Legal Tech in der Juristenausbildung

Mehr Com­puter auf den Campus

von Marcel SchneiderLesedauer: 5 Minuten
Legal Tech wird anwaltliches Arbeiten zunehmend beeinflussen, in Studium und Referendariat kommt das Thema aber noch nicht vor. Angehende Juristen müssen kein Technikfaible haben - aber aufpassen, dass sich eine völlige Unkenntnis nicht rächt.
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Bis ein Computer zuverlässig komplexeste Rechtsfragen eigenständig lösen kann, wird es noch dauern. Das Feld der Legal Technology (kurz: Legal Tech) aber ist groß und die Möglichkeiten gehen schon jetzt weit über die bloße Kommunikation und Vernetzung von Anwalt und Mandant hinaus, die sich mit der Verbreitung des Internets eröffnet haben. Für Markus Hartung ist der Umgang mit Legal Tech in Zukunft essenziell für eine wirtschaftlich gesunde Kanzlei, denn "Rechtsberatung ist nicht gleichzusetzen mit Falllösung." Software werde Juristen verstärkt dabei unterstützen, das Recht auf Sachverhalte anzuwenden. Nach Ansicht des Rechtsanwalts und Direktors der Bucerius Law School in Hamburg wird die Hauptarbeit des Anwalts zunehmend darin bestehen, für den Mandanten die beste Handlungsoption zu finden.
Zahlreiche Arbeiten, wie etwa das Aufsetzen standardisierter Schreiben oder Verträge, seien heute  noch das Brot-und-Butter-Geschäft vieler Anwälte. "Das wird sich ändern, wenn Mitbewerber diese Leistungen künftig durch technische Hilfsmittel schneller und vor allem günstiger erbringen können", prophezeit Hartung. Schon jetzt ließen - vornehmlich große – Kanzleien Mitarbeiter nachträglich im Umgang mit den ersten etablierten Tools und Softwares ausbilden, weiß Dr. Micha-Manuel Bues. Der Rechtsanwalt, seit Juni dieses Jahres Geschäftsführer beim Legal-Tech-Unternehmen Leverton, beschäftigt sich seit ihren  Anfängen mit der digitalisierten Rechtsberatung in Deutschland. Er ist sich sicher: "Legal Tech wird den Anwaltsberuf immer stärker verändern und auch ihren Weg als tägliches Arbeitsmittel in mittelständische und kleine Kanzleien finden. Die Juristenausbildung muss den Berufsalltag widerspiegeln – und dazu gehört eher früher als später der Umgang mit Legal-Tech-Software."

Ein Schwerpunktbereich an der Uni?

Doch welche Möglichkeiten gibt es für die Universitäten und Ausbilder, den angehenden Juristen in den verschiedenen Stationen Legal Tech näher zu bringen und vor allem für die Praxis greifbar zu machen?
Bues kann sich das Thema Legal Tech als universitären Schwerpunktbereich vorstellen. Schwerpunkte würden "intern organisiert und können damit am schnellsten im doch eher konservativen Jurastudium umgesetzt werden." Zudem hätten die federführenden Lehrstühle die Möglichkeit, durch ihre Kontakte in die Praxis Dozenten zu gewinnen, die in ihrer alltäglichen Arbeit mit Legal-Tech-Produkten zu tun haben. Bisher bietet noch keine Uni einen  eigenen Schwerpunkt für Legal Tech, doch immerhin: An der Universität Münster konnten sich Studenten des Schwerpunktbereichs "Rechtswissenschaft in Europa" die erfolgreich bestandene Teilnahme an einer Block-Veranstaltung zum Thema Legal Tech als Schwerpunktseminar anrechnen lassen. Alternativ biete sich Legal Tech als weiteres Grundlagenfach an, ähnlich den Klassikern wie Rechtsgeschichte und –philosophie, meint Bues: "Diese Fächer vermitteln Hintergrundwissen, das die Anwendung der Studieninhalte verbessern soll. Legal Tech als ein solches Fach hätte zusätzlich noch einen aktuellen Bezug, weil sich eine solche Veranstaltung auch mit aktuellen Entwicklungen in der Branche beschäftigen könnte."

Oder eine Arbeitsgemeinschaft im Referendariat?

