Legal Tech im Jurastudium

Lernen ohne Zukunft

von Daniel Mattig und Nico KuhlmannLesedauer: 5 Minuten
Die Juristenausbildung wird restrukturiert. Doch welche neuen Kenntnisse und Fähigkeiten angehende Juristen künftig im Alltag brauchen werden, hätten die Reformer nicht berücksichtigt, kritisieren Daniel Mattig und Nico Kuhlmann.
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Weniger Pflichtstoff und noch weniger Schwerpunkt - das ist die aktuelle Diskussionsgrundlage für die Reform des Jurastudiums. Die Justizministerkonferenz hat Ende letzten Jahres die entsprechenden Vorschläge ihres Koordinierungsausschusses zur Harmonisierung und Angleichung der Juristenausbildung beschlossen. Der Ansatz, die Prüfungsbedingungen für die erste und zweite juristische Prüfung zu reformieren, wird grundsätzlich begrüßt. Die konkreten Vorschläge werden aber in Lehre und Praxis intensiv diskutiert. Besonders die anvisierte Streichung des Internationalen Privatrechts aus dem Pflichtstoffkatalog stößt auf Widerstand. Diese "skandalöse Provinzialisierung der Juristenausbildung" mache die Absolventen praxisuntauglich. Andere beklagen, dass das Jurastudium nicht mehr viel mit Wissenschaft zu tun habe und bald nur noch Rechtskunde sei. Ein Aspekt wird bisher allerdings überhaupt nicht diskutiert, nämlich welche Anforderungen die zunehmend digitalisierte Praxis zusätzlich zum rechtlichen Fachwissen und zur juristischen Methodenkompetenz an die Berufseinsteiger stellen wird. Und damit auch, welche Kenntnisse und Fähigkeiten für den beruflichen Erfolg zunehmend an Bedeutung gewinnen werden. Legal Tech ist an den meisten deutschen Universitäten noch völliges Neuland.

Erste Leuchtturm-Projekte meist aus den USA

In anderen Ländern steht dieses Thema hingegen seit Jahren auf der Agenda. Fächer wie Introduction to Legal Technology, Coding for Lawyers, Data Analytics und Empirical Legal Studies stehen dort bereits auf dem Lehrplan. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Leuchtturm-Projekten, die versuchen, angehende Juristen auf die Herausforderungen und Möglichkeiten einer technologisierten Welt vorzubereiten. So widmen sich in den USA mittlerweile rund 20 Law Schools und Universitäten diesem Themenfeld. An der University of Miami wurde beispielsweise bereits 2011 das Projekt "LawWithoutWalls" gegründet. Anstatt lediglich jahrelang abstrakt Fachwissen zu konsumieren, können die Studierenden dort in einem strukturierten Programm mit der Unterstützung von Mentoren eigene Startups gründen, um konkrete und real existierende Rechtsprobleme mit dem Einsatz von Technologie zu lösen. Die Stanford Law School nimmt mit ihrem Center for Legal Informatics ebenfalls eine Vorreiterrolle ein. Äußerst beliebt an der Fakultät ist der Kurs "Legal Informatics", in dem die digitale Informationsverarbeitung anwendungsorientiert unterrichtet wird. Zudem entwickeln die Studierenden im Legal Design Lab eigene Legal Tech-Anwendungen. Ein weiteres Beispiel ist der seit 2016 bestehende interdisziplinäre Masterstudiengang in "Law, Technology and Entrepreneurship" der Cornell Law School in Zusammenarbeit mit Cornell Tech.

