ClickCeaseTippen statt schreiben: das Staatsexamen am PC
IT-Unterstützung bei juristischen Staatsprüfungen

Tippen statt sch­reiben

von Sabine OlschnerLesedauer: 4 Minuten
Examen am Computer schreiben? Zeitgemäß wäre es, die Software dafür existiert bereits. Doch bis Examensklausuren am PC geschrieben werden, werden wohl noch viele Jahre ins Land gehen. Der aktuelle Überblick von Sabine Olschner.
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Nach fünf Stunden handschriftlicher Klausuren können schon mal die Gelenke schmerzen. Am Ende geben die Prüflinge Texte ab, in denen Formulierungen durchgestrichen und Ergänzungen mit Sternchen eingefügt wurden. Keine leichte Aufgabe für die Korrektoren, hier durchzublicken – und dann auch noch die teils schwer leserlichen Handschriften zu entziffern. All diese Probleme wären gelöst, wenn die Prüfungen nicht mehr per Hand geschrieben werden müssten, sondern am Computer eingetippt werden könnten. Dass das funktionieren kann, hat ein Pilotprojekt an der Universität Siegen gezeigt. Im September schrieben 207 Studierende aus den Fachbereichen Betriebswirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen eine dreistündige Privatrechtsklausur.15 offene Fragen plus drei Fälle, die bearbeitet werden mussten. "Letztere sind zwar kurz, müssen aber wie bei Juristen im Gutachtenstil und nach den üblichen Prüfungsschemata bearbeitet werden", erklärt Maximilian Becker, Juniorprofessor für Bürgerliches Recht und Immaterialgüterrecht an der Universität Siegen und verantwortlich für die Pilotklausur. Die Reaktion der Studierenden fiel sehr positiv aus, sagt Becker. Die Testkandidaten könnten Geschriebenes weitaus einfacher korrigieren als bei einem handschriftlichen Text, sie könnten die Klausur durch einfache Formatierungen besser in Form bringen und sie seien weniger müde gewesen als nach handschriftlichen Klausuren, so deren Feedback. Auch die Möglichkeit, sich zu den Fragen zunächst Stichpunkte zu machen und diese später auszuformulieren, wurde positiv aufgenommen. "So gut wie jeder der Teilnehmer würde gern wieder elektronische Klausuren schreiben", fasst der Professor die Rückmeldungen der Testschreiber zusammen.

Gleiche Bedingungen für alle – schwierig für die Unis

Damit alle Prüflinge unter den gleichen Bedingungen schreiben können, müssen viele Faktoren stimmen. Grundsätzlich müssen alle Computer gleich zu bedienen sein. Und wenn ein Rechner abstürzt, müssen der Fortschritt auf dem aktuellen Stand gesichert sein, damit der Student direkt an einem anderen Computer weiterarbeiten kann. Für den reibungslosen Ablauf bei der Pilotklausur an der Universität Siegen sorgte das Dienstleistungsunternehmen Iqul aus Bergisch Gladbach, das sowohl die Hard- als auch die Software zur Verfügung stellte. "Nicht alle Universitäten haben für mehrere Hundert Studenten bei einer Prüfung genügend Computer", erklärt Jonas vor dem Esche, Marketingleiter des Unternehmens. Dass Studierende ihre eigenen Geräte mitbringen, widerspricht der Prüfungsgerechtigkeit sowie der Prüfungssicherheit und wäre deshalb keine Lösung. Daher ließ auch die Universität Siegen zwei Hörsäle durch den IT-Dienstleister temporär mit Servern und Computern samt Software ausstatten.

2/2: Erleichterungen auch für die Korrektur

Vorteile haben die elektronisch verfassten Klausuren nicht nur für die Prüflinge. Auch für die Korrekturabläufe würden digitale Klausuren Erleichterungen bringen. Die fertigen Klausuren können anonymisiert und elektronisch an die verschiedenen Korrektoren versandt werden, die ihre Anmerkungen entsprechend am Bildschirm anbringen. "Das dauert zwar länger als per Hand, die Gesamtkorrektur geht aber schneller und ist für die Studierenden leserlicher und besser nachvollziehbar als bisher", so die Erfahrung von Professor Becker. Ein weiteres Manko: Bislang müssen in den Korrekturläufen viele Tausend Blatt Papier mehrere Male postalisch hin- und hergeschickt werden – diesen Aufwand könnte man sich durch einen elektronischen Versand ersparen. Wenn die Klausuren digital abgelegt werden, würde sich auch das immer mal wieder auftretende Problem verloren gegangener Examensklausuren erledigen. Die Ergebnisse des Pilotprojekts klingen also durchweg positiv. Warum werden dann nicht kurzfristig alle juristischen Prüfungen umgestellt und am Computer absolviert?

LJPA: Zu teuer, zu unsicher, zu wenig Platz

Dr. Corinna Dylla-Krebs vom Justizministerium Nordrhein-Westfalen zu den Hürden: "Man müsste gewährleisten, dass das System absolut sicher ist", betont die geschäftsführende Vertreterin des Präsidenten des Landesjustizprüfungsamtes (LJPA). "Es darf keiner vorab an die Klausuraufgaben gelangen und auch der Versand an die verschiedenen Korrektoren darf keinerlei Risiken beinhalten." Das zweite Problem ist finanzieller Art: "Ob die staatlichen Prüfungsämter sich mit Computern ausstatten, die ja auch gewartet werden müssen, oder ob sie für die Klausuren Laptops von einem Dienstleister anmieten: Beides kostet eine Menge Geld", so Corinna Dylla-Krebs. Hinzu komme bei vielen Universitäten ein Platzproblem: Ein Laptop plus Gesetzbücher und Kommentare brauchen eben mehr Platz als Papier allein. Oft reichten die Räumlichkeiten an den Universitäten dafür nicht aus. Vor dem Esche von Iqul berichtet, dass in der Schweiz, die schon einen Schritt weiter ist, für die Klausuren sogar ganze Stadthallen mit Geräten ausgestattet werden.

Forschung: Verändern sich Klausuren durch elektronische Bearbeitung?

Des Weiteren seien rechtliche Hürden zu nehmen und es sollte wissenschaftlich erforscht werden, ob sich die Klausuren durch die elektronische Bearbeitung womöglich verändern, so Dylla-Krebs. Mögliche Aspekte: Schreiben Studierende am Computer anders als per Hand? Und schaffen sie es, in der gleichen Zeit mehr zu schreiben? Ebenfalls ein Haken: "Wenn wir die elektronischen Prüfungen nicht flächendeckend einführen können, würde hier unter Umständen gegen die Einheitlichkeit der Prüfungsanforderungen verstoßen werden." Dylla-Krebs hat selber schon diverse Testklausuren unter anderem unter Beteiligung von Studierenden der Fachhochschule für Rechtspflege Nordrhein-Westfalen und nordrhein-westfälischen Referendaren begleitet und beobachtet den Markt genau. Sie kann verstehen, dass Studierende ihre Klausuren künftig gern auf Computern schreiben wollen. "Aber dafür müssen zunächst alle Hindernisse überwunden werden. Daran arbeiten wir mit großem Engagement, gehen aber gleichwohl davon aus, dass es bis zur Realisierung noch eine gewisse Zeit dauern wird."

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