Wahlstation in Lilongwe, Malawi

Into the Wild

von Karola RosenbergLesedauer: 6 Minuten
Eigentlich war die Bewerbungsfrist für die Wahlstation beim Auswärtigen Amt schon abgelaufen, aber Karola Rosenberg versuchte es trotzdem – und landete in der Deutschen Botschaft in Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt. Fürs Examen hat sie dort nichts gelernt, aber die Vorzüge von Supermärkten, Stromversorgung und sogar der deutschen Pünktlichkeit weiß sie seitdem sehr viel mehr zu schätzen.
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Die Entscheidung, für die Wahlstation ins Ausland zu gehen, fiel spät – zu spät, eigentlich. Doch nach der reichlich stressigen Vorbereitung auf die Klausuren des 2. Staatsexamens erwachte plötzlich der Wunsch, noch einmal "raus" zu kommen. Obwohl die Frist schon abgelaufen war, schrieb ich also der Sachbearbeiterin beim Auswärtigen Amt eine E-Mail und fragte, ob es eventuell möglich wäre, kurzfristig nachzurücken, falls jemand ausfällt oder eine Stelle frei bleibt. War es. Ich hatte sogar die Wahl zwischen der Schweiz, Luxemburg, Nicosia und Lilongwe. Manchmal zahlt es sich doch aus, spontan und flexibel zu sein. Aber Moment mal: "Lilongwe"? Wer oder was ist das, und wenn ja, wie viele? Ungefähr so fiel meine erste Reaktion auf das Angebot aus. Gefolgt von dem Gedanken: Kenn ich nicht – muss ich hin. Gesagt, getan. Die Vorbereitung auf Malawi war jedoch etwas komplizierter als gedacht. Der örtliche Reisemediziner teilte jedenfalls meine geographischen Bildungslücken und erklärte mit leicht verzweifeltem Blick, dass Malawi nirgendwo "in der Liste der kleinen asiatischen Staaten" zu finden sei. Letztlich haben wir uns darauf verständigt, dass es nicht dort liegt, sondern in Südostafrika, und ich konnte frisch geimpft und mit Malariaprophylaxe versorgt in den Flieger steigen, der mich über Addis Abeba in die malawische Hauptstadt Lilongwe brachte.

Alltag in Afrika: "The blonde with the bike"

Nein, ich musste nicht in einer Hütte auf einer Bambusmatte schlafen, auch wenn das für die Mehrheit der Malawier die übliche Unterkunft ist. Gewohnt habe ich in einem ganz normalen Haus in einem Zimmer zur Untermiete. Wesentlich gewöhnungsbedürftiger war der Weg zur Arbeit. In den ersten Tagen bin ich von Kollegen mit dem Auto abgeholt worden. Dann bekam ich ein Fahrrad geliehen und war fortan auf mich gestellt. Der Arbeitsweg betrug rund 3 Kilometer, bergauf und bergab. Die Außentemperatur lag bei etwa 35 Grad, die Luftfeuchtigkeit gefühlt bei 99,9 Prozent. Das Fahrrad war ein großes Herren-Mountainbike. Nach kurzer Zeit wurde ich von wildfremden Menschen angesprochen, die mir fröhlich mitteilten, sie würden mich kennen, ich sei doch "the blonde with the bike", und sie wüssten auch, in welchem Distrikt ich wohne. Super. Genau das, was man als allein reisende Frau – mit Fahrrad – am anderen Ende der Welt in einem völlig fremden Kulturkreis in einem der ärmsten Länder der Welt hören möchte, während man gleichzeitig Berichte über die aktuelle Gefährdungslage schreibt. Mein Unwohlsein legte sich allerdings bald wieder. Die Menschen begegneten mir mit nichts als Freundlichkeit und Fröhlichkeit, die mich sprachlosen machten angesichts der bitteren Armut, des Hungers und der allgegenwärtigen Not.

