Verwaltungsstation im Referendariat

Aus dem Home­of­fice für die EU-Kom­mis­sion arbeiten

Erfahrungsbericht von Christian BischoffLesedauer: 5 Minuten

Dass man als Jurist bei der EU-Kommission Stage machen kann, ist gar nicht so bekannt. Dabei lohnt es sich sehr – und geht zur Pandemiezeit sogar aus dem Homeoffice. Christian Bischoff zeigt, wie’s gelingt.

Egal welches der zwei Staatsexamen, die weiter anhaltende Covid-19-Pandemie hat auch auf die Ausbildung junger Juristen erhebliche Auswirkungen. Neben einer Vielzahl materiell-rechtlicher Fragen, wie etwa des wohl künftig mit größtem Enthusiasmus geprüften Wegfalls der Geschäftsgrundlage oder der außerordentlichen Kündigungen im Miet- und Pachtrecht, gestaltet sich auch die Stationsausbildung im Rahmen des Referendariats zurzeit schwierig. 

Corona hat die Pläne vieler Referendare verkompliziert, so musste auch meine Wahlstation beim Auswärtigen Amt in Rio de Janeiro leider abgesagt werden. Die gute Nachricht: Wer entsprechend interessiert ist, muss auf besondere Erfahrungen trotzdem nicht zwingend verzichten. So sind beispielsweise bei der EU-Kommission auch aktuell noch Stationen möglich - wenn auch nicht wie sonst direkt in Brüssel, sondern (nur) vom heimischen Schreibtisch aus, wo auch ich letztlich meine Verwaltungsstation verbrachte.

Für deutsche Referendare: die "stage atypique"

Wer bisher kein mehr als sechswöchiges Praktikum oder sonstige Arbeitserfahrung in einem Organ, einer Einrichtung, einer Agentur oder einer Delegation der EU, bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments oder Generalanwälten des Gerichtshofs der Europäischen Union vorzuweisen sowie mindestens einen Bachelor-Abschluss und sechs Monate Zeit hat, kann sich auf das sogenannte Blue Book Traineeship der EU-Kommission bewerben. 

Für alle anderen - und damit wohl auch für die allermeisten Jurastudierenden und wohl alle Referendare - gibt es als alternative Möglichkeit die "stage atypique". Wesentlicher Unterschied ist, dass letztere zwar nicht vergütet wird, aber zeitlich und auch was den Bewerbungsprozess angeht - jedenfalls sofern ich das beurteilen kann - kaum Einschränkungen unterliegt. Sie ist also wesentlich flexibler und damit genau richtig für Kandidaten, die die deutsche Juristenausbildung - mit all ihren Eigenheiten - durchlaufen.

Was man bei der EU-Kommission machen kann

Für die stage atypique gibt es kein formelles Bewerbungsverfahren und damit auch keine allgemeingültigen Angaben für eine Bewerbung. Es ist jedoch sicherlich kein Fehler, die üblichen Bewerbungsunterlagen wie Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnis, etc. in englischer Sprache der gewünschten Abteilung gleich mitzuschicken. Womit wir beim Thema wären: Besagten Kontakt muss man erst einmal finden.

Grundsätzlich gilt dafür: der Verwaltungsaufbau der Kommission besteht im Wesentlichen aus den Generaldirektionen, die ihrerseits in Direktionen und diese wiederum in Referate (sogenannte Units) untergliedert sind. Eine vollständige Übersicht ist hier abrufbar. Wählt man in der Übersicht eine Generaldirektion aus, findet sich auch ein aktuelles Organigramm. 

Da über atypische Praktika, also auch eine Verwaltungs- oder Wahlstation, regelmäßig der jeweilige Referatsleiter (Head of Unit) entscheidet, ist eine direkte Bewerbung bei diesem empfehlenswert. Persönlich entschied ich mich für die Generaldirektion Steuern und Zoll (TAXUD), genauer: dort das Referat "Legal Affairs – Direct Taxation", welches u.a. für Vertragsverletzungsverfahren im Bereich der direkten Steuern zuständig ist.

Man muss "nur" den richtigen Ansprechpartner finden

Nachdem ich nun also wusste, in welchem Bereich ich mich bewerben wollte, aber nicht wusste, an wen ich die Unterlagen richten soll, habe ich auf LinkedIn nach Personen gesucht, die in diesem Bereich bei der Kommission arbeiten, und diese nach einem Ansprechpartner gefragt. Dies hat zum Glück außerordentlich gut funktioniert, innerhalb weniger Tage war meine Bewerbung per E-Mail versandt. 