Auch in der deutschen Lehre gibt es Pioniere

Erfreulicherweise gibt es auch in Deutschland Pioniere in der Lehre, die diesen Trend erkannt haben und den Studierenden entsprechende Lehrveranstaltungen anbieten. Im Jahr 2015 wurden beispielsweise an der Bucerius Law School in Hamburg die "Legal Technology Showcase Lectures" etabliert. Seitdem geben zahlreiche Veranstaltungen wichtige Impulse für die Lehre: Neben "Coding for Lawyers" und der "Legal Tech Initiative" ist besonders das Projektstudium zum "Hands on Machine Learning in Law" zu nennen. In Kooperation mit dem Fachbereich Informatik der Universität Hamburg und IBM Watson war es den Studierenden möglich, mit eigenen Prototypen die künstliche Intelligenz von Watson zu erproben. An der Universität Münster fand im Sommersemester 2016 erstmals ein Legal-Tech-Seminar unter der Leitung von Privatdozent Dr. Martin Fries statt. Sein Engagement hat Dr. Fries nach seiner Rückkehr nach München mit einem "Grundlagenseminar zur Digitalisierung des Bürgerlichen Rechts" im letzten Wintersemester an der LMU fortgeführt. Und mit den praktischen Auswirkungen von Legal Tech auf die anwaltliche Tätigkeit beschäftigte sich Prof. Dr. Stephan Breidenbach ebenfalls im letzten Wintersemester an der Europauniversität Viadrina. In den angebotenen Blockveranstaltungen wurde unter anderem auch der praktische Umgang mit einem digitalen Tool zur Vertragsgestaltung erprobt.

2/2: Wie man Legal Tech an die Uni bringen könnte

Eine weitere Möglichkeit, interessierte Studierende in Deutschland auf die digitalisierte Arbeitswelt vorzubereiten, wäre die Einführung eines entsprechenden Wahlfachs. Vorschläge, wie ein solches Wahlfach "Legal Technology" aussehen könnte, gibt es bereits. Ein solcher Kurs würde darauf abzielen, angehenden Juristen in einem Semester ein praktisches Grundverständnis der Technologien zu vermitteln und diese somit auf ihre zukünftige Arbeit in den Kanzleien, Unternehmen, Gerichten und Behörden vorzubereiten. Dazu könnte der Kurs zunächst theoretische Grundlagen vermitteln, die in die Arbeitsweise von Computerprogrammen einführen, aber auch ganz (berufs-)alltägliche Fragen der Datensicherheit oder der elektronischen Kommunikation behandeln. Um einen Einblick in die Anwendungspotentiale von Lech Tech zu gewähren, würden sich die Studierenden mit der computergestützten Texterkennung und Datenanalyse befassen, aber auch einen Blick in die nahende Zukunft wagen – Stichwörter wären Blockchain, Smart Contracts und Legal AI. Im Mittelpunkt stünde eine Praxisaufgabe, in der die Studierenden eine einfache Legal-Tech-Anwendung selbst entwickeln. Das könnte etwa ein Generator für Untermietverträge sein, der dann den Kommilitonen dazu dient, die eigene Wohnung während des Auslandssemesters zu vermieten. Anhand dieser konkreten Aufgabe könnten die Studierenden die Grundzüge der Programmierung erlernen und würden frühzeitig für die Arbeitsweise im digitalen Zeitalter sensibilisiert.

Legal Tech nur als Nebenschauplatz ist gefährlich

Gegenwärtig konzentriert sich die Reformdiskussion nur darauf, wie die Ausbildung für die juristischen Berufe verbessert werden kann – und zwar in der Form, wie sie heute ausgeübt werden. Die vorgelagerte und mittelfristig viel wichtigere Frage ist aber, inwiefern die Arbeit mit dem Recht im digitalen Holozän nicht vermehrt durch oder zumindest unter maßgeblicher Verwendung von Computerprogrammen erledigt wird. Diese Verlagerung auf dem Rechtsmarkt, weg von analogen Arbeitsmodellen, wird zwangsläufig auch zu einer grundlegenden Veränderung der beruflichen Anforderungen führen, die momentan gar nicht berücksichtigt werden. Juristen werden stattdessen immer noch ausgebildet, um mit ihren handwerklichen Fähigkeiten jedes Mal das Rad neu zu erfinden. Durch den technologischen Fortschritt tritt aber auch der Rechtsmarkt in das Zeitalter der individualisierten Massenfertigung ein. Ohne entsprechende Anpassungen werden die Studierenden für einen Markt ausgebildet, den es in der herkömmlichen Form immer weniger geben wird, wenn sie die Ausbildung Jahre später abschließen. Es besteht Handlungsbedarf – und zwar schon jetzt. Der Autor Daniel Mattig promoviert im Kapitalmarktrecht an der Bucerius Law School in Hamburg und ist Vorstand der dortigen Legal Tech Initiative. Der Autor Nico Kuhlmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hogan Lovells International LLP in Hamburg und Blogger für den Legal-Tech-Blog.de.

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