Der Freischuss

Eine loh­nende Zit­ter­partie?

von Sabine OlschnerLesedauer: 5 Minuten
Gute Chance oder unnötiger Stress? Am Freischuss scheiden sich die Geister. Ob der zusätzliche Versuch wirklich so "frei" und sinnvoll ist oder eben nicht, kommt auch auf die Persönlichkeit und die Strategie an, die man verfolgt.
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Es klingt verlockend: Der Freischuss hat – auf den ersten Blick – kein besonderes Nachspiel, man lernt die Prüfungssituation des gefürchteten Examens "vorab" kennen und in vielen Bundesländern ist die Teilnahme daran sowieso die Voraussetzung dafür, bei Bedarf nach den übrigen Versuchen verbessern zu dürfen. In der Regel können Studenten bis zum achten Semester zum Freischuss antreten, in einigen Bundesländern bis spätestens zum neunten. Dabei stellen sich viele Fragen, zum Beispiel: Lohnt es nicht viel eher, sich mehr Zeit zu nehmen und gründlich auf eine gute Note hinzuarbeiten, als die Freischuss-Prüfung unter Umständen nicht ganz optimal vorbereitet abzulegen? Möchte man sich wirklich zwei Mal der Belastung durch die Examensprüfungen aussetzen, wenn man davon ausgeht, mit dem Freischuss-Ergebnis nicht hundertprozentig zufrieden zu sein? Und kommt man mit dem Druck und der persönlichen Niederlage klar, sollte der Freischuss daneben gehen? Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob die Freischuss-Regelung für einen Kandidaten gut geeignet ist oder nicht, gibt es nicht. Jeder Student muss selber entscheiden, welcher Weg ihm besser liegt. Dabei können die Erfahrungswerte anderer sehr nützlich sein.

Freischuss nach hinten verlegen

Julia Münzenmaier hat sich beispielsweise für den Freischuss entschieden. Da sie während ihres Studiums an der Universität Passau im Ausland war und zusätzlich eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung in Englisch und Spanisch absolvierte, durfte sie ihren Freischuss bis zum neunten statt bis zum achten Semester in Anspruch nehmen. An manchen Universitäten wird zum Beispiel auch die Mitarbeit in der Fachschaft damit belohnt, den Freischuss "hinauszögern" zu dürfen. Münzenmaier sagt: "Ich habe ein Jahr lang den Examenskurs an der Universität besucht, der viermal in der Woche stattfand, und habe Klausurenkurse absolviert. Damit fühlte mich gut für die Prüfungen vorbereitet. Hätte ich jedoch nur ein halbes Jahr Vorbereitungszeit gehabt, wäre mir das persönlich zu wenig gewesen, und ich wäre sicher nicht zur Prüfung angetreten", begründet die 25-Jährige ihre Entscheidung. Sie gehört zu den Glücklichen, die mit der Note der Freischuss-Prüfung sofort sehr zufrieden war. "Wäre die Note schlechter ausgefallen, hätte ich einen weiteren Versuch gestartet." Darin liegt zugleich ein großer Nachteil der Freischuss-Regelung: Wer zwar nicht durchgefallen ist, aber nur knapp bestanden hat oder sonst wie mit seiner Note nicht zufrieden ist und deshalb erneut schreiben möchte, steht unter Druck: In der Regel muss der Verbesserungsversuch nach dem Freischuss dann nämlich innerhalb eines Jahres gemacht werden – oder er verfällt. Viele von Münzmaiers Kommilitonen, mit denen sie zusammen gelernt hat, haben deshalb ebenfalls Verlängerungsregelungen genutzt, um mehr Zeit für die Vorbereitung zu haben. Ihr Tipp für Studenten, die ebenfalls die Chance auf einen Freischuss nutzen wollen: "Man sollte die Gelegenheit zum Freischuss nicht auf die leichte Schulter, sondern ernst nehmen und eben nicht nur halbherzig lernen. Ansonsten gerät man bei einer schlechten Note wahrscheinlich nicht nur unter Zeitdruck, sondern es dürfte auch schwierig werden, sich erneut für den nächsten Versuch zu motivieren." So liest man es auch immer wieder in einschlägigen Jura-Foren, in denen sich Studierende über ihre Erfahrungen austauschen. Ein Forennutzer schreibt etwa, er habe den Freischuss nach einem halben Jahr Repetitorium "mit (bewusst) mangelhafter Vorbereitung wahrgenommen und mit ausreichend bestanden". Er habe zwar verbessern wollen, sich mit dem – wenn auch nur schwach bestandenen – Examen im Rücken aber kaum zur Vorbereitung aufraffen können. Er warnt Kandidaten ausdrücklich vorm "Lern-Burnout".

