Repetenten-AG für das Zweite Staatsexamen

Die Pechvögel, die Naiven und die Schwachen

von Marie LandsbergLesedauer: 5 Minuten
Durch das 2. Staatsexamen zu fallen, ist ein ziemlicher Schock. Damit der sich nicht wiederholt und zum Trauma auswächst, bieten die Gerichte sogenannte Repetenten-AGs an, die Referendare für den zweiten Anlauf fit machen sollen. Wer dort üblicherweise landet, und wie man sich für den zweiten Versuch am besten wappnet, verrät ein langjähriger AG-Leiter.

"Elefantenrunde" wird er oft genannt, die offizielle Bezeichnung ist etwas sperriger: Ergänzungsvorbereitungsdienst. Dort landet, wer im ersten Anlauf durch das Zweite Staatsexamen gefallen ist. Die Ausgestaltung variiert im Detail von Bundesland zu Bundesland, die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Lage in Nordrhein-Westfalen, gelten aber in ähnlicher Form auch für die übrigen Länder. Der Ergänzungsvorbereitungsdienst wird von den Oberlandesgerichten organisiert und beträgt vier Monate, von denen die ersten drei zur Vorbereitung und der letzte zum erneuten Schreiben der Examensklausuren genutzt werden. In dieser Zeit ist der Repetent einem praktischen Ausbilder seiner Wahl zugewiesen. Daneben findet eine Repetenten-Arbeitsgemeinschaft (AG) statt. Die Teilnahme ist freiwillig, nach Zusage jedoch verpflichtend. Beim Oberlandesgericht (OLG) Köln gibt es fortlaufende Repetenten-AGs in den drei Kerngebieten (wöchentlich Zivilrecht sowie im Wechsel entweder Öffentliches oder Strafrecht). Die AG ist als Klausurenkurs aufgebaut und findet zwei Mal pro Woche statt. Es werden wöchentlich Klausuren geschrieben, über den Zeitraum von drei Monaten insgesamt ca. 12 bis 15.

Drei Referendars-Gruppen, die häufig durchfallen

Nach zweijähriger Ausbildung mit unzähligen AG-Stunden und Klausurenwochen sollte man meinen, dass Referendare hervorragend auf das zweite Examen vorbereitet wären. Die Durchfallquoten zeichnen jedoch ein anderes Bild: Im Jahr 2013 scheiterten nach den Zahlen der Landesjustizprüfungsämter (LJPA) etwa 18,19 Prozent der nordrhein-westfälischen Referendare am Examen, in Bayern waren es 13,86 und in Niedersachsen 17,46 Prozent. Einige von ihnen landen anschließend bei Dr. Peter Thurn, Vorsitzender Richter am OLG Köln, Prüfer beim LJPA Düsseldorf und seit zehn Jahren Leiter der Repetenten- AG in Köln. Seiner Meinung nach gibt es drei Gruppen von Referendaren, die im Zweiten Staatsexamen scheitern: Die Pechvögel, die Naiven und die Schwachen. Im Examen spielten Glück bzw. Zufall eine Rolle, und die erste Gruppe habe diese Faktoren schlicht nicht auf ihrer Seite gehabt. Die Naiven hingegen würden die Anforderungen unterschätzen. Das Erste Examen hätten sie ja bereits bestanden, und so näherten sie sich dem Zweiten frei nach dem rheinländische Motto: "Et hätt noch emmer joot jejange." Die dritte Gruppe seien die Schwachen. Für sie sei es schwer, das Examen zu bestehen, denn ihnen fehle es an Wissen und an juristischen Fertigkeiten. Thurn selbst warnt davor, den eigenen Misserfolg im Examen ausschließlich auf mangelndes Wissen zurück zu führen. Dies sei zwar psychologisch einfacher zu akzeptieren, jedoch nicht immer die alleinige Ursache. Sein Tipp: "Es ist wichtig, die Menschen in dem Fall zu verstehen. Was wollen sie, um was geht es? Es muss vermieden werden, beim Lesen der ersten Zeilen des Aktenstückes vermeintlich bekannte Schubladen zu öffnen."

