Umfrage unter Jura-Absolventen

Schlechte Noten für Unis und Ausbildung

von Christian GrohganzLesedauer: 4 Minuten
Jurastudenten haben über ihr Studium meist viel zu sagen, aber keine Plattform, auf der sie gehört werden. Dies wollte der Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften ändern und führte die erste, bundesweite Absolventenbefragung durch. Deren Ergebnisse sind teilweise überraschend – und für die Unis alles andere als schmeichelhaft.
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In den Mensen und Cafeterien deutscher Jura-Fakultäten tauschen Studenten sich ständig über die ärgerlichen und – seltener – erfreulichen Seiten ihres Studiums aus; weitergehende Beachtung findet ihr Feedback aber meistens nicht. Für den Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF), einen Dachverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften an Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland, wurde es daher Zeit, ein Meinungsbild der Studentenschaft zu erstellen. "Die Idee kam bei einem gemeinsamen Mittagessen", sagt Ralf Borchers, der den Arbeitskreis zur Absolventenbefragung geleitet hat. "Das hat mich so begeistert, dass ich genau wusste, dass es in die Tat umgesetzt werden muss. Denn wer sollte das Jurastudium besser beurteilen können als diejenigen, die es zu Ende gebracht haben?" Für den BRF war es das erste große Projekt, an dem knapp 1.000 (ehemalige) Studenten in sechs Monaten teilnahmen. "Zwar wussten wir, dass es einige landesspezifische Absolventenbefragungen gibt", sagt Borchers, der sich selbst momentan in der Examensvorbereitung befindet. "Und es gab Befragungen, die sich nicht explizit nur auf Jurastudenten konzentrieren. Aber eine bundesweite Befragung dieser Art war uns nicht bekannt." Das hat laut Borchers auch damit zu tun, dass die juristische Ausbildung in vielen Punkten Ländersache ist und jedes Landesjustizprüfungsamt mit eigenen Problemen zu kämpfen hat. In der BRF-Umfrage sollte hingegen jeder Examenskandidat und jeder erfolgreiche Absolvent die Möglichkeit erhalten, sich zu bestimmten Aspekten seines Jurastudiums wie Studienaufbau und Planung, Examensvorbereitung oder Qualität der Betreuung zu äußern. Aber auch Studenten, die das 1. Staatsexamen nicht erfolgreich absolviert hatten, sollten eine Stimme erhalten. Die Absolventen kamen dabei aus allen Bundesländern und hatten ihre Examina fast alle zwischen 2012 und 2014 geschrieben.

Unis bereiten Studenten schlecht auf das Examen vor

Das Zeugnis, welches die Studenten ihrer eigenen Ausbildung dabei ausgestellt haben, ist bestenfalls durchwachsen. Auf die Frage, ob die Universität sie hinreichend auf das Examen vorbereitet hätte, vergaben die Befragten etwa eine Durchschnittspunktzahl von 4,39 – wobei eine Eins der schlechteste, eine Zehn der beste mögliche Wert war. Insgesamt fanden 58,84 Prozent, dass sie während des Studiums nicht die Kompetenzen erlernten, die nach den Ausbildungsgesetzen der Länder gelehrt werden sollten. Als mögliche Verbesserung wünschten sich rund 230 Teilnehmer, dass das Studium stärker an den Anforderungen des Examens ausgerichtet sein müsse. Dazu müssten die Grundlagen und die juristische Methodik besser vermittelt werden. Rund 59 Prozent gaben an, dass an ihrer Universität nicht genügend Kurse angeboten würden, um das juristische Handwerk zu lernen. Zudem äußerten sich knapp 20 Prozent der Teilnehmer kritisch über den Studienaufbau insgesamt. Viele halten das Staatsexamen für veraltet und fordern zum Beispiel einen integrierten Abschluss, der diejenigen retten könnte, die im derzeitigen System durchfallen. Zudem sollten die während des Studiums erbrachten Leistungen angerechnet werden. "Bisher wurden die Studierenden nie in die Entscheidungsprozesse rund um die juristische Ausbildung mit einbezogen", sagt Ralf Borchers, der in Münster studiert. "Auch wenn viele Dinge auf Länderebene geregelt werden - man darf nicht vergessen, dass unser Studiengang nach wie vor ein Staatsexamensstudiengang ist. Dadurch muss auch eine bundesweite Vergleichbarkeit hergestellt werden."

Schwerpunktbereiche: Interessante Ablenkungen

Wenig begeistert zeigten sich die Teilnehmenden auch von Randaspekten der Ausbildung wie den Grundlagenfächern, Auslandsaufenthalten und der Fremdsprachenausbildung. Diese Bereiche werden als unterdurchschnittlich wichtig empfunden. So studierten etwa nur 12,61 Prozent der Befragten an einer Uni im Ausland. Überwiegend zufrieden waren die Teilnehmer hingegen mit ihren Schwerpunktbereichen – am häufigsten wurden hier 'Wirtschafts- und Unternehmensrecht' oder 'Kriminalwissenschaften/Kriminologie' gewählt. Die Möglichkeit, durch die Spezialisierung eigene Interessen zu vertiefen, wurde positiv bewertet. Allerdings seien die Noten in den Schwerpunktbereichen nicht vergleichbar, da es je nach Universität verschiedene Prüfungsarten und Bewertungsmaßstäbe gebe. Außerdem stelle der Schwerpunkt eine zusätzliche zeitliche Belastung dar, die vom eigentlichen Ziel, dem staatlichen Teil des Examens, nur ablenke. Einige bemängelten zudem, dass die Regelstudienzeit nach der Schwerpunktreform 2003 an ihrer Universität nicht angepasst worden sei, was einen großen Nachteil für BAföG- Empfänger darstelle. "Es gibt offensichtlich Missstände in unserer Ausbildung, die behoben werden müssen", kommentiert Ralf Borchers die Ergebnisse. "Das war vielen auch schon vor dieser Befragung klar, aber jetzt haben wir es schwarz auf weiß." Die Unis müssten sich fragen, warum sie beim Thema Examensvorbereitung so schlecht abschneiden. Und der Gesetzgeber sollte prüfen, ob die juristische Ausbildung noch zeitgemäß sei. Aber auch die Studierenden nimmt Borchers in die Pflicht. Sie sollten sich überlegen, ob sie sich manchmal einfach zu sehr auf die Uni und andere Institutionen verließen. "Gerade als angehender Jurist sollte man letztlich alles kritisch beleuchten und eigenverantwortlich handeln." Damit die Absolventenbefragung nicht die einzige ihrer Art bleibt, arbeitet der BRF bereits an einer zweiten, verfeinerten Umfrage. "Die nächste Herausforderung besteht nun darin, die Ergebnisse zu verarbeiten und neue Diskussionen anzuregen", sagt Borchers. "Jura-Studenten brauchen ein gemeinsames Sprachrohr, um auf Missstände und auch positive Erfahrungen aufmerksam machen zu können. Denn 1.000 Meinungen können sicherlich mehr bewegen als eine Einzelne."

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