Verwaltungsstation beim Auswärtigen Amt in Wien

Mal was anderes mit Jura

von Marcel SchneiderLesedauer: 5 Minuten
Eine Stage beim Auswärtigen Amt ist heiß begehrt – und wer sie warum bekommt, nicht ganz klar. Ein Prädikatsexamen hat Julia Hübner jedenfalls nicht. Und nach drei Monaten in Wien auch nicht nur Gutes zu berichten.
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Schmucke Kaffeehäuser, prunkvolle Architektur und imperiales Flair: Die österreichische Hauptstadt lädt geradezu ein, königlich zu flanieren. Gelegenheit dazu hatte Julia Hübner allerdings eher selten. Schließlich war die Referendarin  von Juni bis September dieses Jahres in Wien, um beim Auswärtigen Amt ihre Wahlstation zu absolvieren – und die hatte es in sich. "Arbeitspensum und –tempo dort sind enorm. Wer es gemächlicher angehen lassen und seine Lerntage in Ruhe verbringen möchte, ist wohl woanders besser aufgehoben", so die vor kurzem Zurückgekehrte. Dennoch bereut sie ihre Entscheidung, die Zeit an einer der deutschen Auslandsvertretungen verbracht zu haben, die seit eh und je zu den beliebtesten Stationen im juristischen Vorbereitungsdienst zählen, nicht: "Durch meine Arbeit in den verschiedenen Bereichen hat sich mein Horizont extrem erweitert. Wollte ich bisher unbedingt Anwältin werden, kann ich mir mittlerweile vorstellen, später auch in anderen als den klassischen Juristenberufen zu arbeiten." Doch dazu später mehr. Denn bevor Hübner ihre Reise ins Nachbarland antreten durfte, musste sie erst einmal angenommen werden. Nun brachte Hübner eines nicht mit, was für eine Bewerbung mit guten Erfolgsaussichten ganz offensichtlich von Vorteil ist: ein Prädikatsexamen. Im Gegenteil: "In meiner ersten Staatsprüfung bin ich knapp am 'befriedigend' vorbeigerauscht. An meiner Examensnote kann die Zusage also kaum gelegen haben", konstatiert sie trocken. Einen einschlägigen Schwerpunkt wie Europa- oder Völkerrecht hatte Frau Hübner auch nicht gewählt.

Schwerpunkt und Examensnote für Bewerbung wichtig, aber keine K.O.-Kriterien

Zwar ist bekannt, dass das Auswärtige Amt Bewerbungen nach bestimmten Kriterien und einer daraus ermittelten Punktzahl vergibt. Doch wie sich diese genau berechnet, ist nicht bekannt. Nur die Examensnote wird neben wenigen anderen Kriterien ausdrücklich genannt.

Was hatte Hübner also sonst noch zu bieten? "Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Ausbildung zur fremdsprachlichen Wirtschaftskorrespondentin in Heidelberg vor dem Studium und die Wahl des Englisch-Leistungskurs zusammen mit dem guten Abi-Durchschnitt eine große Rolle gespielt haben. Außerdem habe ich zuvor drei Monate in Neuseeland verbracht und in Dänemark gelebt, wo ich eine International Business Academy besucht habe. Auslandserfahrung und Interesse an internationalen Sachverhalten scheinen eine sehr wichtige Rolle zu spielen", so ihr Erklärungsversuch für die erfolgreiche Bewerbung. Das deckt sich mit den Erfahrungen anderer Referendare beim Auswärtigen Amt. Gewohnt hat Hübner im relativ zentral gelegenen Viertel Leopoldstadt, die Wohnung fand sie über Airbnb. Für andere Standorte der Auslandsvertretung, die ebenfalls zur Wahl standen, habe es Adresslisten als Hilfe bei der Wohnungssuche gegeben, so Hübner. Für Wien aber nicht, auch Trennungsgeld habe sie nicht bekommen. Ihre Zeit in Österreich habe sie sich selbst über die weiterhin gezahlte Unterhaltsbeihilfe des Dienstherrn und eigene Ersparnisse finanziert.