2/2: Verlängertes Leiden

Prof. Dr. Martin Böse, Strafrechtler an der Universität Bonn, ist der Ansicht, dass ein Freischuss nicht für jeden das Richtige ist. "Wenn es nicht beim ersten Anlauf klappt, kann sich das Lernen in die Länge ziehen – dadurch stehen die Kandidaten lange unter Spannung, was sehr anstrengend sein kann", so seine Erfahrung. Geht ein Kandiat aus dem Freischuss mit einem schlechten Ergebnis heraus, sollte er genauestens analysieren, woran es gelegen hat, so Böses Rat –das sei schließlich der Sinn der Regelung: "Der Freischuss wurde ja auch eingeführt, um die Prüfungsängste der Examenskandidaten abzubauen", sagt der Professor. "Trotzdem sollte man sich auch auf diesen ersten Versuch sehr gut vorbereiten." Der Anteil der Studierenden, die die Gelegenheit zum Freischuss nutzen, schwankt dabei je nach Bundesland massiv. So wurden zum Beispiel in Bayern in den vergangenen zehn Jahren knapp 8.100 Prüflinge im Rahmen des Freiversuchs zur Ersten Juristischen Staatsprüfung zugelassen – das waren rund 40 Prozent der insgesamt zugelassenen Teilnehmer. Rund 7.100 dieser Freiversuchskandidaten haben die Prüfung abgelegt, die Übrigen sind nicht zur Prüfung angetreten oder haben auf die Fortsetzung des Prüfungsverfahrens verzichtet. Zwei Drittel der Freiversuchskandidaten haben die Prüfung bestanden. In Baden-Württemberg hingegen lag der Anteil der Freiversuchsteilnehmer an der Gesamtteilnehmerzahl für die Erste juristische Prüfung in den vergangenen drei Jahren bei rund 20 Prozent. Ungefähr 80 Prozent haben davon bestanden. Weniger schwankend als die Anzahl Freischuss-Kandidaten scheint also die  Erfolgsquote zu sein. Ist der Freischuss also auf jeden Fall einen Versuch wert?

"Der Freiversuch ist Quatsch"

Achim Wüst, Gründer des Juristischen Repetitoriums Hemmer, hält von der Freischussregelung gar nichts und bezeichnet sie als "Quatsch". "Jura ist eine Anwendungswissenschaft. Je länger man sich mit ihr beschäftigt, umso besser wird man", meint er. Die Vorbereitung zur Prüfung sei "wie ein Marathon", so Achim Wüst weiter. "Für den muss man schließlich auch lange trainieren." Seiner Ansicht nach haben Studenten aufgrund von Zwischenprüfungen, großen Scheinen und insbesondere der Schwerpunktbereichsprüfung gar keine Zeit, bis zum achten Semester ausreichend für das Examen zu lernen. "Manche Studenten kommen im sechsten Semester zu uns und wollen sich auf den Freischuss vorbereiten. Die haben meines Erachtens nur Scheinwissen vorzuweisen", sagt Wüst. Er rät, sich lieber Zeit zu lassen und das Studium ohne unnötigen Druck zu absolvieren, sofern man es sich leisten kann. Die ideale Studienzeit liegt für Wüst bei zehn Semestern: "Nur wer vom ersten Semester an stringent studiert, kann es vielleicht nach acht Semestern schaffen, die Prüfung ordentlich zu bestehen. Aber wozu? Ich meine, für das Erste Examen sollte man sich Zeit lassen, um besonders gut zu bestehen – diese Gelegenheit hat man dann schließlich beim Zweiten Examen nicht mehr."

Thema:

Jurastudium

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