Promotions-Datenbank Thesius

Nie wieder doppelte Themen?

von Julia RuweLesedauer: 6 Minuten
Der Gedanke, dass ein Kollege aus Heidelberg eine Arbeit zum eigenen Thema veröffentlicht, während man selbst gerade in Hamburg sitzt und Druckfahnen Korrektur liest, kann einem Doktoranden schlaflose Nächte bereiten. Das Mainzer Startup Thesius will Promotionsstudenten künftig vor solchen  Hiobsbotschaften aus dem Bibliothekskatalog bewahren.

"Zu der Frage, ob eigenmächtiges Geldwechseln Diebstahl ist, liegen aus neuerer Zeit vier Aufsätze und fünf Dissertationen vor. Spätere Rechtshistoriker müssen zu dem Eindruck kommen, dass das eigenmächtige Geldwechseln sich Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu einer Epidemie entwickelt hat." Mit diesem Zitat aus einem Festschriftbeitrag von Friedrich Christian Schroeder aus dem Jahr 1989 vermittelt Peter Mankowski, Hamburger Rechtswissenschaftler und Neubearbeiter von Ingo von Münchs Standardwerk "Promotion", einen Eindruck von den Alltagssorgen, die den typischen Jura-Doktoranden umtreiben. Dass eine eng umgrenzte Spezialfrage vier Aufsätze und fünf Dissertationen füllt, ist kein Einzelfall und muss auch kein Zeichen von Redundanz sein. Neue Gesetze, aktuelle Rechtsprechung, gesellschaftliche und politische Entwicklungen liefern immer wieder Gründe, ein und dasselbe Thema neu zu betrachten und aufzuarbeiten. "Wenn man sich einmal die Mühe macht, zwei Doktorarbeiten mit fast identischen Titeln nebeneinander zu legen, dann wird man schnell feststellen, dass sich dahinter doch ganz Verschiedenes verbergen kann: Gliederung, Argumentation und Tiefe der Bearbeitung können stark variieren. Als Wissenschaftler ist man geradezu darauf angewiesen, dass eine Fragestellung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird, nur so ist ein Diskurs möglich", erläutert Mankowski im persönlichen Gespräch. "Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe."

Was passiert, wenn zwei Dissertationen dasselbe Thema behandeln?

Eine Doktorarbeit soll aber – so regeln es auch die Promotionsordnungen der Universitäten - eine wissenschaftlich beachtliche Abhandlung sein, welche die Befähigung des Doktoranden zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit nachweist. Das bedeutet nicht nur, dass sich eine Dissertation mit allem bisher zum Thema Erschienenen auseinandersetzen muss, sondern auch, dass sie etwas Neues zum wissenschaftlichen Diskurs beitragen soll. In vielen Fächern sind dies persönliche Analysen einer Problematik, bei denen eine Identität der Aussagen höchst unwahrscheinlich ist, auch wenn sie dasselbe Thema betreffen. Gerade wenn aber der Kern der Arbeit ein bestimmtes Forschungsergebnis oder – wie beispielsweise in juristischen Arbeiten üblich –eine Zusammenstellung der bisher zu einem Thema erschienenen Literatur nebst Analyse ist, ist es durchaus möglich, dass zwei voneinander unabhängig erstellte Arbeiten Überschneidungen aufweisen können. Wenn dies in einem Stadium passiert, in dem die eigene Arbeit schon zu weit fortgeschritten ist, um sich noch einem neuen Thema zu widmen , muss der später Publizierende sich mit der vorher erschienenen Dissertation inhaltlich auseinandersetzen. Zum einen, weil dies wissenschaftlich nötig ist. Zum anderen aber auch, weil sonst leicht der Vorwurf im Raum steht, der spätere Kandidat habe sich beim früheren bedient. Insbesondere wenn man aber eine wissenschaftliche Karriere plant, ist es unabdingbar, ein vollkommen eigenständiges Thema zu bearbeiten, um sich auf einem Gebiet einen Namen zu machen. Eine Doppelung der Themen kann den Super-GAU bedeuten.

Intelligente Suche nach Publikationen

Den will seit Beginn 2014 nun Thesius.de verhindern. Wenn es nach den Gründern dieses Mainzer Startups gehen soll, werden es Doktoranden in Zukunft einfacher haben, sicherzustellen, dass ihr Thema noch Potenzial für eine Veröffentlichung besitzt. Bisher war man darauf angewiesen, die einschlägigen Datenbanken nach Passendem zu durchsuchen: Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), der Karlsruher Katalog, auch Google und Amazon müssen befragt werden. Eine Garantie für Vollständigkeit liefert die Suche nicht – auch weil nicht alle Themen, welche eine Dissertation bearbeitet und zusammenführt, immer aus dem Titel der Arbeit hervorgehen. Thesius bietet seinen Nutzern eine Datenbank, die mittelfristig alle deutschen Dissertationen seit 1960 auffindbar machen soll. "Die Suchfunktion beinhaltet dabei anders als bestehende Kataloge auch eine Suche nach Inhaltsindizes, sodass nicht nur nach der genauen Zeichenkette eines Begriffs gesucht wird, sondern eine Suche nach bestimmten Sachkategorien möglich ist", berichtet Michael Grupp, Rechtsanwalt und Geschäftsführer von Thesius. Seine eigene Promotion ruht derzeit, damit er hauptamtlich den Aufbau des Projekts begleiten kann.

