Dr. Mark Benecke

Serienmörder im Hörsaal

von Constantin KörnerLesedauer: 4 Minuten
Der als "Herr der Fliegen" bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke hat Jurastudierenden an der Ruhr-Universität Bochum aus seinem Berufsalltag berichtet – Gruselfaktor inklusive! Es geht um Insekten, Psychomörder und Abmahnanwälte. Constantin Körner war für LTO dabei.
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Während die Zuschauer bereits Platz genommen haben, dröhnt noch in voller Lautstärke Gothic-Musik aus den Lautsprechern. Am Mischpult steht jemand, der direkt aus einem passenden Musikvideo entsprungen sein könnte - ganz in schwarz gekleidet, mit Schmuck behangen und bis auf die Fingerrücken tätowiert.  Dr. Mark Benecke stimmt sich noch musikalisch auf seine "Vorlesung" ein. Daneben stehen Julia Ohters und Julia Klaftke, die stolz auf die rappelvollen Sitzreihen blicken. "Wir wollten das Jurastudium gerne durch einen Blick von der Theorie auf die Praxis bereichern. Er war uns nur aus dem Fernsehen bekannt. Nachdem uns die Fakultät freie Hand gab, haben wir aber einfach Mut gefasst und ihn angeschrieben", klären die beiden Jurastudentinnen auf, wie es zu der ungewöhnlichen Vortragsreihe kam. Beide betreuen "Recht§medizin für RUB- Juri§ten", eine Kooperation zwischen der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und Medizinern der Universität Essen. Dabei stellen sich sowohl Mediziner als auch Juristen gegenseitig reale Fälle vor und beurteilen diese jeweils aus ihrer fachlichen Perspektive. Der Kriminalbiologe Benecke ist bereits zum zweiten Mal nach Bochum gekommen, um von seiner Arbeit zu erzählen.

Insekten helfen, Todesfälle aufzuklären

Mit seinem Institut "Benecke Forensic Biology" in Köln hat sich Benecke mittlerweile international einen Namen als Sachverständiger gemacht. Vor allem ist er darauf spezialisiert, anhand des Insektenbefalls an einer Leiche deren Liegezeit zu ermitteln und die Todesursache zu rekonstruieren. Durch Fernsehauftritte, bei denen er genüsslich über Maden schwärmt, sowie durch populärwissenschaftliche Bücher mit Titeln wie "Aus der Dunkelkammer des Bösen" kennt ihn mittlerweile auch die breite Öffentlichkeit als "Herr der Fliegen". Unter dem Motto "Ich bin der hohle Kopf und das sind meine Augen" schart er dabei ein Team aus einem pensionierten Polizeibeamten, einem Sozialrichter, einer Staatsanwältin und seiner Frau, einer Psychologin, um sich. In Bochum steht er aber alleine vor dem Publikum. Dem präsentiert er zunächst die möglichen Themen - "Insekten auf Leichen" finden sich darunter genauso wie die „Plötzliche Selbstentzündung von Menschen“. Basisdemokratisch lässt er abstimmen. Die große Mehrheit möchte etwas über Serienmörder erfahren. "Letztes Mal war es sehr fäulnislastig und blutig. Heute wird es dafür mehr kriminalpsychologisch", kommentiert er sogleich. Als Beispiel für einen Serienmörder hebt er Jürgen Bartsch hervor, der in den 1960er Jahren vier brutale Kindsmorde beging. "Ein impulskontrollgestörter, pädosexueller Sadist", so die Analyse. Gebannt hört das Publikum zu. Stellenweise ertönt verschämtes Lachen oder aber ein Aufschrei von Ekel, wenn Benecke Archivfotos vom Tatort zeigt oder aus Vernehmungsprotokollen zitiert.

"Es gibt nichts Wichtigeres als das scheinbar Nebensächliche"

Zahlreiche Fälle aus seiner eigenen Berufspraxis kann man auf seiner Homepage www.benecke.com nachlesen. "Noch", wie er betont. Denn: "Ich bin wegen eines kleinen Stadtplanausschnitts auf meiner Homepage abgemahnt worden. Das hat mich schon zweimal ein ganzes Jahresgehalt gekostet. Langsam bin ich das satt". Nicht nur diese Erfahrung hat dafür gesorgt, dass er ein spezielles Verhältnis zu Juristen hat. Zwar würden sich diese auch mit Fällen befassen. Aber über die Strafprozesse hinaus habe ein Naturwissenschaftler eigentlich keine weiteren Berührungspunkte mit ihnen. Trotzdem findet der Kriminalbiologe: "Von Juristen lernt man, dass nicht die Spur alleine die Wahrheit abbildet, sondern die Spur der Auslegung bedarf. Wenn Juristen und Naturwissenschaftler miteinander reden, kommt wenig dabei herum, weil sie jeweils eine eigene Herangehensweise an die Wahrheit haben. So ist es spurenkundlich etwa völlig egal, ob jemand in den Rücken oder in den Bauch geschossen wurde. Dagegen kann es für den Juristen bei der Frage nach Mord oder Totschlag im Hinblick auf Heimtücke gerade darauf ankommen". Sein wichtigstes kriminalistisches Prinzip habe er auch in den Sherlock Holmes-Romanen wiedergefunden: "Es gibt nichts Wichtigeres als das scheinbar Nebensächliche. Schließlich muss man sich immer vor Augen halten, dass eine Spur, die am Tatort nicht aufgenommen wird, schlichtweg nicht existiert". Eine Studentin möchte wissen, ob man nicht die Lust am Leben verliere, wenn man ständig so viel Schreckliches ansehen muss. "Jede Tat ist interessant, da jeder Wissensgewinn hilft, neue Taten zu verhindern“, lautet die pragmatische Antwort von Benecke, der von sich selbst sagt: „Ich war der, den in der Schule alle doof fanden, den alle gemieden haben. Ich habe nie Fußball gespielt, sondern lieber mit meinem Chemiebaukasten experimentiert". Bei der letzten Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen ist er sogar als Spitzenkandidat von die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, kurz "Die PARTEI", angetreten. Welches Gesetz hätte er denn nach einem Wahlsieg gerne zuerst umgesetzt? "Dass alle Juristen mehr Geld erhalten, aber Abmahnanwälte im Sand versinken." Schließlich wirft der Paradiesvogel des akademischen Betriebs noch ein: "Ach, und generell coolere Gesetze, die man in weniger als anderthalb Minuten einfach durchlesen kann."  Mehr auf LTO.de: Praktiker als Profs: Gerade noch im Gerichtssaal, jetzt schon im Auditorium Social Media im Hörsaal: Mit Facebook in die Vorlesung Legal Clinic: Erste (Rechts-)Hilfe vom Kommilitonen

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