Großkanzleien: Viele Juristen wollen rein, nicht alle schaffen es. Wie bekommen Studenten und Referendare einen Fuß in die Tür? Und warum sind Prädikatsexamen noch immer so wichtig?

Noch vor einigen Jahren strebten viele derer, die das Zweite Staatsexamen mit entsprechend guten Noten in der Tasche hatten, zu den großen Kanzleien. Diese konnten sich aus der Masse der Bewerber die besten Kandidaten auswählen. Heute ist es für Großkanzleien nicht mehr ganz so einfach, die Top-Nachwuchskräfte für sich zu gewinnen. "Die Generation Y legt viel Wert auf Freizeit und familienfreundliche Arbeitszeiten", sagt Nicola von Tschirnhaus, Teamleiterin Rekrutierung bei Linklaters. "Viele Kanzleien verlangen jedoch von ihren Mitarbeitern nach wie vor ein hohes Arbeitspensum und tun sich mit Flexibilität noch schwer. Um die Veränderungen auf Bewerberseite in unserer Kanzlei zu spiegeln, haben wir bei uns unter anderem flexible Arbeitszeitmodelle, Home-Office-Tage und die Möglichkeit von Sabbaticals eingeführt."

Bei einer der großen einsteigen

Flexibilität hin oder her: Dass in den Großkanzleien nach wie vor viel Arbeit anfällt und die Rechtsanwälte stark gefordert werden, lässt sich nicht leugnen. "Wir raten Juristen, die die Voraussetzungen der Kanzleien erfüllen, trotzdem zu einem Einstieg in einer Großkanzlei", erklärt Ina Steidl, geschäftsführende Partnerin von Schollmeyer & Steidl, einer auf den juristischen Markt spezialisierten Personalberatung. Denn dort, so ihre Argumente, arbeiten die Einsteiger mit vielen hochkarätigen Kollegen zusammen, sie erhalten exzellente Weiterbildungsmöglichkeiten und sind in spannende, oft internationale Projekte involviert. "Bei kleineren Kanzleien mag es vielleicht etwas geregeltere Arbeitszeiten geben, und die Erwartungen an die Mitarbeiter sind vielleicht etwas geringer, aber die hilfreicheren Erfahrungen zum Einstieg bieten die Großen der Branche", ist Ina Steidl überzeugt. Ihr Rat für Volljuristen: so schnell wie möglich nach dem Zweiten Staatsexamen in eine große Anwaltspraxis einsteigen. "Von einer großen in eine kleine Kanzlei zu wechseln, ist immer möglich – umgekehrt hingegen ist es sehr schwer, auch weil sich die großen Kanzleien ihren eigenen Nachwuchs heranziehen und ab einer gewissen Ebene keinen mehr von außen nehmen", so die Erfahrung der Beraterin.

Unternehmenskultur kennenlernen

Lohnend sind die Mühen also offenbar – aber wie gelingt der Einstieg in die Top Ten der Anwaltsgesellschaften? Wege, um erste Kontakte zu knüpfen, gibt es viele, oft schon zu Studienzeiten. Baker & McKenzie zum Beispiel schickt Rechtsanwälte an die Hochschulen, die den Studierenden aus ihrem Arbeitsalltag berichten. Eine andere Kontaktmöglichkeit für Studierende sind Inhouse-Workshops an allen vier deutschen Standorten der Kanzlei mit amerikanischen Wurzeln. Hier lernen die Teilnehmer einen Tag lang die Büros kennen, bearbeiten Fallstudien, besuchen Seminare zu erforderlichen Soft Skills und treffen sich abends in lockerer Atmosphäre mit den Kanzleikollegen. "Viele Großkanzleien ähneln sich, daher wollen wir mit solchen Veranstaltungen den Studierenden unsere Unternehmenskultur vermitteln", erklärt Claudia Trillig, Personaldirektorin bei Baker & McKenzie.

