Die Innovationsfreudigkeit deutscher Jura-Fakultäten ist bisher überschaubar. Ein internationaler Index könnte nun zu mehr Transparenz und damit zu einem erhöhten Druck auf die Verantwortlichen führen, meint Nico Kuhlmann.

Die juristische Ausbildung ist ein langer und steiniger Weg. Es dauert regelmäßig fünf Jahre bis zum Ersten Staatsexamen und dann noch einmal weitere zwei Jahre bis zum Zweiten Staatsexamen nach dem Referendariat. Hinzu kommen Erasmus-Semester, Master of Laws (LL.M.) und gegebenenfalls eine Doktorarbeit. Alles in allem ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Erstsemester des Jahres 2018 bis zu zehn Jahre brauchen werden, bis sie auf dem juristischen Arbeitsmarkt angekommen sind. Allerdings wird der Rechtsmarkt im Jahr 2028 deutlich anders aussehen als bisher. Darauf müssen die Universitäten dringend reagieren. Zwar weiß niemand genau, in welche Richtung sich der Rechtsmarkt im Detail entwickeln wird und welche Anbieter mit welchen Dienstleistungen den Nerv der Zeit treffen werden. Aber zu glauben, dass die Digitalisierung, die andere Märkte bereits radikal verändert hat, an der Rechtsbranche ohne grundlegende Veränderungen vorüber gehen wird, wäre naiv. Genauso wie wir moderne Technologie selbstverständlich in unserem privaten Alltag nutzen, müssen wir Legal Tech in die juristische Ausbildung integrieren, um die nächste Generation von Juristen auf die Realität im 21. Jahrhundert vorzubereiten. Die herkömmlichen Ausbildungsinhalte werden nicht ausreichen, um den Studierenden das notwendige Handwerkszeug zur Bewältigung und zur aktiven Mitgestaltung der digitalen Transformation mitzugeben.

Projekte gibt es – und sie werden mehr

Natürlich gibt es Vorreiter, die dieses Problem erkannt haben. Die private Bucerius Law School in Hamburg, die neben mehreren Vorlesungen und Seminaren dieses Jahr zum ersten Mal sogar eine Summer School ausschließlich zum Thema Legal Technology and Operations anbietet, ist in Deutschland wahrscheinlich führend. Langsam werden aber auch staatliche Universitäten aktiv. Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg bietet in diesem Sommersemester eine Vorlesung zu Legal Tech unter der Leitung von Privatdozent Dr. Martin Fries an, deren Einheiten darüber hinaus auch auf Youtube frei abrufbar sind, und an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) wurde von Prof. Dr. Stephan Breidenbach und Rechtsanwalt Florian Glatz das Legal Tech Center etabliert. Indes sind all dies die Namen derer, die ohnehin schon mit dem Thema in Verbindung gebracht werden – wenn nicht sogar für das Thema stehen. Doch es gibt noch ein bisschen mehr: Die Juristische Fakultät der Leibniz Universität Hannover hat für ihre Studierenden einen Legal Tech Inkubator eingerichtet und die Universität Hamburg eine Cyber Law Clinic gegründet. Ziel beider Einrichtungen ist es, den Teilnehmenden mehr Verständnis für digitale Technologien zu vermitteln und eine Gelegenheit zu geben, die erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden. An der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main können die Studierenden seit diesem Semester eine Schlüsselqualifikation "Legal Tech & Innovation" erwerben, und um die wissenschaftliche Erschließung dieses Themas mehr in den Blick zu nehmen, wurde schließlich an der Humboldt-Universität Berlin eine Forschungsstelle Legal Tech gegründet, die die Rahmenbedingungen in Deutschland erforschen soll. Den Studierenden scheint dies aber noch nicht auszureichen. Stattdessen wurden diese an mehreren Universitäten selbst aktiv. In München hat sich etwa die Munich Legal Tech Student Association gegründet, um Studierende und Professionals aller Fachrichtungen mit Interesse an dem Thema zusammenzubringen und zu vernetzen. In Frankfurt am Main wurde zudem die studentische Initiative Legal Tech Lab ins Leben gerufen, die sich mit der Digitalisierung und den damit einhergehenden Veränderungen im Bereich des Rechts auseinandersetzt.

