We are no ter­r­o­rists."

von Marcel SchneiderLesedauer: 4 Minuten
Björn Kruse hat während seiner Verwaltungsstation an der Deutschen Botschaft im Iran gearbeitet. Wie das Bewerbungsverfahren des Auswärtigen Amts abläuft und was ihm in der Fremde widerfahren ist, hat er uns berichtet.
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15 Millionen Einwohner, ein Verkehrsaufkommen, dessen Abgase zu den Stoßzeiten den Himmel verdunkeln, und lange Schlangen vor dem Botschaftsgebäude: In etwa dieses Bild bot sich Björn Kruse drei Monate lang auf der Taxifahrt zur Arbeit. Von Juli bis September 2015 war er an der Deutschen Botschaft in Teheran, Iran beschäftigt. Viele deutsche Auslandsvertretungen nehmen Referendare auf, doch einen Platz zu erhalten ist nicht selbstverständlich. "Die Zahl der eingehenden Bewerbungen übersteigt die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze regelmäßig", heißt es auf der Homepage der Behörde. Die eingehenden Bewerbungen würden anhand eines Kriterienkatalogs nach Punkten bewertet werden. Neben der Note des ersten juristischen Staatsexamens sollen der gewählte Schwerpunkt, praktische Erfahrungen im In- und Ausland, Berufsausbildungen, Auslandsaufenthalte sowie Sprachkenntnisse eine Rolle spielen. Als Bewerber sei der Ablauf schnell und unkompliziert, sagt Kruse: "Man schickt lediglich seine Bewerbung nebst Formalia und Motivationsschreiben an das Auswärtige Amt und erhält dann relativ zügig Bescheid, ob man angenommen wurde und, falls ja, wo die Reise hingeht." Bewerber können mehrere Wunschziele angeben – eine Garantie, an eines davon entsandt zu werden, gibt es aber nicht. Ein Bewerbungsgespräch findet ebenfalls nicht statt, und die Gründe für den Erfolg der eigenen Bewerbung werden nicht mitgeteilt. Nach dem Austausch mit anderen Bewerbern hat Kruse aber eine Vermutung: "Ich habe wegen meines Master-Studiums mehrere Monate bei den Vereinten Nationen in Turin verbracht, die anderen Kollegen hatten auch alle Auslandserfahrung. Ich gehe davon aus, dass das ein wesentlicher Faktor ist, und würde empfehlen, im Motivationsschreiben darzustellen, warum einen internationale juristische Arbeit reizt."

Drei Monate Diplomaten-Dasein: Man muss Opfer bringen

Die Referendarsstellen beim Auswärtigen Amt sind auf drei Monate angelegt, in Hessen dauert die Verwaltungsstation aber vier. Die zwei Monate unbezahlten Sonderurlaub, den Kruse anschließen musste, sollten sich jedoch noch als das kleinere Problem erweisen. "In Hessen hat der Dienstherr gemäß seinem Ermessensspielraum aus den landesrechtlichen Regelungen entschieden, dass ich zusätzlich zwei Monate Verwaltungsstation in Deutschland 'nachzuholen' habe, wenn ich wirklich in den Iran gehen sollte", erzählt Kruse. "Das habe ich aber vorher gewusst und bewusst in Kauf genommen." Mehr Glück hatte der promovierte Referendar dafür bei der Organisation seines Aufenthalts in Teheran. Als Kruse seinen iranisch stämmigen Bekannten von seiner erfolgreichen Bewerbung erzählte, versprachen sie sofort, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihn bei der Wohnungssuche zu unterstützen. "Über diese uneingeschränkte, beinahe selbstverständliche Mühe und Hilfsbereitschaft der Iraner habe ich mich während meiner Zeit in ihrem Heimatland immer wieder freuen dürfen." So erhält Kruse für die drei Monate eine Wohnung zum "Freundschaftspreis" von 500 Euro Miete monatlich, die "nur" 13 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt liegt.

2/2: Der Nächste, bitte!

Die Schlangen, die er morgens vor der Arbeit sieht, sind typisch für den Alltag deutscher Diplomaten in Teheran: "Die Botschaft im Iran ist überdurchschnittlich ausgelastet", sagt Kruse. Circa 300 Termine zur Vorsprache werden täglich vergeben, über 50.000 Visen im Jahr erteilt, und doch reißt die Zahl der Wartenden nicht ab. Kruse selbst wird, wie bei Referendaren üblich, unter anderem im Bereich "Rechts- und Konsularwesen" eingesetzt. Als Prüfer in Remonstrationsverfahren rollt er abgelehnte Visa-Anträge neu auf und gibt Empfehlungen ab, auf deren Grundlage dann erneut entschieden wird. Falls nötig, kann er Unterlagen und Nachweise anfordern oder Antragsteller vorladen lassen. Für Telefonate oder Gesprächstermine in den Botschaftsräumen stehen iranische Ortskräfte zur Verfügung, die zwischen Kruse und den Antragstellern dolmetschen können. Die nötigen rechtlichen Kenntnisse eignet er sich mit Hilfe seiner neuen Kollegen an, im Wesentlichen braucht er Normen aus dem deutschen Aufenthaltsgesetz sowie dem Schengen-Recht. Man bewege sich zwar in einem festen gesetzlichen Rahmen, die Umsetzung im Alltag sei allerdings sehr stark von den Lebensumständen der jeweiligen Antragsteller geprägt, wodurch man "einen Einblick nicht nur in die Verwaltungspraxis, sondern vor allem in die iranische Bevölkerung erhält." Den Alltag unterbricht bisweilen hochrangiger Besuch, während Kruses Aufenthalt in Gestalt von Sigmar Gabriel, der im Zuge des erfolgreich ausgehandelten Nuklear-Deals mit einer Delegation deutscher Unternehmer anreiste. Das vorsichtige gegenseitige Annähern deutscher und iranischer Abgesandter nach der schrittweisen Lüftung der Wirtschaftssanktionen kann Kruse auf Empfängen beobachten.

Außerhalb der "Diplomaten-Blase"

Die Wohnung, die Freunde ihm gesucht hatten, liegt außerhalb der Expat-Viertel. "Unter den Einheimischen bin ich natürlich aufgefallen wie ein bunter Hund", erinnert sich Kruse. Binnen weniger Tage habe sich herumgesprochen, dass der neue deutsche Nachbar in der Botschaft arbeitet. Man tritt ihm freundlich gegenüber: Ein Taxifahrer tippt während der Fahrt eine Botschaft in die Übersetzungs-App seines Handys und hält sie Kruse am Ziel angekommen unter die Nase: "I hope you like Iran. We are no terrorists." Kruse schmunzelt, bis ihm klar wird, dass es dem Fahrer durchaus ernst ist: "Es kam mir so vor, als ob viele Iraner sich Gedanken über die Außenwirkung ihres Landes machen." Sein eigener Eindruck sei jedenfalls sehr positiv gewesen, die Sorgen von Eltern und Bekannten unbegründet. "Der Iran ist nicht der Irak, man schwebt dort nicht in Lebensgefahr. Natürlich muss man sich mit Manchem arrangieren, aber den Horizont erweitert man eben nur, indem man Grenzen überschreitet."

Thema:

Referendariat

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