Ohne viel Aufsehen prüft NRW eine grundlegende Änderung des zweiten juristischen Staatsexamens. Statt von Hand könnte dieses in Zukunft am Computer geschrieben werden. Was das für den Zeitdruck in der Prüfung bedeutet, was passiert, wenn der Rechner abstürzt, und wann die letzte Klausur mit einem Stift geschrieben wird, ergründet Ludwig Hogrebe.

Die Mühen handschriftlicher Klausuren sind vielleicht bald Geschichte. Zumindest in Nordrhein-Westfalen, denn hier prüft das Justizministerium, ob der schriftliche Teil des zweiten Staatsexamens bald am Computer verfasst werden kann. "Im Examen soll eine praktisch brauchbare Leistung abgeliefert werden", erklärt Lars Theissen vom Landesjustizprüfungsamt NRW, "und handschriftliche Texte entsprechen schon heute kaum noch der Arbeitswirklichkeit."

Theissen ist Mitglied der Projektgruppe, die in den vergangenen beiden Jahren Probeklausuren für Referendare in Essen und Köln organisiert hat. Die Ergebnisse der anschließenden Befragung wurden noch nicht veröffentlicht, aber Theissen persönlich ist "verhalten optimistisch, was die Akzeptanz des Projekts nicht nur seitens der Rechtsreferendarinnen und -referendare" angeht.

Die große Mehrheit der Prüflinge würde dem handschriftlichen Examen jedenfalls nicht nachtrauern. Alexander Rott, Personalrat der Referendare am Landgericht (LG) Köln

Die aber haben viele Referendare schon zu Anfang der Prüfungsphase nicht mehr, was zu einer wachsenden Flut von Schreibverlängerungsanträgen führt – für Theissen einer der wichtigsten praktischen Gründe für den Wechsel zu Klausuren am PC. Er mutmaßt: "Vielleicht ist privat die Übung verloren gegangen."

Ein Ende des Zeitdrucks?

Das Examen am Computer setzt dagegen auf Komfort. 23 Zoll sollen die Prüfungsmonitore groß sein. Auf der einen Seite wird der Aufgabentext angezeigt, auf der anderen getippt. In Zusammenarbeit mit der Universität Siegen wurde eigens eine Prüfungssoftware für den Einsatz in juristischen Klausuren weiterentwickelt. Dr. Andreas Hoffmann hat sie mitprogrammiert, und wischt gängige Einwände beiseite: "Die Klausur wird permanent gesichert. Wenn ein Rechner abstürzt, kann der Prüfling sofort am nächsten weiterschreiben."

Täuschungsversuchen sieht er ebenfalls gelassen entgegen. Auf die Monitore soll Sichtschutzfolie geklebt werden, so dass den Text nur lesen kann, wer direkt davor sitzt. Auch auf das Internet könne niemand zugreifen, das Programm laufe in einem abgeriegelten Modus, der dem Nutzer lediglich die Arbeit innerhalb der Prüfungsumgebung gestattet. Hoffmann ist sich sicher: "Wer da ausbricht, muss einer der begnadetsten Hacker überhaupt sein."

Neben den Prüflingen dürften auch andere aufatmen. "Vorzügliche Menschen werden mir durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtig"“, schreibt Goethe. Korrektoren fühlen oft umgekehrt. Hinter vorgehaltener Hand räumen sie ein, dass der äußere Eindruck einer Klausur einige Punkte nach oben oder auch unten ausmache könne. Prof. Joachim Knoche von der Ludwig Maximilian Universität München hat eine schlechte Schrift deswegen auf Platz eins seiner ironischen Tipps zur Anfertigung "wirklich miserabler" Klausuren gesetzt.

Doch das Examen am PC hätte nicht nur ästhetische Vorteile. Im Zehnfingersystem lässt sich eine durchschnittliche Examensklausur in etwa 90 Minuten tippen. Ein Referendar, der sein Examen gerade hinter sich hat, ärgert sich: "Dann muss aber auch die Dauer der Klausuren auf drei Stunden verkürzt werden. Gerade im Zweiten Examen wird mitbewertet, wie schnell man schreiben kann." Theissen weist das zurück: "Im zweiten Staatsexamen wird nicht die Schreibgeschwindigkeit bewertet, sondern die fachliche Leistung. Weitere Änderungen am Prüfungsablauf sind nicht geplant." Auch für die Klausuren am PC werden den Referendaren also fünf Stunden zur Verfügung stehen. Wer schneller tippt, hat dann mehr Zeit zum Denken.

Keine Lobby für Examen am PC

Aber auch viele Prüflinge, die die Klausuren noch vor sich haben, werden von der Änderung nicht mehr profitieren. Denn wenn im Sommer der Prüfbericht abgestimmt ist, soll bis 2014 erst einmal die Wirtschaftlichkeit des Projekts berechnet werden. Danach trifft NRW-Justizminister Kutschaty eine Grundsatzentscheidung für oder gegen Klausuren am PC, und wenn der Landtag auf das anschließende Machbarkeitskonzept hin Haushaltsmittel bereitstellt, werden Aufträge ausgeschrieben. "In NRW geht alles wieder den üblichen Behördenweg durch die Instanzen", klagt Personalrat Rott, "das dauert." Dass Prüflinge sich noch 2016 vor Tastaturen wiederfinden werden, gilt daher als äußerst unwahrscheinlich.

Dennoch ist NRW mit seiner Initiative bundesweit Vorreiter. Bayern hat zwar ebenfalls über ein digitales Examen nachgedacht. Weil es dort aber nur zwei Prüfungstermine pro Jahr gibt, welche dann jeweils von einer vierstelligen Zahl von Prüflingen wahrgenommen werden, hat man die Pläne auf Eis gelegt – der Einkauf der nötigen Hardware wäre wohl schlicht zu teuer. Aufgeben will man das Vorhaben aber nicht. "Nach unserer Eischätzung wird es – wenngleich erst mittelfristig – zu einer Umstellung auf eine elektronische Fertigung der Prüfungsaufgaben kommen", heißt es aus dem Prüfungsamt des Freistaats.

Am Geld könnten die Pläne letztlich auch in NRW noch scheitern, fürchtet Personalrat Rott: "Das Land NRW ist pleite und die Referendarausbildung ist einer der letzten Posten, für die Mittel ausgeschüttet werden." Einer, der beruflich viel mit Staatsexamina zu tun hat, jedoch nicht namentlich erscheinen will, kann diese Einschätzung nur bestätigen: "Der Nutzen für die Prüflinge wäre schon enorm. Aber Referendare haben nun einmal nicht die größte Lobby", erklärt er. Dabei klingt er nicht verbittert. Eher resigniert.

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Staatsexamen

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