Arbeit in Afrika: Zu spät ist das neue pünktlich

Die Aufgaben der Referendare in der Botschaft sind ganz unterschiedlich. Die Botschaft ist sehr klein und man springt ein, wo man gerade gebraucht wird. Den einen Tag arbeitet man an der Aktualisierung der Website, den nächsten vertritt man den Botschafter bei einem Meeting. Thematisch geht es meist um Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik. Typisch juristisch ist eigentlich überhaupt nichts. Man ist gut beraten, sich im Vorfeld schon einmal mit den Aufgaben von BMZ, GIZ, Kfw und Co auseinander zu setzen. Hat man das getan, muss man vor allem eines mitbringen: Geduld. Einer meiner ersten Vertretungstermine war ein Kongress, bei dem auch die Präsidentin auftreten sollte. Die Einladung lautete auf acht Uhr, Programmbeginn um neun. Ich genoss den Luxus, mit dem Auto zu dem Termin gefahren zu werden. Typisch deutsch hatte ich geplant, kurz vor acht vor Ort zu sein. Der Fahrer schaute mich mit großen Augen an. Daraufhin überdachte ich meine Entscheidung und beschloss, erst kurz vor neun, also pünktlich zum Programmbeginn, anzukommen. Die Augenbrauen blieben oben, aber ich wollte nicht riskieren, zu spät zu kommen. Leider. Ich war pünktlich. Oder nach meinem Empfinden eine Stunde zu spät. Die Mehrzahl der anderen kam um elf. Programmbeginn war schließlich um halb eins. Dafür dauerte das Programm dann aber doppelt so lange und zum Ausgleich trat die Präsidentin doch nicht auf. Business as usual.

2/2: Reisen in Afrika: Was alles in einen Minibus passt

Man kann reisen. Mit dem entsprechenden Geldbeutel auch sehr gut. Wobei Autofahren in Malawi immer ein Abenteuer und auch ein Risiko ist. Der Straßenverkehr ist gruselig. Es gibt nicht viele Autos und über Stau muss man sich keine Gedanken machen. Allerdings sind die Fahrzeuge, die unterwegs sind, genauso furchterregend wie der Zustand der Straßen. Schon bei normalen Pkws ist eigentlich niemand verwundert, wenn man auf einmal von seinem eigenen Hinterreifen überholt wird oder wenn der Fahrer ständig aus dem Seitenfenster schaut, weil er durch die zerbrochene Windschutzscheibe nichts erkennen kann. Minibusse und Lkw sieht man oft am Straßenrand liegen, wenn sie nicht gerade von den Insassen den nächsten Berg hochgeschoben werden. Minibusse sind ohnehin ein Thema für sich. Nach europäischem Standard würden in einem Minibus etwa acht, mit Notsitzen vielleicht zehn Menschen Platz finden. In Malawi fahren die Busse nicht los, bevor sie voll sind. "Voll" kann dabei alles Mögliche heißen. Einmal hatte ich Glück, und "voll" hieß nur 15 Menschen und keine lebendigen Tiere. Ein anderes Mal hieß "voll" dafür 27 Erwachsene, etwa sechs Kinder, eine Ziege, diverse Kilo Mais und ein halbes Dutzend Hühner. Das Ganze bei ca. 40 Grad. Die Kinder werden einem einfach auf den Schoß gesetzt, oder besser gesagt auf die Knie, die bis knapp unters Kinn angezogen sind. Muss ich es sagen? Pampers sind in Malawi eher ungewöhnlich. Und trotzdem mag ich Minibusse. Es dröhnt immer laute Musik aus den Lautsprechern, es wird mitgesungen, man kommt für ein paar Cent überall hin und an den meisten Stopps kann man spannende Nahrungsmittel von den fliegenden Händlern durchs Busfenster kaufen. Wer Urlaub nehmen und weiter reisen will, kann sich mit diversen Bussen beispielsweise bis nach Dar-es-salam in Tanzania und von dort per Boot weiter nach Sansibar durchschlagen. Es geht. Es ist anstrengend. Es ist aufregend. Und es ist ein tolles Erlebnis. Es lohnt sich.

Was ich nicht gelernt habe – und was doch

Rein bezogen auf Examenswissen habe ich in meiner Wahlstation nichts gelernt. Bezogen darauf, welche Berufsfelder einem Juristen offen stehen und wie vielfältig die Aufgaben sein können, habe ich einen interessanten Einblick gewonnen. Ich habe gelernt stundenlang zu warten, zu verhandeln und was für ein Schlaraffenland Deutschland ist. Wenn man einmal drei Stunden Minibus gefahren ist, um ein Stück Fleisch zu bekommen, das man sich zu Hause zubereiten möchte, dann der Strom für drei Tage ausfällt und kein Gas zu bekommen ist und dann das Steak schlecht wird, lernt man die Vorzüge zuverlässiger Stromversorgung und des Supermarktes um die Ecke zu schätzen. Und ich habe gelernt, wie wunderschön, freundlich und landschaftlich vielfältig dieses touristisch noch unerschlossene Land ist. Inzwischen arbeite ich als Anwältin für Familienrecht. Der Alltag ist um einiges entspannter. Aber wenn ich so im Büro sitze, denke ich mir jeden Tag: Hab ich gesehen, hab ich gemacht – je ne regrette rien. Die Autorin Karola Rosenberg arbeitet als Anwältin im Familienrecht in Krefeld. Sie hat von November 2013 bis Januar 2014 ihre Wahlstation an der deutschen Botschaft in Lilongwe, Malawi verbracht.

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