Hochschul-Stipendium für Muslime

"Ich muss mich nicht verstellen"

von Désirée BalthasarLesedauer: 5 Minuten
Esra Arican (19) gehört zum ersten Jahrgang des Avicenna Studienwerks, einer Begabtenförderung für Muslime. Das staatliche Stipendium fördert insgesamt 65 Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen, darunter 10 Juristen. LTO sprach mit der Jurastudentin im 1. Semester an der Uni Hamburg über Identität, Integration und Juristen, die lieber unter sich bleiben. 
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LTO: Avicenna ist neben der katholischen, evangelischen und jüdischen die vierte konfessionelle Förderung in Deutschland. Wie bist du auf das Avicenna Studienwerk aufmerksam geworden? Esra: Ein Freund meines Vaters, ein Hamburger Anwalt mit türkischen Wurzeln, hat ihm davon erzählt. Das war fünf Tage vor dem Ende der Bewerbungsfrist. Über das Wochenende musste ich also schnell die Gutachten und Unterlagen besorgen, was glücklicherweise geklappt hat. Ich hatte mich auch bei der Studienstiftung des deutschen Volkes beworben und dachte über eine Bewerbung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung nach. Aber bevor ich die abschicken konnte, kam bereits die Zusage von Avicenna. LTO: Was hat dich am meisten angesprochen, als du dich über das Stipendium informiert hast?

Esra: Am Wichtigsten dabei ist mir die Wertschätzung meiner Religion. Ich finde es schön, dass sie nicht nur akzeptiert oder toleriert wird, wie das bei anderen Stiftungen wäre. Sondern dass ich sie hier als Teil meiner Identität und Kultur leben kann und nicht verstecken muss. LTO: Wie hat man sich das vorzustellen? Esra: Ich muss mich nicht verstellen. Als wir Avicenna-Stipendiaten uns zum ersten Mal in Berlin getroffen haben, war es eben kein Thema, ob jemand Alkohol trinkt, betet oder ein Kopftuch trägt. Und es spielt auch keine Rolle, ob jemand sehr religiös ist oder gar nicht. Die Religion wirkt als verbindender Teil, der uns vereint. Somit konnten wir uns stärker auf die Themen konzentrieren und sind eben nicht nur 'der Moslem' oder 'die Muslimin'. Die Kriterien, die wirklich zählen, sind Leistung und Engagement.

"Inhalte können wir auch selbst bestimmen"

LTO: Wie sieht das Programm des Avicenna-Studienwerks aus? Esra: Da wir der erste Jahrgang sind, können wir die Inhalte maßgeblich selbst gestalten. Während des Auftakttreffens haben wir über die Art und Gestaltung der ideellen Förderung diskutiert. Wir haben dann Fach- und Regionalgruppen gegründet und wollen uns alle zusammen einmal pro Jahr treffen. Ich bin zum Beispiel in der Hamburger Regionalgruppe und in der für Juristen. Die Ansprechpartner der Stiftung vermitteln uns ein sehr persönliches Umfeld. Das ist sehr schön, denn die Geschäftsstelle ist sehr engagiert und kennt uns alle persönlich, wir sind nicht nur irgendeine Nummer. LTO: Habt ihr beim Auftakttreffen auch über juristische Themen gesprochen? Esra: Natürlich haben sich die Jura-Studierenden auch über juristische Themen abseits von religiösen Fragestellungen unterhalten. Mit Bezug zum Islam haben wir aber zum Beispiel über Islamic Banking diskutiert, das auch rechtliche Fragen beinhaltet. Islamic Banking bedeutet, dass Zinsen und Spekulationen verboten sind. Das ist in der Türkei sehr verbreitet. Ein weiteres Thema, über das wir dort nicht gesprochen haben, aber das mir gerade einfällt, ist das Schächtverbot in Deutschland. Hier stehen sich die Interessen des Tierschutzes und des Islams gegenüber, sodass das Schächten nur unter strengen Auflagen erlaubt wird. Mehr zu diskutieren hatten die Mediziner. Denn in der Medizin gibt es viele heikle Themen mit religiösem und ethischem Bezug, zum Beispiel in der Pränataldiagnostik. Übrigens studieren die meisten Stipendiaten Medizin.