2/2: Viel raus gekommen

Am wohlsten fühlte Hübner sich während der Station in den Ressorts "Politik" und "Protokoll". Unter anderem deshalb, weil sie dort so manchen Auswärtstermin hatte. "Ich habe auf diversen Veranstaltungen europäische und internationale Politik hautnah miterleben können". So war sie  zum Beispiel Zuschauerin beim Treffen mit einer Delegation, die den EU-Flüchtlingsgipfel im September vorbereitet hat. In der bekannten Stallburg habe sie einen Vortrag von EU-Kommissar Günther Oettinger gehört. Der Besuch eines internationalen Briefings zum Weltraumrecht im Vienna International Center und die Berichterstattung über ein Treffen des OSZE-Finanzausschusses in der Hofburg standen ebenso auf ihrer To-do-Liste, wobei sie das Gesagte später auf Englisch in einem Vermerk zusammenfasste. "Die Aufgaben dort waren sehr abwechslungsreich", so die Referendarin, "hatten aber immer einen rechtlichen Bezug. Das war alles schon sehr spannend, insbesondere, weil ich diese Art von Arbeit mit juristischen Kenntnissen im Studium und den bisherigen Stationen nie kennengelernt hatte." Auch in den Abteilungen "Presse" und "Kultur" erhielt sie Aufgaben, die eher nicht zu den typischen juristischen Arbeiten zählen, für die man aber rechtliches Hintergrundwissen benötigt. So wertete Hübner etwa die nationale Presse im rechtlichen Bereich aus, insbesondere im Hinblick auf die Flüchtlingskrise: "Da war zum Beispiel das Gesetzgebungsverfahren zur österreichischen Asyl-Notverordnung, über das wir ständig an den Hauptsitz in Berlin berichtet haben. Diese Art der Aufbereitung war sehr spannend und gehörte zum Standardprogramm an jedem Morgen." Ganz ohne trockene Verwaltungsarbeit kam Hübner aber dann doch nicht aus: Zu ihrer Arbeit in der Verwaltungsstation gehörte beispielsweise auch die Bearbeitung von Förderanträgen, die Künstler, Autoren und Theater stellten.

Europa kann so schwierig sein

Eintönig, aber immerhin juristisch sehr viel herausfordernder sei  es im "Rechts- und Konsularwesen" zugegangen. Erbscheins- statt Förderanträge zu bearbeiten klingt zunächst nicht viel spannender, aber die unterschiedlichen, teils sehr komplexen Sachverhalte hätten für Abwechslung gesorgt, so Hübner: "Ein Fall, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war der eines Österreichers, dessen verstorbener Vater mit deutscher Staatsbürgerschaft eine Spanierin geheiratet hatte ."

Letztlich habe sie in einem deutschsprachigen Kommentar etwas zu den einschlägigen Normen des spanischen Erbrechts gefunden und den Fall so lösen können. "Mit einer ausreichenden Einarbeitung wäre die Zeit beim Rechts- und Konsularwesen womöglich erfolgreicher verlaufen und produktiver gewesen. Eine solche hat es nämlich nicht gegeben, ich habe mir deshalb viel vom dortigen Personal erfragt und abgeguckt." Es sei zwar nicht grundsätzlich verkehrt, "Referendare in das kalte Wasser zu werfen und Initiative von ihnen zu erwarten", so Hübner. Doch etwas mehr Unterstützung hätte sie sich schon gewünscht. Dass sich in dieser Abteilung zu Beginn niemand so richtig um sie gekümmert hat, könnte ein generelles Zeitproblem sein, vermutet sie: "Die Arbeitsbelastung war sehr unausgewogen. Auf eine regelrechte Flut von Anträgen folgten sehr ruhige Zeiten, in denen das Liegengebliebene aufgearbeitet wurde, bis der nächste Peak kam." Entsprechend anstrengend sei das Arbeitsklima dort gewesen. Dennoch habe sie die Station in Wien persönlich sehr viel weiter gebracht, resümiert Hübner. So begann sie sich tiefer für den kulturellen Bereich zu interessieren und besuchte aus privatem Interesse Theatervorstellungen in der österreichischen Hauptstadt. Auch der Rundgang durch das Straflandesgericht sei sehr interessant gewesen und habe ihr Interesse für die Rechtsgeschichte neu geweckt. "Durch die Erfahrungen dort bin ich viel offener geworden, was mein späteres Berufsbild angeht. Ich kann mir sowohl eine Tätigkeit in einem künstlerischen Umfeld als auch in internationalen Organisationen vorstellen. Außerdem ist Wien einfach eine tolle Stadt." Ihre nächste Station ist eine Kanzlei in Paris. Womöglich wäre das örtliche Rathaus, bei dem sie sich parallel zu Wien noch beworben hatte,  eine Nummer zu klein für sie gewesen.

Thema:

Referendariat

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