Hartung bemängelt, dass die Juristenausbildung in ihrem Aufbau auf die Befähigung zum Richteramt abzielt. Der Arbeitsalltag als Anwalt sei aber wesentlich vielschichtiger und facettenreicher, weshalb Legal Tech dort eher zum Einsatz komme als im Staatsdienst. Er schlägt deshalb vor, neuen Referendaren die Wahl zu lassen: "Was spricht dagegen, im Referendariat einen neuen Zweig zu schaffen für diejenigen, die lieber anwaltlich tätig werden wollen? Wer diese Ausrichtung wählt, würde entsprechend mit anderem Fokus ausgebildet werden und könnte in diesem Zusammenhang auch Inhalte wie etwa ein Softwareanwendungstraining erfahren." So könnte man zum Beispiel während des Vorbereitungsdienstes Platz schaffen für Arbeitsgemeinschaften, die direkt mit dem Berufsbild des Anwalts zu tun hätten. Im Bereich Legal Tech käme zum Beispiel ein Grundkurs in Kanzlei-IT oder Software in Frage. An der Bucerius Law School werden solche Inhalte bereits in sogenannten Legal Tech Lectures umgesetzt.

2/2: Nicht über Tools lernen, sondern mit ihnen

Nicht über Tools, sondern mit ihnen lehrt Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder. Er benutzt in seinen zivilrechtlichen Grundvorlesungen solche schon jetzt, um Rechts- und Prüfungsstrukturen zu visualisieren. Anhand eines Prüfungsbaums veranschaulicht er seinen Studenten den juristischen Gedankengang bei der Suche und Prüfung von Anspruchsgrundlagen. "Über das Auge können komplexe Inhalte besser aufgenommen werden. Während ich am Pult spreche, können die Studierenden an der Leinwand hinter mir genau nachvollziehen, wo ich gerade was mit ihnen prüfe." Zugang zum Prüfungsbaum haben die Studenten auch online über das Universitätsportal. Dort können sie an jedem einzelnen Abschnitt persönliche Notizen anbringen oder auch Fragen in einem Forum stellen, die der Professor dann selbst beantwortet. Wenn die Zeit reif ist, will Breidenbach sein Tool im Internet öffentlich zugänglich machen.  Er ist überzeugt: "An den Universitäten muss mehr für das Verständnis von Digitalisierung sensibilisiert werden. Die Studierenden müssen ein Bewusstsein dafür bekommen, was Technik kann und – noch viel wichtiger – was sie können wird, bevor sie in den Beruf starten."

"Digital Natives haben es leichter"

Seit zwei Jahren beschäftigt sich auch Nico Kuhlmann nach einem Aufenthalt in den USA mit Legal Tech. Dort gebe es mittlerweile einen Datenbank-Anbieter, der für einzelne Gerichte eine Erfolgswahrscheinlichkeit für Klagen in bestimmten Rechtsgebieten errechnet, veranschaulicht der Hamburger Referendar. Zuverlässigkeit und Aussagekraft solcher Dienste einmal dahingestellt, er ist fasziniert von den Veränderungen, die anstehen: "Fakt ist: Es tut sich etwas." Und auch wenn noch niemand so genau sagen könne, was, mahnt Kuhlmann zur Aufmerksamkeit: "Man muss nicht selbst programmieren können, aber ein Auge darauf haben, wie Rechtsmarkt und juristisches Arbeiten – vor allem im eigenen Tätigkeitsbereich - durch IT beeinflusst werden." Wer wissen will, was zukünftig mit Legal Tech machbar sein könnte, kann sich zum Beispiel unter diesem Stichwort auf meetup.com über die regelmäßigen und kostenlosen Legal-Tech-Meetings in Deutschland informieren. Jüngeren Juristen als Digital Natives falle es im Vergleich zu älteren Kollegen leichter, auf dem Laufenden zu bleiben. "Als sich mit der Verbreitung des Internets die ersten juristischen Datenbanken wie Beck online und Juris etablierten, war das im weiteren Sinne auch Legal Tech, die die Recherchearbeit und Informationsbeschaffung verändert hat. Für heutige Studenten und Referendare ist das der Standard, sie sind mit der Digitalisierung aufgewachsen", sagt Kuhlmann. Im Studium sieht er Legal Tech als heißen Kandidaten für den Bereich der nachzuweisenden Schlüsselqualifikationen. Anstelle von Blockveranstaltungen zu Rhetorik oder Mediation könne man "auch von Legal Tech fächerübergreifend profitieren. Man muss sich bewusst machen, dass das Thema zunehmend präsenter sein wird, nur zum jetzigen Zeitpunkteben noch nichts rechtsdogmatisch konkret Greifbares ist." Wohl mit ein Grund dafür, warum Legal Tech in der Juristenausbildung noch sehr stiefmütterlich behandelt wird.

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