2/2: "Kontakte knüpfen, Vorurteilen entgegenwirken"

LTO: Was versprichst du dir von der Förderung? Esra: Vor allem Kontakt, Austausch und finanzielle Erleichterung. Der Kontakt zu interessanten Personen wird vom Studienwerk aktiv gefördert, zum Beispiel ist der Mentor unserer Jura-Gruppe ein Strafrechtsprofessor aus Nordrhein-Westfalen. Auch der Austausch mit den anderen Stipendiaten ist mir sehr wichtig. Ich habe dort bereits bei unserem ersten Treffen tolle Leute kennengelernt. Es gibt ja das Klischee, dass Juristen am liebsten unter sich bleiben. Das war bei der Auftaktveranstaltung auch ein bisschen so, wir haben uns gleich angefreundet. Im Mittelpunkt stehen für mich aber der interreligiöse Dialog und die Horizonterweiterung durch die zukünftigen Veranstaltungen. LTO: Siehst du dich als Avicenna-Stipendiatin in einer speziellen Rolle? Esra: Wir alle wollen uns dafür einsetzen, Vorurteilen entgegenzuwirken. Ich spreche gern über meine Religion und habe kein Problem damit, Fragen zu beantworten. Im Gegenteil: Ich finde es toll, wenn jemand am Islam interessiert ist. Islam ist eben nicht das, was man in den Medien hört, es ist nicht Terror und Gewalt. Auch ist der Gebrauch des Wortes 'Islamisten' völlig falsch, denn es stellt einen Zusammenhang zu meiner Religion her. Es hat aber nichts damit zu tun. LTO: Deine Religion hat für dich also auch gesellschaftspolitische Relevanz? Esra: Ja, natürlich. Die Islamisierung ist ein wichtiges Thema in der Gesellschaft. Außerdem wird überall über Integration gesprochen. Oft heißt es: Sei so wie wir und leg' deine Besonderheiten ab. Dabei bedeutet Integration, dass man seine Besonderheiten behalten und sich trotzdem mit der anderen Kultur anfreunden kann. Niemand sollte einen dazu zwingen, seine Identität aufzugeben. Meine Religion ist ein Teil meiner Identität, es grenzt mich deswegen aber nicht von anderen ab. Das Christentum und der Islam sind sich ja auch eigentlich relativ ähnlich. Die politisch und gesellschaftlich relevanten Hauptunterschiede liegen bei der Kultur und Lebensweise.

"Mit meiner Leistung überzeugen, auch wenn ich Frau und Muslimin bin"

LTO: Du wurdest im ländlichen Niedersachsen geboren, Dein Vater ist aus der Türkei und lebt seit seinem 14. Lebensjahr in Deutschland. Deine Mutter ist vor rund 30 Jahren zum Islam konvertiert, noch bevor sie deinen Vater kennenlernte.
Hat dich deine Religion schon einmal eingeschränkt? Esra: Nein, ich habe bisher keine negative Erfahrung gemacht. Ich bin in Niedersachsen auf einem Dorf aufgewachsen und war die einzige Muslimin an der ganzen Schule. Für meine Freunde war es aber völlig normal, dass ich zum Beispiel keinen Alkohol getrunken habe. Doch andere Stipendiatinnen, die Kopftuch tragen, haben erzählt, dass sie schon schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir haben deshalb viel über Islamophobie gesprochen. LTO: Glaubst du, dass deine Religion für dich später im Beruf als Juristin eine Rolle spielen wird? Esra: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich hoffe, dass ich mit meiner Leistung überzeugen kann, auch wenn ich Frau und Muslimin bin. Ich lasse mich deswegen nicht abschrecken. LTO: Voraussetzung für das Stipendium ist auch soziales Engagement. Wo bist du aktiv? Esra: Ich bin seit fünf Jahren in der SPD, bei den Jusos. Momentan liegt das allerdings brach. Daneben habe ich mich in der islamischen Gemeinde in meinem Heimatort engagiert und dort Nachhilfe gegeben, bei Problemen in der Schule oder bei Bewerbungsschreiben geholfen. Hier in Hamburg gibt es ähnliche Projekte, die werde ich mir mal angucken, denn das möchte ich fortführen.

Thema:

Jurastudium

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