Der Landesprimus

Bester Jurastudent Baden-Württembergs

von Constantin Baron van LijndenLesedauer: 4 Minuten
Freuen Sie sich über Ihre Leistungen im Studium? Sind Sie zufrieden mit Ihren akademischen Erfolgen? Dann sollten Sie diesen Artikel vielleicht besser überspringen, denn neben dem Staatsexamen von Stefan Thönissen sieht Ihr hart erkämpftes vollbefriedigend auf einmal erschreckend unspektakulär aus. Ein Gespräch mit Baden-Württembergs bestem Juristen.
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Wenn ein geschickter Betrüger einen gefälschten Lebenslauf entwerfen würde, sähe er bestimmt nicht so aus wie der von Stefan Thönissen. "Viel zu unrealistisch" würde der Befund lauten, mit dem die Meriten nach unten hin angepasst würden. Tatsächlich liest sich das Curriculum Vitae von Thönissen wie der auf ewig unerfüllte feuchte Traum eines jeden Personalers: Der Sohn einer Apothekerin und eines Theologie-Professors überspringt zunächst leichtfüßig gleich zwei gymnasiale Schuljahre, zieht dann zwecks Jurastudium in die notorisch anspruchsvolle Universitätsstadt Freiburg, wo er – selbstverständlich in der Regelstudienzeit – im zarten Alter von 21 Jahren sein Staatsexamen mit 15,66 Punkten und damit der besten Note, die in Baden-Württemberg je vergeben wurde, ablegt. Ach ja, haben wir eigentlich erwähnt, dass er sich nebenbei ehrenamtlich für alte Menschen einsetzt? Die Reaktion im Angesicht von so viel akademischer Exzellenz fällt natürlich denkbar einfach aus: "Der muss doch gleich einen Haufen Leichen im Keller haben!". Thönissen selbst gibt sich darüber amüsiert. Ja, solche Reaktionen kenne er wohl, aber nein, leider könne er die Vorurteile nicht mit dunklen Geständnissen aus seinem Privatleben bestätigen. "Es stimmt aber, dass ich mich an einem Ziel ziemlich festbeißen und bis zur Lösung ein wenig einen Tunnelblick entwickeln kann." Also auch noch eine "Schwäche" wie aus dem Bewerbungs-Bilderbuch – ist ja furchtbar!

Ein Drittel Sachverstand, ein Drittel Disziplin, ein Drittel Glück

Insgeheim weiß natürlich jeder, dass diese Suche nach Flecken auf der weißen Weste des anderen etwas Gehässiges hat, zumal die eigene davon auch nicht sauberer wird. Deshalb wollen wir viel lieber von Herrn Thönissen wissen, wie man es denn anstellt, in solch luftige Höhen der Punktevergabe aufzusteigen. Da gibt der Landesprimus sich bodenständig und bescheiden: "Ich denke schon, dass ich einen gewissen juristischen Sachverstand habe. Die Disziplin in der Vorbereitung und eine gute Portion Glück bei der Themenwahl in den Klausuren haben aber jeweils genau so stark zum Erfolg beigetragen." "Disziplin in der Vorbereitung", das heißt im Falle von Thönissen: Fünf Tage die Woche jeweils etwa zehn Stunden lang lernen, am Samstag dann noch eine fünfstündige Klausur hinterher schieben und den Rest des Wochenendes zum Entspannen und Erholen nutzen. Das klingt einerseits nach einem äußerst harten Pensum – andererseits sind solche und noch längere Arbeitszeiten in der juristischen Berufswelt schon lang keine Seltenheit mehr. Und wer sich bereits im Studium derart geißeln kann, der hat später eine weitaus bessere Position, um einen kürzeren Arbeitstag auszuhandeln.

Kanzleien stehen Schlange

Ein weiteres Mosaikstück bildet das Klima an der juristischen Fakultät. Von sechs Kandidaten, die in Baden-Württemberg im letzten Halbjahr ein "sehr gut" erzielen konnten, stammten fünf von der Universität Freiburg. "Die Fakultät ist klein und hat einen sehr guten Ruf, was wiederum besonders ambitionierte Studenten anzieht und eine Atmosphäre der positiven Konkurrenz schafft. Mit einem der Freiburger Studenten war ich zusammen in der Lerngruppe, auch die übrigen habe ich persönlich gekannt." Auf den Besuch eines kommerziellen Repetitoriums hat Stefan Thönissen verzichtet. "Die Uni stellt ein eigenes Repetitorium und einen Klausurenkurs bereit, das fand ich ausreichend. Am wichtigsten ist ohnehin das eigenständige Lernen ohne fremde Hilfestellung. Anfangs fand ich es auch schwer, mich dazu zu motivieren, aber je mehr man in diesen Rhythmus reinkommt, desto einfacher wird es, dabei zu bleiben." Abkürzungen in der Vorbereitung hat er keine genommen. "Ich wollte nicht das Risiko eingehen, auf Lücke zu lernen und dann möglicherweise auf dem ganz falschen Fuß erwischt zu werden. Aber ich habe, wie wohl jeder Student, Rechtsgebiete, die mir mehr beziehungsweise weniger liegen. Dass in den Klausuren praktisch nur erstere drankamen, war ein glücklicher Zufall, dem ich auch zum Teil mein gutes Abschneiden verdanke", sagt Thönissen. "Ich bin gegen eine Bachelorisierung des Jurastudiums, aber fände es schon sinnvoll, wenn sich die Examensnote aus etwas mehr Einzelleistungen zusammensetzen würde" – eine Kritik, die umso schwerer wiegt, als sie von jemandem stammt, der eindeutig zu den Profiteuren des derzeitigen Systems zählt. Natürlich ist sein Erfolg auch an den großen Spielern im Anwaltsgewerbe nicht unbemerkt vorbeigegangen. Mittlerweile stapeln sich bei Thönissen die Anschreiben von Kanzleien, die ihn einladen möchten, einen Teil seines im April 2013 beginnenden Referendariats bei ihnen zu verbringen. "Ich bin aber noch nicht fest entschlossen, was ich später machen möchte. Ich hoffe, mir darüber während des Referendariats und meiner Promotion klar zu werden." Ein unverbindlicher Tipp von unserer Seite: Bewerben Sie sich lieber nicht auf dieselbe Stelle wie Stefan Thönissen.

Thema:

Staatsexamen

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