Zahlreiche Ghostwriting-Agenturen bieten im Internet ihre Dienste an: "Wir schreiben Ihnen Ihre juristischen Seminar- und Abschlussarbeiten!" Erlaubt sind solche Geschäfte nicht, in Anspruch genommen werden fremde Autoren trotzdem.

Die Prüfungsordnungen der einzelnen Universitäten sprechen eine eindeutige Sprache: "Das Prüfungsamt kann von den Prüflingen eine Versicherung an Eides statt verlangen und abnehmen, dass die Prüfungsleistung von ihnen selbst und ohne unzulässige fremde Hilfe erbracht worden ist." Oder auch: "Hausarbeiten sind mit der Versicherung zu versehen, dass ihre Anfertigung ohne fremde Hilfe erfolgt ist." Die Lage ist damit klar: Wer seine Haus-, Seminar-, Examens- oder Doktorarbeit nicht allein schreibt, sondern Hilfe von außen in Anspruch nimmt, verstößt gegen die Regeln der Universität und kann entsprechende Sanktionen erwarten. Eine Exmatrikulation oder ein Bußgeld sind mögliche Folgen. Offenbar gibt es trotzdem genug Studierende, die diese Regeln ignorieren und ihre Arbeiten nicht eigenständig verfassen. Die steigende Zahl der Ghostwriting-Angeboten im Internet und damit einhergehend auch die der Anbieter zeigt, dass ein Markt besteht. Überforderung mit dem Jurastudium, ein hoher Konkurrenzdruck, schlechtes Zeitmanagement – die Gründe, einen fremden Autoren die Arbeit machen zu lassen, sind vielfältig.

Ghostwriter-Arbeiten nur schwierig auszumachen

"Einigen Jurastudierenden fehlt zudem die intrinsische Motivation", so die Vermutung von Jens Schumacher, Leiter des Prüfungsamtes der rechtswissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln. "Sie studieren das Fach nur, weil sie sich mit dem Abschluss gute Berufsaussichten erhoffen." Die Versuchung, sich auf dem Weg zu diesem Ziel helfen zu lassen, ist bei ihnen womöglich höher als bei Studierenden, die sich tatsächlich für die Rechtswissenschaften interessieren. Fälle von Studierenden, die sich mit fremden Federn schmücken, sind kaum bekannt. Denn im Gegensatz zu Plagiaten, die dank extra dafür entwickelter Software mittlerweile recht einfach zu finden sind, lassen sich fremdgeschriebene Arbeiten nur schwer identifizieren. "Mir sind bislang keine so aufgeklärten Fälle zu Ohren gekommen", sagt zum Beispiel Prof. Dr. Tilman Repgen, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Er ist zudem einer von drei Leitern der Albrecht Mendelssohn Barthody Graduate School of Law. Mit einem "engen Betreuungskonzept" verhindere man dort die Inanspruchnahme von Ghostwriting, erklärt Repgen: "Alle sechs Monate treffen sich die Doktoranden mit ihren Betreuern und am Ende der Arbeit steht zudem die Disputation. Da wäre es sehr schwierig, sich die Arbeit von jemand anderem schreiben zu lassen." Für die durchschnittliche Universität dürfte ein solches Konzept insbesondere für die Vielzahl von Hausarbeiten während der ersten Jura-Semester flächendeckend wohl kaum umsetzbar sein.

2/2: Auf die "Sittlichkeit der Studenten"setzen?

Universitäten tappen bei der Überprüfung der Nutzung von Ghostwritern offenbar im Dunkeln und müssten deshalb, wie Schumacher aus Köln sagt, nicht zuletzt auf "die Sittlichkeit der Studenten" setzen. Zahlen, wie viele Studierende die Dienste eines Ghostwriters in Anspruch nehmen, gibt es keine. Selbst der Deutsche Hochschulverband hat dazu keine Daten vorliegen. "Aber", sagt dessen Pressesprecher Dr. Matthias Jaroch, "wir fordern schon länger von der Politik drastische Strafen: Ghostwriter sollten ihre Dienste nicht mehr online anbieten dürfen. Erreicht haben wir bei der Politik bisher leider nichts." Auch von den Ghostwriting-Agenturen selber ist wenig zu erfahren, denn naturgemäß ist die Branche sehr verschwiegen. Bis vor kurzem gab Thomas Nemet, Geschäftsführer von der Agentur Acad Write, noch freizügig Interviews. In einem Gespräch mit der SZ zum Beispiel sagt er Sätze wie: "Es gibt viele unmoralische Dinge in dieser Welt, die trotzdem jeder tut" und "Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer." Nemet gab dabei an, dass seine Agentur zur Zeit des Interviews einen Umsatz von zwei Millionen Euro erzielte und 300 freie Autoren beschäftigte. Heute heißt es bei Acad Write auf Anfragen nach einem Gespräch nur: "Leider stehen wir für Interviews nicht zur Verfügung. Mit der Bitte um Verständnis."

"Nur Mustervorlagen zur Inspiration"

Dr. Igor Lorenz, Teamleiter der Ghostwriting-Agentur Gwriters, nennt im kurzen Telefonat zwar keine Zahl zu Kunden aus dem juristischen Bereich. Aber er betont gegenüber LTO, dass die Arbeiten, die geliefert werden, "nur Mustervorlagen sind, die als Inspirationsquelle dienen sollen. Wir schlagen nur vor, wie eine Arbeit aussehen kann. Wie er diese Informationen verwendet, liegt in der Eigenverantwortung des Kunden." Mit solch einem Hinweis in den AGB sind die Agenturen rechtlich abgesichert. Klar ist aber auch: Wer einen vier- bis fünfstelligen Betrag in einen fremden Autor investiert, wird die Arbeit wohl kaum noch ein zweites Mal selber verfassen. Bei der Internetrecherche nach Informationen, ob die Inanspruchnahme eines Ghostwriters legal ist oder nicht, stößt man früher oder später auf einen Beitrag auf eRecht24. Dieser listet auf, welche erfolglosen Versuche es bisher gegeben hat, Ghostwriting unter Strafe zu stellen. Fazit des Beitrags: "Bisher gibt es in Deutschland keine gesetzliche Grundlage, die das Ghostwriting oder die Vermittlung von Ghostwritern sanktioniert. […] Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass das Ghostwriting als Dienstleistung weder rechtswidrig noch strafbar ist: Wenn die Regeln eingehalten werden!" Sprich: Wenn die Werke des Ghostwriters nur als Mustervorlage verwendet werden. Autor des Beitrags ist Marcel Kopper, der Mitgründer der Plattformen für akademische Freelancer Gwriters und Ghostwriter.de ist. Das Fazit ist damit kaum eine Überraschung. Die Gefahr: Wer seine Karriere als Jurist mit solchen Tricks auf die Bahn bringen will, sollte nicht überrascht sein, wenn er später im Berufsleben tatsächlich einmal eigene Leistungen erbringen muss – und daran mangels Übung scheitert.

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