Mein Extra-Tipp: Das Auswärtige Amt informiert regelmäßig über aktive Gesuche der EU-Kommission; hier kann man sich für den Newsletter anmelden. Und auch Professoren vermitteln zum Teil Kontakte. Ferner gibt es zwar eine zentrale E-Mail-Adresse für Trainee-Angelegenheiten und damit potenziell auch für Fragen zu Bewerbungen. Diese scheint jedoch ein mehr oder weniger gut gehütetes Geheimnis zu sein, deshalb hier noch einmal die Adresse. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, in dieser Übersicht nach den Kontaktdaten der jeweiligen Referatsleiter zu suchen. Eine Treffergarantie gibt es leider nicht, da die Liste zum Teil unvollständig ist.

Was den Zeitpunkt der Bewerbung angeht, gibt es für die stage atypique keine fixen Vorgaben. Ich habe mich etwa ein Jahr vor Stationsbeginn beworben und kann nur empfehlen, sich so früh wie möglich zu bewerben; was nicht ausschließt, dass man nicht auch kurzfristig Erfolg haben kann.

Mitarbeit wird erwartet, Tauchen ist nicht

Vorweg: Wer bereits in der Verwaltungsstation seinen Fokus aufs Lernen und weniger die Stationsarbeit legen möchte, sollte sich eher nicht bei der EU-Kommission bewerben: Mitarbeit wird erwartet. Es kann zudem passieren, dass das Referat über keinen deutschen Juristen verfügt und der Unit damit auch die Anforderungen des deutschen Referendariats nicht oder nur rudimentär bekannt sind. So ging auch mein Vorgesetzter zunächst davon aus, dass ich Vollzeit arbeite. Er wusste auch sonst mit dem deutschen Rechtsreferendariat und seinen Eigenheiten nur wenig anzufangen. Nachdem ich jedoch erklärt hatte, dass ich an gewissen Veranstaltungen teilnehmen und Klausuren schreiben muss, ließ sich dies jederzeit auch flexibel lösen.

Auch über eventuell ein wenig vernachlässigte Französischkenntnisse sollte man sich nicht zu viele Gedanken machen. Bei der täglichen Arbeit wurde, soweit ich dies mitbekommen habe, ausschließlich auf Englisch gearbeitet. Während sich dies je nach Generaldirektion und Referat unterschiedlich darstellen mag, war ein Telefonat mit der IT-Abteilung der Kommission zur Einrichtung meines VPN-Zugangs am ersten Tag meiner Station, um das Arbeiten aus der Ferne überhaupt zu ermöglichen, mein einziges Gespräch auf Französisch.

Was man im Steuerrecht bei der EU-Kommission macht

Inhaltlich durfte ich mich u.a. mit der Prüfung der nationalen Umsetzung der ATAD-1- und ATAD-2-Richtlinien (Bekämpfung von Steuervermeidungsmodellen) in Deutschland und Österreich befassen. Darüber hinaus durfte ich auch Beschwerden hinsichtlich der nationalen Steuerfestsetzung wegen Verstößen gegen EU-Recht, insbesondere die Grundfreiheiten, bearbeiten und die hierbei anfallende Korrespondenz mit den jeweiligen Steuerattachés übernehmen. 

Auch Recherchearbeiten hinsichtlich der Anwendung des Art. 116 AEUV (Wettbewerbsverzerrung durch unterschiedliche nationale Rechtsvorschriften) im Bereich der direkten Besteuerung und das Verfassen von Legal Opinions hinsichtlich der Vereinbarkeit verschiedener nationaler Steuergesetze mit Europarecht gehörten zu meinen Aufgaben. Insgesamt wurde ich als vollwertiges Teammitglied behandelt, hatte jedoch zu jeder Zeit die Möglichkeit, Probleme und Fragen (nicht nur) mit meinem Ausbilder zu besprechen. Einmal die Woche fand ferner eine Team-Besprechung per Videokonferenz statt und auch mit meinem Ausbilder telefonierte oder skypte ich regelmäßig. 

Was die inhaltliche Arbeit angeht, hängt diese natürlich sehr von dem jeweiligen Referat ab. Ich hoffe aber, mit meinem Erfahrungsbericht einen gewissen Einblick in die Möglichkeiten und den Bewerbungsprozess einer Verwaltungs- oder Wahlstation bei der Europäischen Kommission gegeben zu haben, der sich als hilfreich erweist. Allen, die jetzt Lust bekommen haben, wünsche ich viel Erfolg bei der Bewerbung.

Der Autor Christian Bischoff ist Referendar und bietet an, für Rückfragen zu diesem Thema gern hier Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Thema:

Referendariat

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