Deutsche Nationalbibliothek macht mit

Seine neueste Erfolgsmeldung: Die Deutsche Nationalbibliothek hat sich bereit erklärt, Thesius die Inhaltsverzeichnisse fast aller in der DNB vorhandenen Dissertationen als durchsuchbare PDF-Dateien zur Verfügung zu stellen. "Für uns ist das fantastisch, weil unsere Indexierungen fertig sind und wir die Suchfunktionen direkt auf die Inhaltsverzeichnisse anwenden können. Das bedeutet konkret, dass wir wirklich fast vollkommen indexbasiert, also "intelligent" suchen können und die Nutzer bereits einen genauen Einblick in die jeweilige Monografie erhalten, ohne in der Uni oder anderswo suchen zu müssen." Bereits vor einigen Jahren gab es Bestrebungen des Deutschen Hochschulverbands, eine zentrale Datenbank anzulegen, die alle laufenden Promotionsvorhaben registrieren sollte. Gescheitert sei die Initiative vor allem daran, dass es nicht gelungen sei, die Zulieferung der Daten durch die Universitäten sicherzustellen, vermutet Mankowski. Wenn man so will, startet Thesius mit seiner zweiten Funktion nun einen neuen Versuch, einer Dissertationsdatenbank endlich Leben einzuhauchen. Dabei geht es nicht den Weg über die Lehrstühle und Institute, die Dissertationen betreuen, sondern setzt bei den Doktoranden selbst an. Wer sich bei Thesius registriert, tut dies, indem er seine eigene geplante Publikation angibt, mit Schlagwörtern versieht und ein kurzes Abstract einstellt. Trägt man sich mit dem Gedanken, über ein bestimmtes Thema zu promovieren, kann man prüfen, ob es schon vergleichbare Projekte gibt und ob sich eine weitere Abhandlung tatsächlich lohnen würde.

Frustration vermeiden

"Jeder Doktorand opfert ein, zwei oder sogar drei Jahre seines Lebens, um eine Dissertation zu verfassen. In der Regel dauert es noch einmal einige Zeit, bis die Arbeit bewertet wurde und es schließlich zur Veröffentlichung kommt. Das ist ein Projekt mit vollkommen ungewissem Ausgang. Wir wollen Promotionsstudenten den Frust ersparen, erfahren zu müssen, dass ein Thema zwischenzeitlich schon "abgefrühstückt" wurde – selbst wenn das in Jura nicht immer bedeuten muss, dass man ganz aufgeben muss", erklärt Grupp sein Konzept. Christian Steger, Doktorand und wissenschaftlicher Assistent am Max-Plank-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg, hat sich vor einigen Monaten bei Thesius angemeldet. Er kann sich gut vorstellen, dass künftige Doktoranden-Generationen von dem Modell profitieren könnten: "Bisher beschränkt sich der Austausch mit Kollegen in der Regel auf das Institut, den Lehrstuhl oder die Uni, an der man arbeitet. Über Thesius kann man demnächst vielleicht auch Doktoranden in anderen Städten kennenlernen, die mit dem eigenen Themenkreis zu tun haben. Vom lockeren Austausch bis zum selbst organisierten Doktorandenseminar ist alles denkbar."

Themenangebote von Unternehmen und Kanzleien

Die Vision von einem "Facebook für Doktoranden", wie Zeit online Thesius kürzlich betitelte, ist darauf angewiesen, dass die Nutzerzahl wächst. Derzeit sind etwa 600 Doktoranden aus den Fachbereichen Recht und Wirtschaft auf dem Portal registriert. Eine Zahl, die man im Internetzeitalter mit der Lupe suchen muss. Aber die Gründer von Thesius sind optimistisch. Bisher sei das Projekt nur über persönliche Kontakte bekannt gemacht worden, mit einer echten Werbekampagne wolle man warten, bis das Portas seine Angebotspalette ausgeweitet habe. Dies könnte bald der Fall sein. Ab Herbst sollen Unternehmen und Kanzleien die Möglichkeit erhalten, praxisrelevante Themen, an deren wissenschaftlicher Erforschung sie interessiert sind, kostenlos auf Thesius einzustellen. Angehende Doktoranden könnten so Ideen und vielleicht sogar Stipendien für ihre Arbeit finden.

Bei Juristen noch viel Überzeugungsarbeit nötig

Spricht man mit Juristen über Thesius, bekommt man jedoch immer wieder vor allem einen Einwand zu hören: "Vielleicht einer der Geburtsfehler der Datenbank könnte die Sorge des Doktoranden sein, leichtfertig seine brillanten Ideen preiszugeben, die dann von anderen kopiert und womöglich früher veröffentlicht werden. Thesius wird eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, um die Fachwelt für den Gedanken zu gewinnen, dass die Vorteile durch den geistigen Austausch größer sind als das Risiko, kopiert zu werden", meint Roland Schimmel, Zivilrechtsprofessor an der Fachhochschule Frankfurt und Verfasser zweier Lehrbücher zum wissenschaftlichen Schreiben. Doktorand Steger kennt die Befürchtungen vieler Kollegen, glaubt aber nicht, dass es wirklich Grund zur Sorge gibt: "Wenn man noch keine konkrete Arbeitsthese erarbeitet hat oder sie vorerst nicht in großer Runde teilen möchte, kann man sein Thema einfach etwas abstrakter fassen. Das genügt für interessierte Juristen, um die Arbeit einordnen zu können und bei Bedarf Kontakt aufzunehmen." "Freilich werden Promotionsthemen und deren Bearbeiter auch heute kaum über das WWW annonciert", schreibt Mankowski in der 2013 erschienenen vierten Auflage von "Promotion". Man darf gespannt sein, ob er diesen Satz aus der nächsten Auflage streichen wird – vielleicht zugunsten eines Abschnitts über Thesius.
  

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