2/2: Der AG-Leiter als Lehrer und Psychologe

Seine Aufgabe als Leiter der Repetenten-AG sieht Thurn darin, die Denkweise der Teilnehmer zu ändern, sie insbesondere für ein sauberes methodisches Vorgehen und eine juristisch stringente Gedankenführung zu sensibilisieren. Er möchte den Repetenten etwas Positives mitgeben. Gute Korrektur sei da besonders wichtig. Er bemühe sich zum Beispiel, die bei Referendaren oft verhasste Randbemerkung "zu oberflächlich" nicht selbst in dieser oberflächlichen Form stehen zu lassen, sondern jeweils im Einzelnen zu erläutern, warum es der betreffenden Passage an Tiefe fehle. Er hält es auch für sinnvoll, Aktenvorträge als (kleinere) Klausuren zu üben. Thurn betont, die Kandidaten müssten sich ernsthaft mit ihren Schwächen auseinander setzen, auch wenn dies schmerzhaft und die psychische Anspannung enorm sei. Als AG-Leiter sei es dementsprechend wichtig, ein offenes Ohr für die Sorgen der Repetenten zu haben und sich menschlich auf sie einzulassen. Dies bestätigt auch Tanja Staiger*, die selbst im ersten Anlauf am Zweiten Examen gescheitert ist: "Die Stimmung in der AG ist schon ziemlich mies und jeden Monat kommen neue Leute, die aufgepäppelt werden müssen." Sie moniert außerdem, dass es kaum gute, ausformulierte Lösungsskizzen von Klausuren gäbe. Hier setzen jedoch auch Zeit und Gehalt gewisse Grenzen: Für die Erstellung einer von ihm selbst als gut empfundenen Musterlösung benötige er etwa 15 Stunden, erklärt Thurn. AG-Leiter erhalten zwar eine Bezahlung von 32 Euro pro Zeitstunde, allerdings sind damit Vor- und Nachbereitung, einschließlich der Klausurkorrektur, bereits abgegolten.

Vorbereitungszeit kann auf mindestens neun Monate verlängert werden

Ein weiterer Punkt, den Repetenten öfters beklagen, ist die mit drei Monaten relativ knapp gehaltene Vorbereitungszeit für den zweiten Versuch. Diese Sorge kann das LJPA Düsseldorf nicht nachempfinden, und teilt auf Anfrage mit: "dass eine Verlängerung von vier Monaten, immerhin einem Sechstel der gesamten Ausbildungszeit, grundsätzlich zu kurz wäre, und welcher Zeitraum – ohne Verletzung der Chancengleichheit der Referendarinnen und Referendare – denn "angemessener" sein könnte, kann nicht festgestellt werden." Immerhin würden etwa 67 Prozent der Wiederholer die Klausuren tatsächlich nach vier Monaten schreiben. Und die übrigen? "Kandidaten lassen sich häufig aus dem Vorbereitungsdienst entlassen, was zur Folge hat, dass sie einer sechsmonatigen Wiedereinstellungssperre unterliegen, in der sie auch nicht vom Staat bezahlt werden", erklärt Thurn. Eine dritte Möglichkeit, die allerdings nicht im Sinne des Erfinders ist, erwähnt Staiger: Einige ihr bekannte Referendare ließen sich für einen Monat krank schreiben, weil ihnen drei Monate Vorbereitung zu wenig, neun (bei sechsmonatiger Unterbrechung und anschließendem Ergänzungsvorbereitungsdienst) aber zu viel seien. Nach Angaben des LJPAs Düsseldorf wurden im Jahr 2013 in NRW 201 Prüflinge im ersten Wiederholungsversuch geprüft. Davon hätten 90 die Prüfung erneut nicht bestanden. Von 99 Prüflingen des zweiten Wiederholungsversuchs hätten 27 bestanden. Grund genug also, sich auch nach einem Fehlschlag erneut hinter die Bücher zu hocken. Und wenn es mit dem Examen partout nichts werden will? Nun, dann ist das Leben deshalb auch nicht zu Ende. * Name von der Redaktion geändert

Thema:

Staatsexamen

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