Systematische Auseinandersetzung fehlt

Diese Leuchtturmprojekte sind allerdings nur vereinzelte Lichter in einer ansonsten im Dunkeln liegenden Ausbildungslandschaft. Eine systematische Auseinandersetzung mit der Frage, welche Kenntnisse und Fähigkeiten notwendig sind, um während der bereits stattfindenden digitalen Transformation zu bestehen, findet bisher an den meisten deutschen Jura-Fakultäten nicht statt. Der Druck auf die Verantwortlichen wird sich jetzt aber spürbar erhöhen, da ein Innovations-Index aus den USA die Transparenz erhöht und damit die direkte Vergleichbarkeit zwischen den juristischen Fakultäten ermöglichen wird. Der Law School Innovation Index misst das Ausmaß, in dem juristische Fakultäten Lerninhalte im Bereich Innovation und Technologie in ihren Lehrplan aufgenommen haben. Der ursprüngliche Index umfasste 40 US-amerikanische Law Schools, die bereits zuvor als innovativ bekannt waren. Herausgeber ist das Center for Legal Services Innovation (LegalRnD) an der Michigan State University. Neben entsprechenden Instituten, Law Clinics, Inkubatoren und sonstigen institutionalisierten Initiativen wurde unter anderem nach Kursen wie etwa Process Improvement, Empirical Methods, Data Analytics und Applied Technology sowie nach juristischen Veranstaltungen beispielsweise zu den Themen Künstliche Intelligenz, Blockchain und Cybersecurity Ausschau gehalten. Bei dem Law School Innovation Index soll es sich zwar nach dem Willen der Herausgeber nicht um ein Ranking handeln. Insbesondere sagt der Index auch nichts über die Qualität der einzelnen Veranstaltungen aus. Aber natürlich wird sichtbar, welche Universitäten gar nichts tun, welche sich ein wenig kümmern und welche Innovationen in der Rechtsbranche eine große Priorität einräumen.

Nichts tun ist keine Option

Auf der Anfang April stattgefundenen FutureLaw-Konferenz des Stanford Center for Legal Informatics (CodeX) im Silicon Valley hat Prof. Daniel W. Linna Jr. als Direktor von LegalRnD und Gesicht des Index-Projektes angekündigt, den Umfang zu erweitern und ausländische Universitäten aufzunehmen. Dazu wird sein Team selbstständig die Webseiten der Universitäten nach entsprechenden Angaben durchsuchen. Zudem hofft Prof. Linna, dass Studierende und Universitätsangehörige ihre Initiativen und Veranstaltungen durch ein Online-Formular proaktiv melden, um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen. Sobald die deutschen Universitäten aufgenommen wurden, können Studierende in Deutschland schnell und einfach einen ersten Eindruck gewinnen, wie Ernst die einzelnen juristischen Fakultäten das Thema Digitalisierung nehmen und die Wahl des Studienortes auch danach ausrichten. Dies bedeutet nicht, dass alle juristischen Fakultäten nun die gleiche Legal Tech-Vorlesung anbieten müssen. Zwar bietet sich natürlich eine Grundlagenveranstaltung an, aber die gegenwärtige Situation begründet vielmehr ein enormes Differenzierungspotential und damit die Chance, ein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Eine Universität könnte sich etwa auf Legal Analytics und Computational Law konzentrieren, eine andere auf Legal Design Thinking und das Access-to-Justice-Problem und eine dritte auf die Blockchain-Technology und Smart Contracts. Welchen Weg eine juristische Fakultät konkret geht, hängt dabei von der bisherigen Ausrichtung sowie dem zur Verfügung stehenden Personal und gegebenenfalls lokalen Kooperationspartnern ab. Aber eines ist sicher: Nichts zu tun ist keine Option. Der Autor Nico Kuhlmann (@NicoKuhlmann) ist Rechtsreferendar bei Hogan Lovells US LLP im Silicon Valley und Blogger für den Legal-Tech-Blog.de.

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