2/2: Summer Camp in einer Kanzlei

Ähnliche Wege beschreitet Linklaters: Die Kanzlei geht mit Infoständen auf Campustour, bietet sechswöchige Praktika für den ersten Einblick ins Unternehmen an und kooperiert mit juristischen Lehrstühlen an verschiedenen Hochschulen. "Absolventenmessen spielen für uns nicht mehr eine ganz so große Rolle wie früher", sagt Rekruiterin von Tschirnhaus. "Die Bewerber, die sich dort vorstellen, sind häufig recht jung und wollen oft erst noch den LL.M oder eine Promotion machen, bevor sie durchstarten. Daher wählen wir lieber den Weg der Kontaktaufnahme direkt über die Hochschulen." Referendare, die sich in ihrer Anwalts- oder Wahlstation bewähren, erhalten bei Linklaters direkt ein Angebot für die Zeit nach ihrem Zweiten Staatsexamen. Baker & McKenzie hat für die Bindung der Juristen ans Unternehmen ein Mentorenprogramm aufgesetzt, bei dem insgesamt 45 Teilnehmer Mentoren für ihre Karriereschritte zur Seite gestellt bekommen. Sie können unter anderem fachspezifische Seminare besuchen und zusammen mit den Anwälten der Kanzlei an Summer Camps teilnehmen. "Ziel ist es, die Kandidaten gut kennenzulernen, um nach dem Zweiten Staatsexamen schnell entscheiden zu können, ob sie zu uns passen. Umgekehrt bekommen auch die Nachwuchsjuristen tiefe Einblicke in unseren Kanzleialltag und in die Atmosphäre, die bei uns herrscht", so Trillig.

Fachliche Exzellenz gefragt

Bevor die Volljuristen bei den Großkanzleien einsteigen, müssen sie jedoch die Hürde der Bewerbung überwinden – und die liegt bei den internationalen Sozietäten hoch. Unumgänglich sind oft zwei Prädikatsexamen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einem sehr guten Examen auch fachlich sehr kompetent ist, ist einfach sehr hoch", erklärt Trillig die Konzentration der Kanzleien auf die Note vollbefriedigend. "Und fachliche Exzellenz ist für die hohen Anforderungen, die unsere Mandanten an uns stellen, einfach unverzichtbar." Die Erfahrung von Personalberaterin Steidl zeigt aber auch: "Jeder will Kandidaten mit Staatsexamen, aber so viele gibt es gar nicht." Daher sind Kanzleien oft auch mit nur einem Prädikatsexamen zufrieden, wenn das Vollbefriedigend beim zweiten Mal knapp verpasst wurde, und legen stattdessen einen LL.M oder einen Auslandsaufenthalt in die Waagschale. Von Tschirnhaus von Linklaters wünscht sich sogar, dass eines Tages die Noten gar nicht mehr eine so große Rolle bei der Auswahl spielen. "Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen nutzen Kanzleien bei den Auswahlverfahren praktisch noch keine Assessment Center, anhand derer wir die Kandidaten besser kennenlernen könnten. Daher sind Noten vielfach noch immer unsere einzigen validen Auswahlkriterien." Auch deshalb ist es so wichtig, schon frühzeitig Kontakt zu einer Großkanzlei zu knüpfen. Wer von Studienzeiten an immer wieder positiv bei einer Kanzlei auffällt, hat bessere Chancen, später dort Fuß zu fassen, als ein völlig Unbekannter. "Wer den Einstieg schafft, wird zwar viel arbeiten müssen, und manchmal herrscht ein rauer Ton", so Steidl, "aber die Arbeit in einer Großkanzlei ist eine Schule fürs Leben." Anm. d. Red. (03.07.2016, 17:52h): Leider sahen wir uns aufgrund teilweise sehr unsachlicher Aussagen, welche eine persönliche Abrechnung mit einer oder mehrerer der hier erwähnten Kanzleien nahe legten, gezwungen, die Kommentarspalte zu diesem Artikel zu schließen.

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